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Amtsblatt der Bundesnetzagentur
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Der TV-Markt
Der heutige Wettbewerb auf dem europäischen TV-Markt spielt sich zwischen vier ver-
schiedenen Technologien ab: Kabel, Satellit, digitales terrestrisches TV (DTT) und IPTV
(zugänglich über verschiedene Breitband-Plattformen). In einigen Ländern sind allerdings
nur eine oder zwei dieser Zugangstechnologien vorhanden. Aus vorhandenen Daten aus
neun westeuropäischen Ländern ergibt sich zum Beispiel, dass im Jahr 2008 31 Prozent
der westeuropäischen10 Haushalte Fernsehen über Kabel empfingen, 16 Prozent über Sa-
tellit, 2 Prozent über DTT und 4 Prozent über IPTV. Die restlichen 47 Prozent der Haus-
halte nutzten Free TV (terrestrisch und über Satellit)11. Die Anteile der einzelnen Techno-
logien sind aufgrund von verschiedenen terrestrischen Regulierungen, der Verbreitung
von Kabel und der historischen Wettbewerbsentwicklung von Land zu Land unterschied-
lich. In Großbritannien ist zum Beispiel das Satellitenfernsehen besonders stark vertreten,
wobei Sky als Hauptakteur und Virgin Media als Konkurrent auftritt. In den Niederlanden
ist das Kabelfernsehen dominant; konkurrierende Infrastrukturen wie Satelliten, DTT und
IPTV haben einen weitaus geringeren Marktanteil (siehe Abbildung 10).

Der Entwicklungsstand von IPTV variiert von Markt zu Markt, weil die ehemaligen PTTs
sehr unterschiedliche Investitions- und Marketingansätze verfolgen. In Frankreich mach-
te der IPTV Marktanteil im Jahr 2008 zum Beispiel 15 Prozent aus, also weit mehr als in
den meisten anderen europäischen Märkten.

Abbildung 10: Der europäische TV-Markt im Jahr 2008

               Anzahl Fernsehkunden pro Infrastruktur (Q2 08)

                              ~7M              ~4,5M             ~2,5M               ~4M              ~25M              ~3,5M             ~26M          ~23M            ~38M
               100%



                   80



                   60



                   40



                   20



                     0
                                NL                BE                DK                SE                FR                AT                UK           IT              DE
DTT-Verbreitung
(in %):                          9                 0                 0                15                 3                 0                 2           0               0

IPTV-Verbreitung
(in %):                          3                 8                 2                 9                15                 2                 1           2               1

                                         Analoges Kabel                    Digitales Kabel                   Satellit           DTT              IPTV         Free TV

Zu beachten: Kalkulierter Restanteil an Free TV-Haushalten in Prozent; Free TV schließt sowohl terrestrisches Fernsehen als auch Satelliten-TV ein;
NL schließt Anschlüsse über Fiberglaskabel aus
Quelle: Screen Digest; Telecompaper; Dataxis; OneSource

10
     Prozentsätze basieren auf neun westeuropäischen Ländern (NL, BE, DK, SE, FR, AT, UK, IT, DE)
11
     Daten in Abbildung 10 basieren auf neun Märkten




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 „Next Generation“ Wettbewerb




Einer der Gründe für die große Verbreitung von IPTV auf dem französischen Markt ist der
Anbieter Free – ein gutes Beispiel für einen Wettbewerber, der die Penetration von IPTV
in Frankreich gefördert hat. Free wurde 1999 als Internetdienstanbieter (ISP) gegründet
und bot ab Dezember 2003 auch IPTV Dienste an. Das Unternehmen offeriert seinen
Kunden ein Bündelangebot bestehend aus Telefon, Internet und Fernsehen mit über 200
Fernsehsendern und Videothek (VoD). Die Nutzer von Free benötigen eine Set-Top-Box
(Freebox Modem) und bezahlen nur Telefon- und Internetservices. IPTV ist für Free-
Kunden grundsätzlich kostenlos; sie müssen lediglich für Premium-Sender extra bezahlen.
Heutzutage zählt Free zu den wichtigsten IPTV-Anbietern der Welt. Im Jahr 2008 bedien-
te das Unternehmen über 2,5 Millionen französische Haushalte und schaffte in dem Jahr
etwa 1,4 Millionen zusätzliche IPTV-Zugänge12. France Telecom folgt dem Erfolgsbeispiel
von Free und hat nun ebenfalls begonnen, ihre Internet- und Telefondienste mit IPTV zu
bündeln.

Die vier untersuchten Märkte zeigen stark konvergierende Tendenzen. In Zukunft werden
die Grenzen zwischen Sprach-, Daten- und Videodiensten weiter verschwimmen. Das führt
zu einer zunehmend komplexen Wettbewerbsdynamik, in der die Marktakteure über tra-
ditionelle Märkte und geografische Grenzen hinweg miteinander um ein immer vielfälti-
geres Zielpublikum wetteifern.




12
     http://www.variety.com/article/VR1117988460.html?categoryid=19&cs=1&nid=2570




 24




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2. Die Entwicklung der Wettbewerbslandschaft
   im europäischen Telekommunikationsmarkt
In den letzten 15 Jahren hat es im europäischen Telekommunikationssektor gravierende
Veränderungen gegeben. Regulierung spielt in der Branche häufig eine Schlüsselrolle bei
der Schaffung und Gestaltung von Wettbewerb. Die Regulierungsbehörden setzten sich
eine Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes zum Ziel in der Annahme, dass
Wettbewerb zu niedrigeren Preisen für den Verbraucher führt und Innovationen fördert.

Bis in die späten 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der Telekommunikations-
sektor in den meisten europäischen Ländern ein staatliches Monopol. Die hohen Investi-
tionen und die Betriebsgrößenersparnisse, die mit dem Besitz und Betrieb von Telekom-
munikationsinfrastrukturen assoziiert wurden, förderten diese Strukturen. Das traf
insbesondere auf die Teilnehmeranschlüsse der Kunden zu, da die Investitionen für die
Kupferleitungen der „letzten Meile“ abschreckend hoch waren. In fast allen Ländern
wurden die Telekommunikationsdienste für Privat- und Geschäftskunden durch in staat-
lichem Besitz befindliche PTTs bereitgestellt.

Die Liberalisierung und Privatisierung des europäischen Telekommunikationssektors
setzte in den späten 80er Jahren ein und dauerte die 90er Jahre hindurch an. Ausschlag-
gebend waren zwei EU-Richtlinien aus dem Jahr 1990 (und parallel dazu Liberalisierungs-
initiativen von Seiten der nationalen Regierungen, mit Großbritannien in einer Vorreiter-
rolle). Die Richtlinie über Telekommunikationsdienste setzte den Terminplan für eine
vollständige europaweite Liberalisierung fest; die Richtlinie über die Verwirklichung des
Binnenmarktes für Telekommunikationsdienste durch Einführung eines offenen Netz-
zugangs schaffte die Rahmenbedingungen für den Zugang zu und die Nutzung der staat-
lichen Telekommunikationsnetzwerke und -dienste13. Es folgten zahlreiche Richtlinien, in
denen die für die Liberalisierung des Marktes notwendigen Schritte konkretisiert wurden.
Bis zum Jahr 1996 hatten vier europäische Länder ihre Märkte dem Wettbewerb geöffnet:
Großbritannien, Schweden, Finnland und Dänemark. Darauf folgten 1997 die Niederlande
und 1998 Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien. Inzwischen
haben auch Irland, Portugal und Griechenland ihre Märkte liberalisiert.

Die Länder verfolgten auf dem Weg zur Liberalisierung unterschiedliche Ansätze, ihnen
allen war aber gemeinsam, dass eine unabhängige Aufsichtsbehörde für den Telekommu-
nikationssektor geschaffen wurde – eine nationale Regulierungsbehörde (NRA), die Richt-
linien für den Wettbewerb in der Branche entwickelte. In Deutschland legte das 1996 in
Kraft tretende Telekommunikationsgesetz eine umfassende Reform des Telekommunika-
tionssektors fest mit dem Ziel, Wettbewerb zu fördern, landesweiten adäquaten Service zu
gewährleisten und für Frequenzregelung zu sorgen. Das Gesetz führte zur Privatisierung
der Deutschen Telekom durch den Verkauf von 26 Prozent ihrer Anteile. Im Jahr 1998
rief die deutsche Regierung dann eine unabhängige Regulierungsbehörde ins Leben, die


13
     „Privatization and Liberalization in the European Union“, Business America, Juli 1997, Denny-Brown, Myles,
     http://findarticles.com/p/articles/mi_m1052/is_n7_v118/ai_19605321/?tag=content;col1




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 „Next Generation“ Wettbewerb




Richtlinien für die Tarife netzübergreifender Telefonate festlegte. Die meisten Deregulie-
rungen wurden von der mindestens teilweisen Privatisierung der ehemals das Monopol
innehabenden PTTs begleitet.

In der Vergangenheit regten die Regulierungsbehörden in Europa Wettbewerb sowohl
auf der Dienstleistungs- als auch auf der Infrastrukturebene an. Im Wettbewerb auf der
Dienstleistungsebene konnten neue Anbieter die Netze der ehemaligen PTTs, insbeson-
dere die Teilnehmeranschlüsse, zu regulierten Preisen nutzen. Die Marktteilnahme kon-
kurrierender Service Provider generierte einen stärkeren Wettbewerb und in Folge Verbes-
serungen für die Konsumenten wie z. B. niedrigere Preise und eine größere Angebotsviel-
falt. Das Geschäftsmodell der Service Provider ist jedoch ein „Arbitrage“ Geschäft, das die
Unterschiede zwischen dem Retail und Wholesale Preisniveau ausnutzt. Mit dem konti-
nuierlichen Preisverfall wurde der Spielraum der Service Provider immer geringer, was es
für sie schwieriger machte, neue Kunden zu akquirieren und rein auf Preisbasis konkur-
renzfähig zu bleiben. Aus diesem Grund nahmen die Service Provider den ehemaligen
PTTs zwar Marktanteile weg, waren aber im Allgemeinen weniger profitabel und neigten
mit der Zeit zur Konsolidierung.

Nehmen wir zum Beispiel den deutschen Mobilfunkmarkt. Als der Markt sich erstmals
den Service Providern öffnete, drängten zahlreiche neue Akteure auf den Markt, die den
Netzbetreibern die Verkaufskraft ermöglichten, die für die Bearbeitung des im Wandel be-
griffenen Marktes so dringend notwendig war. Nach einem lang anhaltenden Konsolidie-
rungsprozess ist von all diesen Marktakteuren nur ein wesentlicher Wettbewerber übrig
geblieben: die kürzlich fusionierte Mobilcom-Debitel. Das Unternehmen kontrolliert etwa
10 Prozent des Marktes und ist damit weitaus bedeutender als sein nächstgrößter Wettbe-
werber Drillisch, der sich mit etwa einem Prozent Marktanteil begnügen muss14. Da die
Netzbetreiber sich zunehmend darauf konzentrieren, ihre Verkaufszahlen durch die Ein-
führung von Submarken, die auf ein Publikum bestimmter nationaler Herkunft abzielen,
und Billigmarken zu erhöhen, sieht die Zukunft für die Service Provider in Deutschland
nicht allzu rosig aus.

Die Europäische Kommission ließ aber nicht nur die Marktteilnahme von alternativen
Service Providern zu, sondern förderte von Anfang an auch den Wettbewerb auf der Infra-
strukturebene. Als Folge entstand zunehmend Wettbewerb zwischen Infrastrukturbetrei-
bern um dieselben Kunden- und Dienstesegmente:

• Im Bereich Festnetztelefonie zwischen ehemaligen PTTs, Kabelbetreibern und in
  einigen Bereichen auch anderen Anbietern;

• im Bereich Mobiltelefonie zwischen drei bis fünf Mobilfunkbetreibern;

• im Bereich Fernsehen zwischen Kabel-, Satelliten- und digitalem terrestrischen TV;

• im Bereich Breitband zwischen ehemaligen PTTs und Kabelbetreibern und in letzter
  Zeit im unteren Bandbreitensegment auch Mobilfunkbetreibern.


14
     http://www.welt.de/webwelt/article2163486/Debitel_darf_iPhone_im_Media_Markt_verkaufen.html


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Im Mobilfunkbereich war der Wettbewerb auf der Infrastrukturebene von der Verstei-
gerung von Funklizenzen abhängig. Meistens gingen aus diesem Wettbewerb pro Land
drei bis fünf Anbieter mit kompletter Netzabdeckung und konkurrierender Infrastruktur
hervor. Im Festnetz war die Situation differenzierter: In einigen Regionen (wichtigen
Geschäftsbezirken oder dichtbesiedelten Wohngebieten) entstand eine Anzahl konkur-
rierender Infrastrukturen. Auch im Backbone-Bereich wurde eine Zahl konkurrierender
Infrastrukturen geschaffen. In den meisten Wohngebieten hat sich jedoch unter dem
Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Rentabilität der Neubau von Festnetzinfrastrukturen
im Ortsnetz zusätzlich zu der bestehenden Infrastruktur der früheren PTTs als sehr prob-
lematisch erwiesen. Eine Ausnahme bilden lediglich Regionen, in denen eine bereits exis-
tente Kabelinfrastruktur (die ursprünglich nur für analoges Fernsehen genutzt werden
konnte) auf Breitband, Sprach- und Internetdienste erweitert wurde. Der Grund dafür
sind die wirtschaftlichen Aspekte und der Investitionsaufwand, der mit dem Aufbau einer
physischen Leitung zu einem Haushalt einhergeht. Dem gegenüber steht der modulare
Ausbau von Mobilfunknetzen, bei dem mehrere Verbraucher im selben Einzugsgebiet
sich einen Mobilfunkanschluss „teilen“.

Deshalb versuchte man in vielen Ländern mit anderen Mitteln, den Wettbewerb im Fest-
netz zu verstärken. Es wurden Rahmenbedingungen geschaffen, um den Bereich zu ent-
bündeln, der als größtes Hindernis für den Wettbewerb angesehen wurde: die sogenann-
te „letzte Meile“ des Teilnehmeranschlusses. So wurden die Teilnehmeranschlüsse der
Infrastruktur der ehemaligen PTT entbündelt und damit den Wettbewerbern Zugang zur
bestehenden Infrastruktur näher an den Haushalten ermöglicht.

Besonders dort, wo Kabelnetzbetreiber und ehemalige PTTs miteinander konkurrieren,
bewegt sich der Telekommunikationsmarkt auf eine konvergierende Phase zu, die wir als
Verschwimmen der Definitionen vertikaler Marktsegmente bezeichnen. Ein Anruf kann
heutzutage beispielsweise durch das öffentliche Telekommunikationsnetzwerk (PSTN)
einer ehemaligen PTT oder durch das Kabelnetz eines Kabelbetreibers getätigt werden.
Außerdem haben all diese Netze – Kabel, Kupferdraht, Glasfaser – noch viele weitere
Dienstleistungen zu bieten. Als Resultat der Konvergenz sind Unternehmen nicht mehr
an ihre ursprünglichen Märkte gebunden, wie etwa Telekommunikationsbetreiber an
Telefondienste und Kabelunternehmen an Fernsehen. Festnetz- und Mobilfunkunterneh-
men bieten immer häufiger gebündelte Telekommunikationsdienste wie Telefon, Internet
und Fernsehen an. Content-Provider weiten ihre Vertriebswege wiederum auf alle verfüg-
baren Netze aus, um den Kunden zu erreichen.

Mehrere akademische Studien, die sich mit den Auswirkungen eines Wettbewerbs auf
Infrastrukturebene beschäftigt haben, zeigen, dass Wettbewerb Innovationen fördert und
größere Penetrationsraten von neuen Diensten zur Folge hat15, 16, 17. Außerdem belegten
die Studien, dass infrastrukturbasierter Wettbewerb zu Preissenkungen führt und die
Preise in der Folge stabil bleiben.


15
     Kittl, J, Lundborg, M, Ruhle E, 2006, „Infrastructure-Based Versus Service-Based: Competition in Telecommunications“, Communications and Strategies
16
     Denni, M and Gruber H, 2005, „The Diffusion of Broadband Telecommunications: The Role of Competition“, Arbeitspapier
17
     Bouckaert, J, vanDijk, T, Verboven, F, 2008, „Regulation and Broadband Penetration – What Is Required to Regain Speed in Belgium?“, Arbeitspapier




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Derzeitige Zahlen vom europäischen Breitbandmarkt scheinen zu bestätigen, dass ein
gewisses Maß an Wettbewerb im Bereich Zugangsinfrastrukturen die landesweite Ver-
breitung von Breitband fördert. Wir haben die Anzahl der verfügbaren Infrastrukturen in
jedem Land untersucht, indem wir die Verfügbarkeit der verschiedenen Infrastrukturen
auf den Märkten ausgelotet haben. In allen Ländern gab es eine beinahe 100%ige Abdeckung
mit Kupferdraht, was wir als 1,0 zählten. Die Verbreitung von Kabel variierte stark und
schwankte zwischen beinahe 0 und beinahe 100% in Märkten wie Belgien und den
Niederlanden. Auch die Abdeckung durch 3G Mobilfunknetzen ist von Land zu Land un-
terschiedlich und wurde meist zusätzlich zu den beiden Festnetzinfrastrukturen genutzt.
Bei Betrachtung der Verbreitung von Breitband in den verschiedenen Märkten erkennen
wir, dass die Korrelation zwar nicht perfekt ist, Märkte mit mehr Zugangsinfrastrukturen
aber meist auch eine größere Verbreitung von Breitband aufweisen (siehe Abbildung 11).




Abbildung 11: Länder mit zwei drahtgebundenen Zugangsinfrastrukturen plus robustem
mobilem Breitband weisen eine größere Verbreitung von Breitband auf


Anzahl der Zugangsinfrastrukturen                                                                                  Verbreitung von Breitband 2008
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        2,2          2,1                                                                                                                         30
                                   2,1          2,0           2,0          2,0           1,9
 2
                                                                                                   1,8       1,8
                                                                                                                      1,6

                                                                                                                                1,4              20
                                                                                                                                           1,3


 1

                                                                                                                                                 10




 0                                                                                                                                               0
        NL            BE           CH            ES           DK            DE            SE       UK         AT       FR        IT        GR


                   3G           Festnetz-Konkurrenzunternehmen                        Verbreitung von Breitband       Ehemalige PTT, Festnetz


Zu beachten: Daten über Verbreitung von Kabel ab 2007, von Breitband und 3G ab 2008
Quelle: OECD; Wireless Intelligence; Screen Digest




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                                                                   für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen
2308                                                     – Mitteilungen, Telekommunikation, Teil A, Mitteilungen der Bundesnetzagentur –                                            12 2010



                                                                                                                                                          Oktober 2009




3. Die Verfügbarkeit konkurrierender Festnetz-
   infrastrukturen in Europa
Die Verfügbarkeit konkurrierender Festnetzinfrastrukturen, die Nachfrage und die Techno-
logiepenetration sind in Europa von Land zu Land sehr unterschiedlich. Die Märkte eini-
ger Länder und einige Teilmärkte (regionale Märkte innerhalb eines Landes) bieten zwei
oder mehr miteinander konkurrierende Festnetzinfrastrukturen (Teilnehmeranschluss),
die ihren Kunden einen Zugang zu Breitband ermöglichen. Zumeist handelt es sich dabei
um eine ehemalige PTT und das Kabelunternehmen oder sonstige Glasfaseranbieter.
Einige Länder und Regionen sind jedoch immer noch von der Festnetzinfrastruktur der
ehemaligen PTT abhängig, wenn sie den Kunden Breibandzugang ermöglichen wollen.

Der Ausgangspunkt hinsichtlich der Verfügbarkeit von alternativen Festnetzinfrastrukturen
ist in jedem Land unterschiedlich (siehe Abbildung 12). Eine komplette landesweite Abde-
ckung durch zwei Festnetzinfrastrukturen gibt es in nur sehr wenigen Ländern. Lediglich
in den Niederlanden und in Belgien haben mehr als 90 Prozent der Bevölkerung theore-
tisch Zugang zu zwei Festnetzinfrastrukturen. Griechenland ist wiederum das einzige
europäische Land, in dem es nur eine einzige Festnetzinfrastruktur gibt. Alle anderen
Länder, also ein Großteil des europäischen Marktes, bewegt sich zwischen diesen beiden
Extremen: Die Penetrationsrate einer zweiten Festnetzinfrastruktur schwankt zwischen
10 und 87 Prozent je nach Land. Im westeuropäischen Vergleich haben durchschnittlich
45 Prozent der Bevölkerung (an anschließbaren Haushalten gemessen) Zugang zu zwei
Festnetzinfrastrukturen.

Abbildung 12: Märkte mit unterschiedlicher Verfügbarkeit von Infrastruktur
                 Prozentsatz anschließbarer Haushalte an allen Haushalten

                               99%
                 100%                    95%
                                                   87%

                      80                                       77%
                                                                         73%
                                                                                    69%
                                                                                               64%
                      60
                                                                                                         52%
                                                                                                                    49%
                                                                                                                                                            Durchschnitt = 45%
                      40                                                                                                      36%



                      20                                                                                                                                        Kabel ohne
                                                                                                                                         10%                    Upgrade**
                                                                                                                                                                Erstrangiges
                                                                                                                                                                Kabel
                        0
                                BE         NL       CH           DE       DK         ES         SE        AT         UK         FR         IT      GR           Fastweb
% der Haushalte mit
Zugang zu aufgerüs-
teten Netzwerken:              89%        95%       80%        54%        59%       66%        44%        47%       49%        29%       10% *     0%

**Keine Zweifach-Aufrüstung
Zu beachten: In Italien zwei Millionen Kunden von FTTH; übrige 8 Millionen von FastWeb anschließbare Haushalte nutzen Teilnehmeranschlüsse von Telecom Italia
Quelle: Screen Digest; Unternehmensbericht




                                                                                                                                                                               29


                                                                                                                                                                                    Bonn, 30. Juni 2010
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                                                         für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen
12 2010                                            – Mitteilungen, Telekommunikation, Teil A, Mitteilungen der Bundesnetzagentur –   2309


 „Next Generation“ Wettbewerb




Am einen Ende des Spektrums stehen Länder wie Griechenland und einige Regionen
der meisten europäischen Märkte, in denen Kabel und andere alternative Infrastrukturen
aus historischen und wirtschaftlichen Gründen nur beschränkt verbreitet sind. In diesen
Ländern und Regionen sind Breitbanddienste und Festnetztelefonie von der Kupferdraht-
infrastruktur der ehemaligen PTT abhängig. Üblicherweise ist der Markt der Festnetzinfra-
struktur in diesen Fällen reguliert, um Wettbewerb durch Service Provider zu ermöglichen.

Am anderen Ende des Spektrums stehen Länder wie die Niederlande, Belgien und die
Schweiz, die über zwei konkurrierende Festnetzinfrastrukturen mit über 80 Prozent Markt-
abdeckung verfügen. In einigen Regionen entsteht derzeit Wettbewerb durch Anbieter von
Glasfaserinfrastruktur, die in manchen Städten und Gemeinden eine dritte Infrastruktur-
option aufbauen. In der Schweiz zum Beispiel bauen derzeit lokale Energieversorgungs-
unternehmen lokale Glasfasernetze, um in den Telekommunikationsmarkt einzusteigen;
in den Niederlanden wiederum existieren bereits mehrere Betreiber von Glasfasernetzen.

Da der Aufbau eines Telekommunikationsnetzes mit hohen Fixkosten verbunden ist, sind
die Inhaber der Infrastruktur sehr daran interessiert, neue Kunden zu akquirieren, um ihre
Kosten besser zu decken. Deshalb ist der Wettbewerb auf Märkten mit zwei oder mehreren
Infrastrukturanbietern meistens sehr intensiv. Wenn man die Länder mit zwei Infrastruk-
turen (die Niederlande, Belgien und die Schweiz) mit anderen europäischen Ländern ver-
gleicht, stellt sich heraus, dass das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Anbietern in allen
drei Ländern zu hohen Zugangsgeschwindigkeiten und einer beinahe 100%igen Breit-
bandabdeckung geführt hat, die europaweit an der Spitze steht (siehe Abbildung 13).

Abbildung 13: Breitband in Europa: Vergleich der KPIs


                          Geschwindigkeit                                                     Abdeckung

          Durchschnittliche Download-Geschwindigkeit                           Verbreitung von Breitband
          (Mbit/s)                                                             (% der Bevölkerung)

          6                                                                    40%
                       5,3
                                                                                            32%

                                                                                 30
                                             4,0
          4                                                                                                25%



                                                                                 20


          2
                                                                                 10




          0                                                                       0

                                          Länder mit zwei Festnetz-            Restliches Europa**
                                          Infrastrukturen*
 *BE, CH, NL
**AT, DE, DK, ES, FR, GR, IT, UK, SE
Quelle: Europäische Union; Akamai; OECD




 30




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                                                            für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen
2310                                                – Mitteilungen, Telekommunikation, Teil A, Mitteilungen der Bundesnetzagentur –   12 2010



                                                                                                         Oktober 2009




In den Ländern mit zwei Infrastrukturen hat die Einführung von NGA-Netzen früh be-
gonnen und inzwischen die im europaweiten Vergleich höchsten Penetrationsraten erreicht.
In den Niederlanden haben die Kabelbetreiber beispielsweise bereits im September 2008
begonnen, ihre Netze auf EuroDOCSIS 3.0 aufzurüsten und möchten bis Ende 2010 eine
komplette Abdeckung damit erreichen.

Die niederländische KPN ist mit dem unabhängigen Glasfaserbetreiber Reggefiber eine
Partnerschaft eingegangen, um den Anschluss der Haushalte an das Glasfasernetz zu be-
schleunigen. Gemeinsam mit anderen Glasfaserbetreibern decken sie momentan 4%18 der
Haushalte ab und werden bis zum Jahr 2013 schätzungsweise 13% der Haushalte bedienen.
Auch Tele2 bietet inzwischen VDSL mit Geschwindigkeiten von bis zu 60 Mbit/s an.

In der Schweiz verfolgt Swisscom in Zusammenarbeit mit lokalen Energieversorgungs-
unternehmen eine Strategie, bei der die Haushalte mit mehreren Glasfasersträngen er-
schlossen werden, von denen die Swisscom einen exklusiv nutzt und die anderen den
Wettbewerbern angeboten werden. Von diesem Ansatz erwartet man sich bis zum Jahr
201319 eine Verbreitung von Glasfaseranschlüssen in über 12% der Haushalte.

In den meisten anderen europäischen Ländern gibt es in vielen Regionen zusätzlich zur
Infrastruktur der ehemaligen PTT eine bestimmte Anzahl alternativer Festnetzinfrastruk-
turen. Häufig handelt es sich bei der zweiten Infrastruktur um Kabelnetze; diese sind
allerdings nicht durchgängig vorhanden und teilweise auf größere Städte beschränkt.

Meistens haben diese Netze im Vergleich zu den ehemaligen PTTs eine relativ geringe
Verbreitung und Reichweite und sind teilweise noch nicht für Breitband- und Sprach-
dienste aufgerüstet. In Deutschland zum Beispiel verfügen 74% aller Haushalte über
einen Kabelanschluss, aber bisher sind nur 50% an ein bidirektionales Netz angeschlossen,
bei dem sie ihren Breitbandanschluss20 von ihrem Kabelbetreiber beziehen können. In
der deutschen Kabelbranche sind verschiedene Akteure für verschiedene Netzebenen zu-
ständig. Zahlreiche kleinere Akteure haben nicht die Ressourcen, um in die Aufrüstung
ihrer Netze zu investieren. Andere deutsche Unternehmen mit Festnetzinfrastruktur sind
lokale Anbieter wie NetCologne, die sich auf die Region Köln-Aachen beschränken, oder
M-Net, die nur in München tätig sind. Viele dieser Unternehmen wurden von lokalen
Energieversorgungsunternehmen gegründet, als der Markt liberalisiert wurde.




18
     Cullen International research
19
     http://www.ftthcouncil.eu/documents/studies/Market_Forecast.pdf
20
     „European Broadband Cable 2008“, Screen Digest




                                                                                                                       31


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 „Next Generation“ Wettbewerb




In Großbritannien gab es eine ganze Reihe von infrastrukturbasierten Festnetzbetreibern.
Zusätzlich zur ehemaligen PTT BT gab es in Großbritannien zahlreiche alternative Netz-
betreiber, die sich letztendlich konsolidierten. Die wichtigste alternative Anschlussinfra-
struktur für britische Haushalte waren Kabelnetze, die etwa 50% aller Haushalte versorg-
ten. Aus zahlreichen lokalen bzw. regionalen Kabelanbietern entstand im Laufe mehrerer
Jahrzehnte ein einziges Unternehmen mit dem Markennamen Virgin Media. Obwohl nur
die Hälfte aller britischen Haushalte Zugang zu Kabel hat, herrscht ein intensiver Wettbe-
werb zwischen Virgin Media und den vielen anderen Service Providern (inklusive der
Vertriebsgesellschaft von BT), die die Openreach Infrastruktur von BT nutzen.

Trotz aller Schwierigkeiten zeigt sich in Ländern, die teilweise über eine zweite Festnetz-
infrastruktur verfügen, dass der Wettbewerb auf dem Markt zu einer größeren Verbreitung
von Breitband führt. Während in Deutschland DSL immer noch die bedeutendste Breit-
bandtechnologie darstellt, die von über 90% der Haushalte genutzt wird, gewinnen Kabel-
betreiber immer mehr Marktanteile: Über 20% Neukunden entscheiden sich inzwischen
für Kabel anstatt DSL21.




21
     WestLB 2008




 32




Bonn, 30. Juni 2010
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