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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „IFG-Antrag Strategiekonzept für Abt. 2

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4. Forschungs- und Drittmittelstrategie

Ausgangssituation

Das bisherige Forschungsprogramm der Abteilung 2 ist zugleich als Anwendungs- und in ge-
ringerem Umfang als Grundlagenforschung angelegt. Es nimmt relevante Fragestellungen
aus dem wissenschaftlichen Public-Health-Diskurs, der Public-Health-Praxis sowie der Ge-
sundheitspolitik auf, die der Bearbeitung aktueller und antizipierter Amtsaufgaben dienen.
Aktuelle öffentliche Erkenntnisbedarfe, wie z.B. Forschungsfragen zur COVID-19-Pandemie,
nehmen eine große Rolle ein und binden erhebliche Teile der Forschungskapazitäten der
Abteilung.

Allen in der Abteilung verfolgten Forschungsthemen ist gemein, dass sie jeweils essentiell
für die Planung von Präventionsmaßnahmen und Versorgungsstrukturen und somit von
höchster Public-Health-Relevanz sind. Darüber hinaus adressiert die Abteilung 2 mehrere in
der Forschungsagenda 2018-2025 des RKI spezifizierte Forschungsprioritäten. Im Einzelnen
werden aktuell folgende Forschungsthemen verfolgt:
    ● Körperliche Gesundheit (FG 25)
    ● Psychische Gesundheit (FG 26)
    ● Gesundheitsverhalten (FG 27)
    ● Soziale Determinanten der Gesundheit (FG 28)
    ● Befragungs- und Untersuchungsmethodik (FG 21, 23)
    ● Optimierung laboranalytischer Methoden (FG 22)
    ● Begleitforschung zur zielgruppenadäquaten Gesundheitsberichterstattung (FG 24)
    ● Forschung mit Krebsregisterdaten (ZfKD)

Nachfolgend werden diese Forschungsthemen skizziert.

Analysen zur körperlichen Gesundheit im Lebensverlauf adressiert das Fachgebiet 25. Die
Forschungsagenda des Fachgebiets fokussiert auf ausgewählte nicht-übertragbare chroni-
sche Krankheiten (NCD) von hoher Public-Health-Relevanz (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen
und Diabetes mellitus) und lebensphasenspezifische Aspekte gesundheitlicher Ressourcen
und Risiken (z.B. Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, jungen Erwachsenen sowie älte-
ren und hochaltrigen Menschen). Forschungslinien umfassen:
    ● Die Weiterentwicklung von Konzepten und Indikatoren für eine systematische und
       fortlaufende Erhebung, Analyse und Bewertung epidemiologischer Kerninformatio-
       nen zu wichtigen körperlichen NCD (Krankheitshäufigkeiten, ursachenspezifische
       Mortalität und vorzeitige Sterblichkeit, Verbreitung von Krankheitsvorstufen und be-
       einflussbaren biologischen Risikofaktoren) als fester Bestandteil des bundesweiten
       RKI-Gesundheitsmonitorings.
    ● Die Weiterentwicklung von Konzepten und Indikatoren für eine geschlechter- und
       lebensphasensensible Erfassung und Analyse von zentralen Aspekten der körperli-
       chen Gesundheit (subjektive Gesundheit, gesundheitsbezogenen Lebensqualität,
       körperliche und kognitive Funktionsfähigkeiten, Teilhabe, Risikofaktoren) unter Ein-
       schluss bislang unzureichend in das RKI-Gesundheitsmonitoring integrierter älterer
       Menschen in der häuslichen oder stationären Langzeitpflege.



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● Die Analyse von Ko- und Multimorbidität, einschließlich der Zusammenhänge zwi-
     schen körperlicher und psychischer Gesundheit und zwischen nicht-übertragbaren
     und übertragbaren Erkrankungen (z.B. Post-COVID-19-Zustand).
   ● Die Analyse von Aspekten der Versorgungsqualität (z.B. leitliniengemäße Inanspruch-
     nahme von Versorgungsangeboten und Arzneimitteleinnahme, subjektiv einge-
     schätzte Versorgungsqualität).

Das Monitoring der psychischen Gesundheit und Lebensqualität über die Lebensspanne so-
wie die Analyse von deren Risiko- und Schutzfaktoren auf individueller und psychosozialer
Ebene ist im Fachgebiet 26 angesiedelt. Schwerpunktaufgaben lassen sich unter den nach-
folgenden Schwerpunktbereichen subsummieren:
    ● Erfassung und Beschreibung des psychischen Gesundheitszustandes mittels Primär-
       datenerhebungen
    ● Untersuchung von Zusammenhängen mit Bezug zu Schutz- und Risikofaktoren
    ● Triangulation mit Routinedaten zur Beschreibung und Erklärung von Diskrepanzen
    ● Entwicklung und Weiterentwicklung von Methoden zur Datenerhebung und Analyse

Neben der Epidemiologie psychischer Auffälligkeiten und Störungen mit hoher Public-
Health-Relevanz werden bedarfsorientiert Schwerpunktthemen und aktuelle Themen der
psychischen Gesundheit aufgegriffen, z.B. ADHS, chronischer Stress, gesundes kognitives Al-
tern oder Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit und Lebens-
qualität. Verfolgt werden dabei folgende Forschungslinien:
    ● Weiterentwicklung von Kernindikatoren für die Surveillance psychischer Gesundheit
        über die gesamte Altersspanne, Verstetigung einer systematischen und kontinuierli-
        chen Mental Health Surveillance für Deutschland mit regelmäßiger Primärdatenerhe-
        bung, epidemiologischen Analysen, Berichterstattung/ Dissemination von Prävalen-
        zen und Trends in unterschiedlichen Zeitintervallen (von zeitlich engmaschiger Ad-
        hoc-Surveillance zu Trends über mehrere Jahre), verschiedenen Disseminationsfor-
        maten (z.B. zeitnahes adressatengerechtes Berichten (z.B. Dashboard) und Integra-
        tion in eine zukünftige RKI Public Health Surveillance.
    ● Weiterentwicklung, Validierung und Implementierung von Effizienz steigernden
        psycho-diagnostischen und psychometrischen Instrumenten, die kompatibel zu ver-
        schiedenen Erhebungsformaten sind, ebenso wie Erhebungs- und Auswertungskon-
        zepte und Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) mit potenziellem Mehrwert für
        die Beantwortung relevanter inhaltlicher Fragestellungen für das Monitoring psychi-
        scher Gesundheit (z.B. telefonisches psychodiagnostisches Interview, behaviorale In-
        dikatoren über passive smartphone sensing, adaptives Testen).
    ● Methodenstudien zur Schätzung und Aufklärung von Konkordanz und Diskrepanz
        zwischen Primär- und Sekundärdaten über die Verknüpfung relevanter Sekundärda-
        tenquellen (Daten-Linkage) mit Primärdaten des RKI-Gesundheitsmonitorings/RKI
        Panels, sowie Etablierung von Auswertungsroutinen (z.B. GKV, DRV, Bundesarztregis-
        ter, Notaufnahmeregister etc.).
    ● Vertiefte epidemiologische Analysen bevölkerungsbezogener, repräsentativer Daten
        zu individuellen und psychosozialen Schutz- und Risikofaktoren psychischer Gesund-
        heit mit dem Ziel, Präventionspotenziale insbesondere mit Blick auf Transitionspha-
        sen mit spezifischen Entwicklungsaufgaben zu identifizieren.




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● Translationale, integrative Versorgungsforschung durch Verknüpfung von klinischen,
     epidemiologischen und administrativen Sichten auf spezifische psychische Störungen
     in Verbindung mit Grundlagenforschung zur Validität relevanter Indikatoren der psy-
     chischen Gesundheit.
   ● Umsetzung von flexiblen vertiefenden Modulstudien zu gesellschaftlich aktuell rele-
     vanten Themen zur psychischen Gesundheit.
   ● Analysen zu ausgewählten Indikatoren psychischer Gesundheit in Europa, auf der Ba-
     sis der regelmäßigen, gesetzlich verankerten EHIS Erhebungen.

Die Surveillance von gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen und die Zusammenhänge von
individuellen, sozialen und umweltbezogenen Faktoren auf das Gesundheitsverhalten ste-
hen im Fokus des Fachgebiets 27. Die Forschung dient als Grundlage für die Public Health
Surveillance, die Prävention und Gesundheitsförderung, evidenz-basierte Handlungsemp-
fehlungen und die Bewertung der Wirksamkeit von gesundheitspolitischen Maßnahmen
zum Gesundheitsverhalten. Für diese Aufgaben werden unter anderem folgende For-
schungslinien bearbeitet:
    ● Beschreibung und Analyse des Gesundheitsverhaltens der Bevölkerung (z.B. Ernäh-
        rung, körperliche Aktivität, Tabak- und Alkoholkonsum) auf der Grundlage der konti-
        nuierlicher Beobachtung von relevanten Indikatoren und seinen individuellen (z.B.
        Motivation, Gesundheitskompetenz) und verhältnisbezogenen Determinanten (z.B.
        soziale Normen, bauliche Umwelt, Klimawandel, Maßnahmen zur Förderung des Ge-
        sundheitsverhaltens).
    ● Entwicklung von innovativen Instrumenten, Methoden und Indikatoren zur Erfassung
        von Gesundheitsverhalten (insbesondere digitaler Methoden z.B. Bewegungstracker)
        inklusive Studien zur Validität, Machbarkeit und Effektivität.
    ● Analysen zu Kombinationen von Aspekten des lebensstilrelevanten Gesundheitsver-
        haltens (wie Rauchen, körperliche Aktivität, Alkoholkonsum, Ernährungsverhalten
        und Übergewicht), hiermit zusammenhängende Determinanten und krankheitsbezo-
        gene Risikofaktoren.
    ● Forschung und Erfassung von Faktoren der Verhaltensänderung wie Motivation, Ver-
        hältnisse, Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung.
    ● Forschungsaktivitäten beziehen sich beispielsweise auf die Einsatzmöglichkeiten digi-
        taler Messverfahren, die Exploration von Einflussfaktoren auf Gesundheitsverhalten
        im Lebensverlauf, die Schnittmengen von klimarelevantem und gesundheitsförderli-
        chem Verhalten, sowie die Rolle der Lebenswelten (Settings) in der Beeinflussung
        von Gesundheitsverhalten.

Die Analyse sozialer Determinanten der Gesundheit und die daraus resultierende gesund-
heitliche Ungleichheit unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen (bspw. Mig-
ration, demografische Alterung, Wandel der Arbeitswelt, Pandemiegeschehen) adressiert
das Fachgebiet 28. Die Forschungsagenda des Fachgebiets fokussiert auf Aspekte gesund-
heitlicher Chancengerechtigkeit und teilt sich in vier zentrale Forschungslinien auf, und
zwar:
    ● Bestandsaufnahme, fortlaufende Aktualisierung und Weiterentwicklung von Indika-
        toren und Konzepten der Soziodemographie und Sozialstrukturanalyse auf individu-
        eller und regionaler Ebene, um diese langfristig in das RKI-Gesundheitsmonitoring zu
        integrieren.


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● Vertiefende Analyse gesundheitlicher Ungleichheiten zur Identifikation von gesund-
     heitlich besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppen und Regionen.
   ● Konzeptionelle Weiterentwicklung von Zugangswegen und die Verbesserung der Er-
     reichbarkeit sozial benachteiligter Gruppen im Rahmen des RKI-Gesundheitsmonito-
     rings, um möglichst alle Gruppen der Bevölkerung in die Surveys zu integrieren.
   ● Grundlagenforschung zum Verständnis der komplexen Zusammenhänge zwischen
     sozialer Ungleichheit und Gesundheit sowie ihrer zugrundeliegenden Mechanismen.
   ● Dissemination und Verwertung von Forschungsergebnissen durch gemeinsame/par-
     tizipative Forschung mit der Public-Health-Praxis und den Beforschten selbst.

Die Forschungsexpertise im Bereich der Befragungs- und Untersuchungsmethodik ist in den
Fachgebieten 21 und 23 gebündelt. Durch die Verwendung neuer Technologien (Mobile-
Apps, z.B. Corona-Warn-App), Wearables (wie Fitnessarmbänder oder Smartwatches für die
Corona-Datenspende) und Meta-Informationen werden Möglichkeitsräume für den Einsatz
digitaler Befragungstechnologien erschlossen. Dank der fachgebiets-, abteilungs- und orga-
nisationsübergreifende Zusammenarbeit in verschiedenen Projekten ist in den vergangenen
Jahren ein dichtes Netzwerk interdisziplinärer Akteurinnen und Akteuren entstanden und
wird zunehmend ausgebaut. Folgende methodische Forschungsfragen stehen dabei im Fo-
kus:
    ● Grundlagenforschung im Bereich Survey-Design, inklusive Optimierung von (Online-)
        Erhebungsinstrumenten, Untersuchung von Mode- und Interviewer-Effekten und
        Maßnahmen zur Response-Steigerung (u.a. Incentivierungs-Strategien) unter Berück-
        sichtigung von schwer erreichbaren Gruppen.
    ● Begleitforschung in der Strategieplanung, während der Konzeption, Durchführung
        und Nachbereitung von Forschungsvorhaben (u.a. Panel-Aufbau).
    ● Weiterentwicklung digitaler Evaluationsverfahren und Metriken zur Qualitätssiche-
        rung.
    ● Entwicklung und Evaluierung von neuen methodischen Ansätzen zur Gewinnung von
        Bioproben und Messwerten durch Kooperationspartnerinnen/-partner und Auftrag-
        nehmerinnen/-nehmer (Hausärztinnen und Hausärzte, Labore, Gesundheitsämter),
        Erprobung und Validierung von Methoden der Selbstbeprobung und Selbstmessung
        (z.B. Kapillarblutabnahmen und Blutdruckmessungen).

Forschungsfragestellungen zu laboranalytischen Methoden werden im Fachgebiet 22 ver-
folgt. Bei der Konzeption von neuen Studien zeigt sich regelmäßig ein großer Beratungsbe-
darf der inhaltlich arbeitenden Fachgebiete über die Aussagekraft von Laborparametern für
epidemiologische Zwecke. Hieraus ergeben sich teilweise neue Forschungsfragen, die im
Fachgebiet 22 behandelt werden. Folgende Forschungslinien werden verfolgt:
    ● Relative Validität bzw. Qualität von Einflussfaktoren auf Laborparameter für körperli-
        che oder psychische Gesundheitsstörungen bzw. für Gesundheitsverhalten (z.B. Er-
        nährung, Rauchen, Alkoholkonsum).
    ● Optimierung laboranalytischer Methoden (z.B. zur Messung von Jod im Urin im Rah-
        men des Jod-Monitorings).
    ● Rahmenbedingungen und Maßnahmen zur Gewinnung von Bioproben, unter Berück-
        sichtigung des epistemischen Interesses der Primärforschenden und der sich daraus
        ergebenden Qualitätsansprüche an Labordaten.




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● Methodenentwicklung zur Nutzbarmachung bevölkerungsbezogen gewonnener La-
     bormesswerte für die Wissenschaft und Versorgung (z.B. bevölkerungs- und unter-
     gruppenspezifische Verteilungen und Referenzintervalle).
   ● Sach- und zielgruppengerechte Interpretation und Kommunikation von Laborpara-
     metern.

Aufgabe des FG 24 ist die Gesundheitsberichterstattung; diese „bietet eine interpretierende
Beschreibung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung, analysiert Problemlagen und
weist auf eventuelle Handlungsbedarfe hin“ (Gute Praxis GBE, JoHM S1/2019). Die For-
schungstätigkeit des Fachgebiets fokussiert somit auf Konzeption und Impact der Vermitt-
lung von Public-Health-Informationen und auf die Erschließung der dafür benötigten weite-
ren Datenquellen. Hierzu zählen neben amtlichen Statistiken auch Leistungs- und Abrech-
nungsdaten des Gesundheitswesens. In den Aufgabenbereich von FG 24 fallen damit auch
krankheitsübergreifende Indikatoren- und Rechensysteme für vergleichende Public-Health-
Analysen (derzeit vor allem Burden of Disease). Forschungslinien umfassen:
    ● Wissenschaftskommunikation: Evidenzbasierte Weiterentwicklung von Konzeption,
       Methoden und Darstellungsformen der GBE; dies beinhaltet z.B. die Erprobung
       neuer Kommunikations- und Berichtsformen (Policy Briefs, Infographics), Methoden
       der Themengenerierung (Text Mining), Zielgruppenorientierung (Partizipation, Citi-
       zen Science) und Evaluation (Impact-Analysen).
    ● Konzeption und Weiterentwicklung der nationalen Krankheitslaststudie Burden
       2020; insbesondere deren Ausbau in Richtung einer Erweiterung des Erkrankungs-
       spektrums, der Entwicklung von Prognosemodellen sowie von anschließenden
       Health Impact-Analysen.
    ● Ausbau der Nutzung von Sekundärdatenquellen und Routinedaten für die GBE und
       Public Health (Schnittstelle zu Burden of Disease), einschließlich Verknüpfung mit in
       der Abteilung erhobenen Daten sowie Analysen zur Inanspruchnahme von Gesund-
       heitsleistungen.
    ● Diversität und Intersektionalität und ihre Abbildung in Public Health und der GBE.
    ● Ausbau bestehender internationaler Forschungsperspektiven mit dem Ziel des Auf-
       baus einer europäischen Infrastruktur zu Gesundheitsinformation im NCD-Bereich;
       Erweiterung internationaler Aktivitäten auf weitere Themenbereiche.

Das Zentrum für Krebsregisterdaten befasst sich mit der bundesweiten Auswertung der Da-
ten der Landeskrebsregister, ab Ende 2022 werden neben epidemiologischen auch Daten
aus der inzwischen in allen Ländern etablierten klinischen Krebsregistrierung übermittelt.
Neben der allgemeinen Berichterstattung zu epidemiologischen Kennzahlen verschiedener
Krebsarten umfasst die Forschungsstrategie vor allem Public-Health-relevante Aspekte wie
Beschreibung der Auswirkungen bevölkerungsweiter Maßnahmen zur Primär- und Sekun-
därprävention von Krebserkrankungen. In Zukunft werden auch Fragestellung zur Versor-
gung von an Krebs erkrankten Personen in den Fokus rücken, soweit sie einen Bevölkerungs-
bezug aufweisen. Beispiele wären:
    ● Analyse von Versorgungsunterschieden zwischen städtischen und ländlichen bzw.
       wirtschaftlich stärker und schwächer entwickelten Regionen.
    ● Untersuchung des Einflusses der COVID-19-Pandemie auf das Versorgungsgeschehen
       und Outcome (Überlebensrate, Mortalität).




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● Neu- und Weiterentwicklung methodischer Ansätze im Bereich der Auswertung von
     Krebsregisterdaten; dies umfasst auch den Bereich der Qualitätssicherung der Daten
     bzw. den Umgang mit nicht perfekten Daten, sowie die Prognose der künftigen
     Krankheitslast an Krebs.
   ● Innovative Methoden für die datenschutzgerechte Bereitstellung von Daten an
     Dritte, Anonymisierungskonzepte, Konzepte des Verteilten Rechnens und für die
     Verknüpfung von Registerdaten mit anderen Datenkörpern.
   ● Erschließen der Krebsregisterdaten für neue Formen der wissenschaftlichen Nutzung
     wie registerbasierte Studien, KI-Anwendungen, und quasi-experimentelle Studiende-
     signs.

Aktuell verfügt die Abteilung 2 über keine einheitliche und festgeschriebene Forschungs-
und Drittmittelstrategie. Drittmittel dienen der Einwerbung von Projekten zum Füllen von
Datenlücken, zur Beantwortung methodischer Fragestellungen und zur Bindung personeller
Ressourcen, die perspektivisch im Rahmen von Amtsaufgaben eingesetzt werden könnten.
Wünschenswert wäre zudem, dauerhaft Forschungsressourcen verfügbar zu haben, die bei-
spielsweise der Vorbereitung aussichtsreicher Drittelmittelanträge (i. S. von „seed money“,
einem Startkapital zur Pilotierung von Vorhaben), der Förderung von Doktorandinnen/Dok-
toranden und Habilitandinnen/Habilitanden, und der Erfüllung der gestiegenen administra-
tiven Anforderungen hinsichtlich datenschutzrechtlicher und ethischer Prüfung von Anträ-
gen dienen.

Zielbeschreibung

Das übergeordnete Ziel ist die Entwicklung und Umsetzung einer langfristigen und verbindli-
chen Strategie zur Akquise von Forschungs- und Drittmitteln. Zentrale Elemente dieser Stra-
tegie sollen sein (1) die inhaltliche Festlegung der zu bearbeitenden Forschungsthemen und
-linien (nebst einer expliziten Abgrenzung gegenüber Themen, die nicht bearbeitet werden
sollen) sowie (2) ein verbindliches, kriterienorientiertes Vorgehen zur abteilungsinternen
Abstimmung und Priorisierung von Forschungsvorhaben.

Im Hinblick auf die inhaltliche Orientierung sollen neben fachgebietsspezifischen For-
schungsthemen vor allem solche entwickelt und benannt werden, die Synergien innerhalb
der Abteilung, zu anderen Abteilungen und Einheiten des RKI und zu extern vorhandener Ex-
pertise vorsehen.

Kriterien zur abteilungsinternen Abstimmung und Priorisierung von Forschungsvorhaben
könnten beispielsweise sein:
    ● Passung zu den in der Forschungsagenda 2018 - 2025 des RKI spezifizierten For-
        schungsprioritäten.
    ● Ausmaß des Bezugs zu aktuellen und antizipierbaren Amtsaufgaben einschließlich
        Verstetigungspotenzial des Vorhabens.
    ● Bedeutung des jeweiligen Vorhabens zur Etablierung bzw. zum Ausbau einer führen-
        den Rolle im Bereich der Erhebung und Auswertung von Gesundheitsdaten in der na-
        tionalen Public-Health-Landschaft (Mehrwert des Vorhabens für die Themen der Ab-
        teilung).



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● Passung zu jeweils aktuellen (gesellschaftlichen) Entwicklungen und daraus resultie-
       rende Entwicklung neuer relevanter Indikatoren für die Public Health Surveillance
       (z.B. Klimawandel, COVID-19, Migrationsbewegungen).
     ● Innovationspotenzial (z.B. zur Erschließung neuer Themenfelder und methodischer
       Ansätze, zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Abteilungsmitarbeiterinnen
       und -mitarbeiter).
     ● Vernetzungspotenzial im Sinne von Kooperationen mit nationalen und internationa-
       len wissenschaftlichen Partnerinnen und Partnern, zum Austausch, wissenschaftli-
       chen Input, Harmonisierung von Prozessen, Empfehlungen und Indikatoren und zur
       Stärkung der Sichtbarkeit des RKI in der wissenschaftlichen Community.

Für den wissenschaftlichen Nachwuchs soll es die Möglichkeit der Beantragung von „seed
money“ geben, d.h. Personalmittel (ca. drei Monate) zur Beantragung von Drittmitteln, Pro-
motions- oder Habilitationsstipendien sowie Sachmittel (z.B. für Pilotstudien, Arbeitstreffen,
Ethikvotum) geben. Über die Förderung dieser Anträge wird zentral in der Abteilung ent-
schieden. Die Förderkriterien werden in einer fachgebietsübergreifenden Arbeitsgruppe
entwickelt (Forschungs- und Drittmittelakquisestrategie) entschieden.


Maßnahmen und Zeitplanung

 #      Maßnahmenbeschreibung                                Ergebnis              Umsetzung
                                                                                   bis Ende:

 F.1    Entwicklung einer Forschungs- und Drittmittelak-     Forschungs- und Q3/2022
        quisestrategie der Abteilung einschließlich voll-    Drittmittelakqui-
        ständiger zur Umsetzung erforderlicher Abläufe       sestrategie liegt
        und Dokumente im Rahmen einer fachgebiets-           vor und ist in-
        übergreifenden Arbeitsgruppe (siehe Anhang 1).       tern kommuni-
                                                             ziert

 F.2    Umsetzung der Forschungs- und Drittmittelakqui-      Konzept umge-         Q4/2022
        sestrategie                                          setzt

 F.3    Laufende Evaluation und Weiterentwicklung der        Jährlich aktuali-     Erstmalige
        Forschungs- und Drittmittelakquisestrategie in ei-   siertes Konzept       Revision
        ner fachgebietsübergreifenden Arbeitsgruppe                                Q4/2023,
        (siehe Anhang 1)                                                           dann jährlich
                                                                                   in Q4




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5. Organisationsstruktur

Ausgangssituation

Seit der Strukturreform 2015 ist die Abteilung 2 in neun Fachgebiete unterteilt, die jeweili-
gen Aufgaben definiert der aktuell gültige Geschäftsverteilungsplan. Abbildung 8 visualisiert
diese neun Fachgebiete und die Beziehungen untereinander.

Abbildung 8: Fachgebiete der Abteilung 2




Im mittleren Bereich der Abbildung 8 sind fünf inhaltlich verfasste Fachgebiete dargestellt,
die in ihren jeweiligen Expertisebereichen Anfragen bearbeiten und Forschungsvorhaben
konzipieren bzw. auswerten. Auf der linken Seite von Abbildung 8 sind drei methodisch-ope-
rative Fachgebiete dargestellt, deren Kernaufgaben darin bestehen, Forschungsvorhaben in
Form von Befragungs- und Untersuchungsstudien durchzuführen. Auf der rechten Seite der
Abbildung findet sich die Gesundheitsberichterstattung, welche im Wesentlichen Dissemina-
tionsaufgaben übernimmt.

Weitere Einheiten der Abteilung sind der Abteilungsstab sowie das Qualitätsmanagement
und die externe Qualitätssicherung der NAKO Gesundheitsstudie. Formal angebunden sind
beide Arbeitsbereiche an die Abteilungsleitung. Zusätzlich existieren über 20 Arbeits- und
Steuerungsgruppen, deren Aufgaben im Anhang 4 zusammengefasst sind.

Abbildung 9 visualisiert die Kommunikationsstrukturen der Abteilung und deren Einbettung
in die Gesamtorganisation des RKI.




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Abbildung 9: Kommunikationsstrukturen der Abteilung und deren Einbettung in die Ge-
samtorganisation des RKI




Während sich der grundsätzliche Zuschnitt der Abteilung bewährt hat, lassen sich fünf orga-
nisationale Herausforderungen identifizieren.
    ● Die in diesem Strategiedokument beschriebenen Infrastruktur- und Forschungsvor-
        haben sind quer zu den Fachgebieten verortet. Die zukünftige Organisationsstruktur
        soll eine sinnvolle Einbindung dieser Vorhaben vorsehen.
    ● Die Fülle an Arbeits- und Steuerungsgruppen führt zur Bindung wichtiger Personal-
        ressourcen. Es sollte deshalb ein Vorgehen etabliert werden, in deren Rahmen die
        Existenzberechtigung jeder Arbeits- und Steuerungsgruppe periodisch überprüft
        wird.
    ● Weitere zentrale Aufgaben, wie beispielsweise Unterstützung von RKI-weiten Kom-
        munikationsmaßnahmen aus der Abteilung heraus, sind momentan innerhalb einzel-
        ner Fachgebiete verortet. Diese zentralen Funktionen sollen enger an die Abteilungs-
        leitung gebunden werden.
    ● Die bisher etablierten Kommunikationsstrukturen sehen vor allem persönliche und
        virtuelle Treffen sowie den E-Mail-Austausch vor. Moderne bzw. agile Kollaborati-
        onsformate und -werkzeuge wie beispielsweise gemeinsam genutzte Kommunikati-
        ons- und Projektmanagementumgebungen oder auch Werkzeuge zur kollaborativen
        Bearbeitung von Dokumenten sind bisher noch nicht etabliert.
    ● Schließlich stellen sich die Abschnitte zu den einzelnen Fachgebieten der Abteilung 2
        im Geschäftsverteilungsplan des RKI in Inhalt, Umfang und vor allem Abstraktions-
        grad uneinheitlich dar. Eine Harmonisierung der Geschäftsverteilungspläne der Ab-
        teilung im Hinblick auf deren Aufbau, Inhalt und Umfang erscheint deshalb angemes-
        sen.




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Zielbeschreibung

Die bewährte organisationale Einteilung in die bestehenden Fachgebiete soll beibehalten
und weiterentwickelt werden, so dass die in diesem Strategiepapier formulierten Infrastruk-
tur- und Forschungsziele erreicht werden können. Abbildung 10 verdeutlicht die ab 2022
gültige abteilungsinterne matrixförmige Struktur, die sich am sog. „Spotify-Modell“ orien-
tiert.

Abbildung 10: Matrixförmige Struktur der Abteilung 2




An die Abteilungsleitung soll neben dem bisherigen Stab auch weiterhin die externe Quali-
tätssicherung der NAKO Gesundheitsstudie und das Qualitätsmanagement angegliedert
sein. Dadurch wird gewährleistet, dass diese Aufgabe sowohl institutsweit als auch abtei-
lungsintern optimal eingebunden ist.

Zur Umsetzung der Infrastruktur- und Forschungsmaßnahmen sollen fachgebietsübergrei-
fende Arbeitsgruppen eingerichtet werden. Fachübergreifende Arbeitsgruppen, die kon-
krete Angebote entwickeln (z.B. HIS), arbeiten auf Basis agiler Projektmanagementmetho-
den. Jedes Fachgebiet trägt mit seiner spezifischen Expertise zur Erreichung der arbeitsgrup-
penspezifischen Ziele bei. Um welche Beiträge es sich handelt, ist im Anhang 1 zusammen-
gefasst. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen sollen RKI-weit anschlussfähig und - falls von der
Leitung gewünscht - auf RKI-Ebene transzendierbar sein.

Alle bereits bestehenden Arbeits- und Steuerungsgruppen (siehe Anhang 4) werden mit ei-
nem jährlichen Ablaufdatum mit Stichtag 31. Dezember versehen. Möchte bzw. soll die Ar-
beitsgruppe weiterarbeiten, muss ein begründeter Antrag an die Abteilungsleitung gestellt
werden (bis zum 15. November des jeweiligen Jahres), der innerhalb von 14 Tagen entschie-
den wird.

Es sollen Werkzeuge zur kollaborativen und agilen Bearbeitung von Projekten eingeführt
und etabliert werden.

Die Darstellung der Fachgebiete der Abteilung 2 im Geschäftsverteilungsplan des RKI soll
standardisiert und harmonisiert werden.



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