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Nord Stream 2 – ein Plus für die europäische Gasversorgung


Nord Stream 2 ist ein kommerzielles Vorhaben, das Gazprom gemeinsam mit
Unternehmen aus mehreren EU-Mitgliedstaaten, namentlich E.ON, Wintershall, OMV,
Shell und ENGIE, plant.


Das Vorhaben ist vor dem Hintergrund des steigenden Gasimportbedarfs v.a. in
Nordwesteuropa zu sehen. Angesichts der in der EU sinkenden Eigenproduktion muss
künftig mehr Erdgas importiert werden.1 Das maßgebliche Szenario der EU-
Kommission (Primes-Referenzszenario) geht davon aus, dass sich der EU-Importbedarf
von 307 Mrd. Kubikmeter im Jahr 2015 auf 340 Mrd. Kubikmeter im Jahr 2030 erhöhen
wird.
Der von 465 Mrd. Kubikmeter auf 442 Mrd. Kubikmeter leicht zurückgehende Verbrauch
ändert daran nichts – im Gegenteil: Andere Szenarien gehen von einem deutlich
höheren Gasverbrauch in der EU aus (Wood/Mackenzie: ca. 500 Mrd. Kubikmeter im
Jahr XY; die IEA sieht im World Energy Outlook: WEO 2015 einen Verbrauch von 477
Mrd. Kubikmeter im Jahr 2030, der anschließend nur langsam zurückgeht abwarten).
Stärker als in der EU insgesamt wird iIn Nordwesteuropa wird der Gasimportbedarf
ansteigen. Die Produktion in Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden geht
zurück. Das von niederländischem Gas (Groningenfeld) und heimischer Produktion
versorgte L-Gas-Gebiet in Deutschland mit einem Verbrauch von 25-30 Mrd. m³ muss
wegen rückläufiger Importe aus den Niederlanden ab 2020 bis spätestens 2030
vollständig substituiert werden. Auch Belgien und Frankreich (je 5 Mrd. m³) müssen
niederländisches Gas ersetzen. Die Niederlanden selbst werden nach Einschätzung der
Internationalen Energieagentur im kommenden Jahrzehnt zum Nettoimporteur von Gas.
Noch einen Satz zu Gas-/Importbedarf in FRA und GBR?



Nord Stream 2 folgt dem wirtschaftspolitischen Ansatz, dass Unternehmen die
Hauptverantwortung für die Gasversorgung tragen und auch die nötige
Energieinfrastruktur privatwirtschaftlich erstellt wird. Das Projektkonsortium kann auf die
Erfahrungen aus dem Bau der ersten beiden Stränge der Pipeline und der bereits vor
einigen Jahren erstellten Machbarkeitsstudie aufbauen. Erfahrungen mit anderen

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 Lt. IEA-Medium-Term Gas Market Report 2015, S. 72, steigt mittelfristig der Importbedarf zwischen 2014 und
2020 um 40 Mrd. Kubikmeter; mehr als zwei Drittel dieser Menge gehen auf die sinkende Eigenproduktion zurück.
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Pipelinevorhaben zeigen zudem, dass sie als unternehmerisches Projekt nur erfolgreich
sein können, wenn sowohl ein Zugang zu Produktionsmengen besteht als auch
Abnehmer für die Gasmengen vorhanden sind. Die Tatsache, dass sich neben
Gazprom mehrere europäische Unternehmen an dem Vorhaben beteiligen, widerlegt
auch die Kritik, es gebe keine wirtschaftliche Rechtfertigung für Nord Stream 2.


Nord Stream 2 trägt zum Ausbau der Lieferwege für Gasimporte in die EU bei, nicht
jedoch zur Diversifizierung der Bezugsquellen. Unbestritten ist, dass Russland in jedem
Fall auch langfristig ein wesentlicher, wenn nicht der wichtigste Erdgaslieferant für die
EU bleiben wird.
Norwegen wird ebenfalls als wichtige Lieferquelle erhalten bleiben, wenngleich auf
längere Sicht stagnierende oder gar rückläufige Exporte in die EU zu erwarten sind,
sofern nicht neue Felder in der Barentsee erschlossen werden.
Neue Bezugsquellen können in den kommenden Jahren durch die bereits zahlreich
bestehenden LNG-Importterminals an Bedeutung gewinnen. Dort bestehen bislang
Regasifizierungskapazitäten in Höhe von ca. 200 Mrd. Kubikmetern, von denen 2014
nur ca. 20 % genutzt wurden. Weitere Kapazitäten werden geplant. Rechnerisch
könnten darüber in Zukunft also mehr als die gesamten Erdgasimporte aus Russland2
subsituiert werden. Da der weltweite LNG-Markt sich v.a. wegen des zusätzlichen
Angebots aus Australien und den USA in den kommenden Jahren deutlich entspannen
wird, besteht die Aussicht, dass die LNG-Importe – und damit der Diversifizierungsgrad
– deutlich zunehmen.3 Die Internationale Energieagentur (IEA) geht für in Europa von
einer Verdopplung der LNG-Importe Steigerung von auf 890 Mrd. Kubikmeter im Jahr
2020 aus.
Neue Bezugsquellen werden auch mit den Pipelineprojekten des „Südlichen Korridors“
erschlossen. Mit ersten Lieferungen von Erdgas aus Aserbaidschan ist ab 2020 zu
rechnen. Ab Anfang 2023 soll das kontrahierte Volumen von 16 Mrd. m³ (davon 6 Mrd.
m³ für die Türkei) erreicht werden. Die EU ist bemüht, auch turkmenisches Gas als
Quelle für den südlichen Korridor zu erschließen. Darüber hinaus käme v.a. der
Nordirak langfristig noch als weiteres Lieferland infrage (Iran dürfte eher als LNG-

2
 Wieviel sind das? An gesamten EU-Gasimporten hat Russland einen Anteil von reichlich 40 %.
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 Anm.: Lt. IEA-Medium-Term Gas Market Report 2015, S. 70, ist die Region NDL/BEL, Südengland, Nordfrankreich
mit insgesamt 54 bcm LNG-Kapazität hinsichtlich der möglichen Quellen gut diversifiziert. In Litauen wurde jüngst
ein Terminal (4 bcm) in Betrieb genommen, in Kürze folgt das in Swinemünde/Polen (5 bcm) – wichtige Schritte für
die Region zur Diversifizierung. Darüber hinaus haben Estland und Finnland im November 2014 den Bau zweier
Terminals vereinbart.
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Lieferant auftreten). Aus heutiger Sicht sind diese Optionen sämtlich auch mit
geopolitischen Risiken verbunden. Zudem ist die Schlüsselrolle der Türkei als
Transitland zu bedenken. Auch hinsichtlich der Vorkommen im östlichen Mittelmeer
(Levantinisches Becken) sind wirtschaftliche und politische Fragen offen.


Nord Stream 2 unterstreicht die langfristige Bedeutung des europäischen
Absatzmarktes für Gazprom bzw. für Russland. Der Gasbezug aus Russland ist keine
einseitige, sondern eine wechselseitige Abhängigkeit, da Russlands Wirtschaft stark auf
den Energiesektor ausgerichtet ist und die Einnahmen auch in Zukunft benötigen
wirdwerden. Die geplanten russischen Lieferungen nach China ändern daran nichts.
Die Investitionsbereitschaft Gazproms unterstreicht die Bedeutung des europäischen
Marktes für Gazprom.




Wettbewerb: Der Gasmarkt in Nordwesteuropa mit den Hubs in Großbritannien, den
Niederlanden und Deutschland ist sehr liquide. Zusammen mit weiteren Importpipelines
und LNG-Importterminals werden ausreichend Kapazitäten vorhanden sein. Dies führt
zu einem Wettbewerb der Infrastrukturen. Angesichts des absehbar steigenden
Angebots von LNG bestehen gute Voraussetzungen für eine günstige Versorgung
europäischer Verbraucher mit Erdgas.
Mit Nord Stream 2 wird die Marktmacht Gazproms nicht größer. Russland hat ohnehin
ein enormes Produktionspotential und auch ohne Nord Stream 2 reichlich Möglichkeiten
zum Transport von Gas in die EU. Da jedoch andere Infrastrukturen, v.a. die LNG-
Importinfrastruktur bereits vorhanden sind, d.h. die Investitionskosten „sunk costs“
darstellen, dürfte eine Disziplinierung möglich sein. Für die EU-Mitgliedstaaten, die
allein bzw. überwiegend von russischen Gaslieferungen abhängig sind, ist unabhängig
von Nord Stream 2 geboten, die grenzüberschreitende Gasinfrastruktur zu anderen EU-
MS auszubauen oder z.B. durch LNG-Terminals ihren Gasbezug zu diversifizieren. Aus
diesem Grund liegt bei den europäischen Gasprojekten von gemeinsamen Interesse
(PCI) der Schwerpunkt in Ost- und Südosteuropa. Die verbesserte Vernetzung dieser
Märkte wird zum Abbau einseitiger Abhängigkeiten einzelner Bezugswege und –quellen
beitragen.




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Das Vorhaben Nord Stream 2 stehtSteht im Einklang mit der Energieunion. Von
zentraler Bedeutung für die Energieunion die Vollendung des Binnenmarktes. Weitere
Schwerpunkte zur Erhöhung der Gasversorgungssicherheit sind die Diversifizierung von
Bezugswegen und –quellen sowie die für Februar 2016 angekündigten Vorschläge der
EU-Kommission einer Strategie für Flüssigerdgas (LNG) und die Speicherung von
Erdgas sowie zur Überarbeitung der Verordnung über die sichere Erdgasversorgung.
Die Bundesregierung unterstützt diese Prozesse. Solidarität, die in kritischen
Äußerungen zu Nord Stream 2 von Deutschland vermisst wurde, kann nicht bedeuten,
am Status quo festzuhalten und den Ausbau der Gasimportinfrastruktur zu verhindern.
Ebenso wenig kann ein Gasexporteur gezwungen werden, stets bestimmte Transport-
und Transitwege zu nutzen.


Gleichwohl erscheint sinnvoll, den Transit von Gas durch die UKR auch über 2019
hinaus aufrecht zu erhalten, um die Versorgung der betroffenen EU-MS und des
Balkans zu ermöglichen. Hierfür setzt sich die Bundesregierung ein.
In diesem Zusammenhang ist aber festzuhalten, dass sich die Gasversorgung der
Ukraine selbst in einem Wandel befindet: Der Gasverbrauch der Ukraine ist deutlich
rückläufig, so dass bei einer Eigenproduktion von rd. 20 Mrd. m³ der Importbedarf stark
zurückgeht. Zusammen mit dem Ausbau der Reverse-Flow-Kapazitäten aus EU-MS
(2014: 5,4 Mrd. m³) sinkt die Abhängigkeit der Ukraine von russischen Gaslieferungen.
Während 2012 noch sämtliche Gaslieferungen aus Russland kamen, waren es 2013
noch ca. 93 % und 2014 – auch wegen des ungewöhnlich niedrigen Verbrauchs der
Ukraine von 35,6 Mrd. m³ – nur 75 %. Die weitere Entwicklung des Gasverbrauchs der
Ukraine wird maßgeblich von der ökonomischen Erholung und der geopolitischen
Entwicklung, aber auch vom weiteren Abbau der Gassubventionen und der
Verbesserung der Energieeffizienz abhängen.


Es bestehen freie Transitkapazitäten durch die Ukraine, die jedoch nicht in Summe,
sondern differenziert für die einzelnen „Zielländer“ betrachtet werden sollten.
Lieferungen nach Rumänien, Bulgarien und in die Türkei sowie nach Ungarn dürften
nicht (oder höchstens sehr indirekt) im „Wettbewerb“ zu Lieferungen über Nord Stream
stehen. Schwieriger einzuschätzen sind mögliche Auswirkungen auf den Transit über
die „Hauptroute“ über die Slowakei nach Tschechien und Österreich und weiter nach
Deutschland, Italien und Slowenien.

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Zutreffend ist jedoch, dass in den letzten Jahren die EU-Gasimportmengen über die
Ukraine rückläufig waren, während die Liefermengen über die Jamal-Europa und die
Nord Stream 1 (seit 2012) zugenommen haben. V.a. über die Nord Stream könnten
grundsätzlich noch weitere rd. 20 Mrd. m³ bezogen werden.




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Non-Annex


Ukraine-Mengen
(Mrd. m³)               2010           2011             2012             2013         2014
Verbrauch               56,7           58,4             53,5             49,5         35,6
Produktion              20,2           20,3             20,1             20,9         19,4
Importe                 36,0           44,0             32,4             27,5         19,2
Quelle: IEA.



2013 gingen 153 Mrd. m³ russischen Erdgas nach OECD Europa. IEA-Projektion (WEO
2015) geht von rd. 140 Mrd. m³ russischen Export für OECD Europa im Jahr 2040 aus.


Gastransit
(Mrd. m³)          Kapazität               EU-Importe
                                           2011            2012               2013      2014
Ukraine-           120 (-136)              70,4            51,8               53,5      31,4
System1            davon:
                   UKR-POL: 4,4
                   UKR-SVK: 75,2
                   UKR-HUN: 19,7
                   UKR-ROU/TBP: 24,8
Jamal              33                      22,8            25,0               30,6      29,8
Nord Stream 1      55                      0,5             10,6               22,1      32,8
Norwegen           54 (nach DEU)           93,6            104,2              101,4     106,3
Quellen: Kapazitäten – IEA, EN. EU-Importmengen – KOM (Quartalsbericht 4/2014)
1 Mengen    nur für EU, für Türkei, Moldau usw. vmtl. noch mal 20 (?) dazu.




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