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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Katastrophenschutzbedarfsplan Stadt Essen“
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 51 BETEILIGTE EXPE RTINNEN UND EXPERTEN Stabstelle 01 -02 Bürgerbeteiligung und Ehrenamt Stabstelle 01 -15 Presse - und Kommuni - kationsamt FB 37 Feuerwehr FB 53 Gesundheitsamt FB 59 Umweltamt Universitätsklinikum Essen Westnetz AG Amprion GmbH Stadtwerke Essen AG Wassergewinnung Essen GmbH Bundespolizei Landespolizei Malteser Hilfsdienst Deutsches Rotes Kreuz Arbeiter -Samariter -Bund Johanniter -Unfall -Hilfe Deutsche Lebens -Rettungs -Gesellschaft Kreisverbindungskommando der Bundeswehr Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein Industrie - und Handelskammer Ruhr Landwirtschaftskammer NRW Abbildung 24: Karte der Trockenheitsgefährdung der Stadt Essen (Quelle: Feuerwehr Essen)
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 52 Abbildung 25: Problemgebiete der Hitzebelastung in der Stadt Essen (Quelle: Feu erwehr Essen)
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 53 4.1.3 SCHADENSFOLGEN AUF DAS SCHUTZGUT MENSCH Aufgrund der Hitze ist von einem vermehrten Auftreten von internistischen Erkrankungen, wie Dehyd- ratationen, Exsikkosen, Kreislauferkrankungen, Hitzesynkopen und Hitzschlag auszugehen . Insbeson- dere durch eine hohe physische Belastung bei körperlicher Belas tung besteht ein gesteigertes gesund- heitliches Risiko. Intensive Sonneneinstrahlung erhöht das Risiko für einen Sonnenstich oder dermatologische Schädigun- gen, wie z.B. eine n Sonnenbrand. Vorerkrankte n und ältere n Mensche n sowie Wohnungslose n gilt besonder e Aufmerksamkeit, da sie auf- grund ihrer Erkrankungen bzw. ihres Aufenthalts in der Hitze einen höheren Flüssigkeitsbedarf haben, gleichzeitig allerdings nicht ausreichend trinken oder nur eingeschränkt Zugang zu Trinkwasser haben. Grunderkrankungen können progredieren und den Gesundheitszustand massiv verschlechtern. Trinkwasserverunreinigungen können zu gastrointestinalen Beschwerden führen. 4.1.4 SCHADENSFOLGEN AUF DAS SCHUTZGUT KRITIS ENERGIE Verteilnetzbetreiber beobachten in Hitzeperioden eine Häufung von kurzfristigen , partiellen Stromaus- fällen im Verteilnetz. Vermutet wird ein positiver Zusammenhang zwischen Temperatur und Störanfäl- ligkeit. Trockene Böden führen zu Schrumpfungen im Erdreich, was zu Kabel - und Leitungsschäden führt („Sommerfrost“). Durch d en Betrieb von Klimaanlagen und Ventilatoren wird mit einem erhöhten Strombedarf gerechnet. Gleichzeit ig kann die Leistung konventioneller Kraftwerke aufgrund der höhere n Kühlwassertemperatur vermindert sein. Ein Missverhältnis Einspeisung und Verbrauch kö nnte im Extremfall zu einer kaskaden- artigen Lastabschaltung durch vorbereitete Lastabwurfszenarien führen. Dies würde vorrangig Großver- braucher aus dem produzierenden Gewerbe betreffen5. WASSER UND ABWASSER Sowohl in der Bevölkerung als auch in der Indust rie wird von einem höheren Bedarf an Wasser ausge- gangen. Besonders die ü ber 200 landwirtschaftliche n Betriebe sowie Garten - und Landschaftsbaube- triebe haben sowohl einen Mehrb edarf an Betriebswasser als auch an Trinkwasser für Nutz - und Haustiere. Erkenntnisse aus vergangenen Hitzeperioden offenbar en einen Wasserbedarf in der Stadt Essen von 120.000 m3 täglich. Darin enthalten ist das Nutz - und Trinkwasser. Aufgrund des o.g. „Sommerfrostes“ besteht analog zum St romnetz eine erhöhte Gefahr von Rohrbrü- chen. Neben der Lufttemperatur steigt auch die Temperatur im Trinkwassernetz, was die Gefahr einer Verkeimung deutlich erhöht. Der Pegel der Ruhr wird auf Grundlage des Ruhrverbandsgesetzes über Talsperren geregelt. E in signifi- kanter Wassermangel gilt als unwahrscheinlich, ist aber aufgrund Extremwetterlagen nicht vollständig ausgeschlossen . Die Stadt Essen verfügt über 81 Trinkwassernotbrunnen , die im Zivilschutzfall idealerweise bis zu 700 m3 Trinkwasser stündlich f ördern können . Die Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass ca. 5 % 5 Hieraus drohende Schadensfolgen entsprechen dem Szenario „Stromausfall“, siehe hierfür 4.2.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 54 des täglichen Trinkwasserbedarfs durch die Trinkwassernotbrunnen kompensiert werden k ann. Zusätz- lich muss das Wasser chemisch aufbereitet werden. ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT Heiße T emperaturen und intensive Sonneneinstrahlung führen zu Einschränkungen in der Landwirt- schaft. Es besteht ein erhöhter Bedarf an Betriebswasser für Bewässerung und für die Nutztiere bei gleichzeitig möglicher Wasserknappheit. In den meisten Ställen müssen L üftungsanlagen dauerhaft be- trieben werden. Die Hitze ist eine extreme Belastung für Nutztiere, wie z.B. Kühe und Schweine. Viele Tiere werden den Temperaturen erliegen und abtransportiert werden müssen (Falltiere) . Im Einzelhandel ist eine Knappheit von ab gepacktem Trinkwasser möglich („Hamsterkäufe“). FINANZ - UND VERSICHERUNGSWESEN Im Finanz - und Versicherungswesen wird nicht von signifikanten Einschränkungen ausgegangen, jedoch können ggf. Stromausfälle oder eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Mitarbeit enden sekundär die Leistungsfähigkeit einzelner Organisationen mindern. GESUNDHEITSWESEN Durch die hohen Temperaturen ist das Personal im Gesundheitswesen unmittelbar selbst betroffen und dadurch eingeschränkt leistungsfähig. Da ältere Personen durch die Hitze besonders gefährdet sind, achten Pflegerinnen und Pfleger in Pfle- geheimen besonders darauf , dass alle Bewohnerinnen und Bewohner ausreichend trinken. Kompliziert wird die Lage in alternativen Wohnformen für pflegebedürfti ge Menschen , ggf. ohne eine dauerhafte Betreuung („Alten - bzw. Pflege -WGs“). Eine Übersicht über derartige Einrichtungen besteht wegen feh- lender gesetzlicher Meldepflichten oder Regulierungen nicht. Aufgrund der hohen Nachf rage ist e ine ärztliche Versorgung außerhalb der Arztpraxen (Hausbesuche bettlägeriger Patienten) nicht vollumfänglich bedarfsdeckend möglich, weshalb einige Aufgaben auf den Rettungsdienst zurückfallen werden. Zusammen mit der zu erwartenden höheren Anzah l internistischer Erkrankungen ist von einer hohen Auslastung des Rettungsdienstes auszugehen. Verschärft wird das Problem durch längere Einsatzbindungszeiten bei zunehmend ambulanten Versorgungen. Leichen müssen während hoher Temperaturen permanent gekühl t werden, es ist von einem zusätzli- chen Kühlbedarf bzw. früheren Bestattungen auszugehen. IT UND KOMMUNIKATI ON Im IT - und Telekommunikationswesen wird nicht von direkten Einschränkungen ausgegangen, jedoch können ggf. Stromausfälle oder eingeschränkte Leis tungsfähigkeit der Mitarbeitenden sekundär die Leistungsfähigkeit einzelner Organisationen mindern.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 55 STAAT UND ÖFFENTLICHE VERWALTUNG Im Bereich Sta at und öffentliche Verwaltung wird nicht von direkten Einschränkungen ausgegangen, jedoch können ggf. Stromau sfälle oder eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden sekundär die Leistungsfähigkeit einzelner Verwaltungsbereiche mindern. TRANSPORT UND VERKEHR PKW , Busse und Züge heizen sich bei direkter Sonneneinstrahlung schnell auf. Versagt die Klimaanlage, besteht eine unmittelbare Gefahr für die sich darin befindenden Personen, die beispielsweise durch Stau weiter verschärft werden kann. Hitze führt auf Asphalt und an Brücken zu Hitzeaufbrüchen. Zum Teil sind Straßen nicht mehr befahrbar, was zu Staus und Problemen in Lieferketten führen kann. ABFALLENTSORGUNG Erhitzter Müll führt zu Geruchsbelästigung. Es ist zudem davon auszugehen, dass Mitarbeitende durch die schwere körperliche Arbeit nicht voll leistungsfähig sind. BEHÖRDEN UND ORGANISATIONEN MIT SICHERHEITSAUFGABEN (BOS) Es ist ein vermehrtes Auftreten von Wald - und Vegetationsbränden einzuplanen . Im Allgemeine n führt die schwere körperliche Arbeit der Feuerwehr zu schnellerer Erschöpfung, weshalb Einsatzkräfte häufi- ger als üblich Pausen einlegen müssen. Die schwere Einsatzkleidung ist eine zusätzliche Belastung. Zwi- schen den Einsätzen sind Pausen zum Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit erforderlich, in denen auch die Möglichkeit zur Temperaturreduktion besteht. Entsprechend der höheren Auslastung der Rettungsmittel muss in der Leitstelle von einem erhöhtem Telefonievolumen und Disposi tionsaufwand ausgegan gen werden . Eine eventuelle Mangelversorgung führt zu einer Zunahme von Straftaten. Einschränkungen des öffent- lichen Lebens, beispielsweise Verordnungen zum Wassersparen, führen zu Demonstrationen und ggf. Widerstandshandlungen . 4.1.5 SCHADENSFOLGEN AUF WEITERE SCHUTZGÜTER UMWELT Steigende Temperaturen beeinflussen Ökosysteme und führen zu einer starken Veralgung von Gewäs- sern sowie einem massiven Fischsterben. Auch andere Tiere, z.B. in der Landwirtschaft , erliegen den hohen Temperaturen (Falltiere). Der Grundw asserspiegel sinkt, Böden trocknen aus. Dadurch besteht ein erhöhtes Risiko für die Entste- hung von Wald - und Vegetationsbränden. Es kommt zu einer stärkere n Schadstoffexposition von Stickoxiden oder Ozon. Durch den Ausfall von Kühlungen industrieller Anlag en bzw. selbstentzündlichen Prozessen besteht die Gefahr unkontrollierter Schadstoffimmissionen .
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 56 VOLKSWIRTSCHAFT Im Gesundheitssektor entstehen hohe Kosten, die auf die Kranken - und Unfallversicherungen umgelegt werden. Durch Falltiere bzw. durch Ernteaus fälle ist mit hohen finanziellen Einbußen in der Landwirtschaft zu rechnen, die aufgrund der zum Teil existenziellen Bedrohung der Betriebe kompensiert werden müssen. IMMATERIELLE SCHÄDEN Aufgrund der Temperaturen meiden ältere Menschen das Haus zu verlass en. Ihnen muss Hilfe bei der Bewältigung ihres Alltages gelei stet werden. Aus Sicht der psycho -sozialen Krisendynamik ist davon auszugehen, dass eine Hitzewelle auch die „Stim- mung“ der Bevölkerung und die öffentliche Ordnung maßgeblich beeinflusst. Da es zu keiner direkten Aufklärung oder Behebung der Stresssituation kommen kann, ist potenziell mit einer Verselbstständigung der Lage durch unvorhergesehene Menschenansammlungen bis hin zu Un- ruhen und Selbstjustiz zu rechnen. 4.1.6 RESULTIERENDE ANFORDERUNGEN AUS D EM SZENARIO Die folgenden Anforderungen resultieren zum einen aus dem vorstehend geschilderten Szenarioverlauf und schließen zum anderen unmittelbar aus den Expertengesprächen abgeleitete Bedarfe ein. + Anforderungen und planerisches Versorgungsniveau ○ Zentrale Koordination in einem Krisenstab über zwei Wochen ○ Umfassende Erkundung und Lagedarstellung ○ Steigerung der Kapazitäten im stationären Sektor (Kliniken) und im Rettungsdienst ○ Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ○ Sicherstellung einer adäquaten Risiko - und Krisenkommunikation in der gesamten Bevölkerung unter besonderer Berücksichtigung vulnerabler Gruppen und einer aufsuchenden Kommunika- tion ○ Sicherstellung des Mehrbedarfs an sauberem Trinkwasser in der gesa mten Bevölkerung und Ver- sorgung vulnerabler Gruppen ○ Aufrechterhaltung eines Mindestangebots an Betriebswasser ○ Sicherstellung einer durchgängigen Stromversorgung kritischer Infrastrukturen ○ Berücksichtigung zusätzlicher Logistikbedarfe, u.a. zum Trinkwassert ransport und zur Beseiti- gung von Falltieren ○ Monitoring von Wald - und Vegetation hinsichtlich der Brandgefahr und Vorbereitung auf mögli- che Ereignisse ○ Sicherstellung der Einsatzfähigkeit der Feuerwehr durch Gebäudetechnik ○ Stärkung der Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung und Wirtschaft
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 57 4.2 LANGANHALTENDER FLÄCHENDECKENDER STROMAUSFALL 4.2.1 EINLEITUNG Elektrizität ist für die heutige Gesellschaft, insbesondere in den Industrienationen, ein unverzichtbares Gut. Mit steigender Elektrifizierung und Digitalisierung st eigt die Vulnerabilität gegenüber einem Strom- ausfall. Zwar steigt die Zuverlässigkeit technischer Anlagen stetig, jedoch ist ein Stromausfall jederzeit möglich . Einer Studie des Hamburger Weltwirtschafts -Institut s (2013) zufolge betr ägt der wirtschaftli- che Schaden eines Stromausfalls in Düsseldorf 13 € pro Einwohner und Stunde. Überträgt man diese Summe auf ein siebentägiges Ereignis in Essen , würde schätzungsweise ein Schaden von 1,2 Mrd. € entstehen. Das deutsche Stromnetz ist Teil des eu- ropäischen Verbundnetzes. Wetterbe- dingte Einspeiseschwankungen im Be- reich der regenerativen Energien (z.B. Windkraft und Solarstrom) sowie kurz- fristig auftretende Fluktuationen in der Lastabnahme erfordern zunehmend den Eingriff in den (trans -) nationalen Netz- betrieb. Für den übergeordneten Netz- schutz kann es dabei zu Lastabwürfen kommen, die eine Unterbrechung der Stromversorgung in den betroffenen Tei- len des Netzes herbeiführen. Weiterhin wirken natürliche Gefahren (z.B. Stürme, Überflutungen und Schnee- fälle sowie sozio -technische Bedrohun- gen (z.B. Terrorakte und Sabotage) auf die Versorgungsstabilität ein. Gleichzeitig nimmt eine Unterbrechung der Stromversorgung grundlegenden Einfluss auf den Betrieb gesellschaftlich elementarer und interdependenter Ver- sorgungslinien, wie etwa die Wasserver- sorgung bzw. Informations - und Kommu- nikationstechnik. Stromausfälle bedrohen massiv die Funk- tionsfähigkeit des Gesundheitswesens und der Gefahrenabwehr (BOS), was den Erhalt der öffentlichen Sicherheit und Ordnung gefährdet. Ein flächendeckender Stromausfall ha t schwerwiegende Konsequenzen für die private Wirtschaft, die öffentliche Hand sowie das gesamtgesellschaftliche Zusammenleben im Allgemeinen (Abbildung 266). 6 Reichenbach [Hrsg.]: Risiken und Herausforderungen für die öffentliche Sicherheit in Deutschland: Szenarien und Leitfaden; Grünbuch des Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit, ProPress -Verl. -Ges., Berlin Abbildung 26: Angepasste Darstellung auf Basis von Reichenbach - Auswir- kungen eines Stromausfall s auf sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 58 4.2.2 FOLGEWORKSHOP BEMESSUNGSSZENARIO Ein plötzliches und gravierendes Missverhältnis zwischen Stromeinspeisung und Verbrauch führt in ei- nem Januar zu einem unvorhergesehenen siebentägigen Stromausfall in großen Teilen des Stadtgebie- tes, NRW und der gesamten Bu ndesrepublik. Betroffen sind neben der Wohnbevölkerung zahlreiche Kliniken, öffentliche Einrichtungen, Unternehmen und landwirtschaftliche Betriebe in Essen sowie die kritische Infrastruktur. BETEILIGTE E XPERTINNEN UND EXPERTEN Stabstelle 01 -02 Bürgerbetei ligung und Ehrenamt FB 32 Ordnungsamt FB 37 Feuerwehr FB 53 Gesundheitsamt FB 59 Umweltamt Amt für Straßen und Verkehr CDO (Stadt Essen) Essener Systemhaus Entsorgungsbetriebe Essen Universitätsklinikum Essen Ruhrbahn GmbH AWARE7 GmbH Westnetz AG Amprion GmbH Stadtwerke Essen AG Wassergewinnung Essen GmbH Emscher Genossenschaft und Lippeverband Ruhrverband Bundespolizei Landespolizei Technisches Hilfswerk Malteser Hilfsdienst Deutsches Rotes Kreuz Arbeiter -Samariter -Bund Deutsche Lebens -Rettungs -Gesellschaft Kreisverbindungskommando der Bundeswehr Kassenärztliche Vereinigung Rheinland Industrie - und Handelskammer Ruhr Landwirtschaftskammer NRW Deutsche Telekom AG STEAG GmbH Open Grid Europe GmbH
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 59 4.2.3 SCHADENSFOLGEN AUF DAS SCHUTZGUT MENSCH Eine unmittelbare Bedrohung für das Schutzgut Mensch ergibt sich aus den erwartbaren Einschränkun- gen im Gesundheitswesen und dem Ausfall der medizinischen Versorgung, z.B. durch: ○ Ausfall lebensnotwendiger Geräte insbesondere bei häuslicher Pflege (z.B. He imbeatmung, Dialyse- geräte) ○ Leistungsverlust in Pflegeeinrichtungen ○ Reduziertes Versorgungsangebot in den Krankenhäusern, wenn Betrieb über Netzersatzanlagen läuft ○ Versorgungsengpässe bei Medizinprodukten durch ausbleibende Lieferungen Grundsätzlich ergibt sich eine menschliche Betroffenheit weiterhin durch ein erhöhtes Erkrankungs - bzw. Infektionsrisiko (insbesondere bei den vulnerablen Gruppen) im Kontext der winterlichen Tempe- raturen. Zudem ergibt sich eine Hilfebedürftigkeit für Menschen, die bei fehlen der Heizmöglichkeit in Notunterkünften untergebracht und versorgt werden müssen. Aufgrund von ausgefallenen Ampeln besteht ein erhöhtes Unfallrisiko für alle Verkehrsteilnehmende n. Der Ausfall von Beleuchtung führt sowohl am Arbeitsplatz als auch in der H äuslichkeit zu einem signifi- kanten Sturzrisiko. Fahrstühle gehen unmittelbar nach dem Spannungsverlust außer Betrieb. Personen können in Fahrstüh- len festsitzen, ohne dass sie sich bemerkbar machen können. Darüber hinaus besteht ein Risiko in der Einschrän kung der Alltagsbewältigung vulnerabler Gruppen (z.B. Rollstuhlfahrende oder gehbehinderte Menschen), die auf Fahrstühle angewiesen sind, um z.B. einzukaufen oder Hilfe zu suchen . 4.2.4 SCHADENSFOLGEN AUF DAS SCHUTZGUT KRITIS ENERGIE Der Übertragungsnetzbetreibe r Amprion und der Verteilnetzbetreiber Westnetz beginnen umgehend mit dem Netzwiederaufbau. Der Prozess dauert mindestens 8 Stunden, kann aber abhängig von Ursache und Schadensausmaß auch mehrere Tage andauern. Zunächst wird wie folgt verfahren: ○ Horizontal e und vertikale Netzebenen werden technisch getrennt ○ Innerhalb der getrennten Netzebene werden Kraftwerke angefahren ○ Es werden Netzinseln je 1 – 10 MW gebildet ○ Netzinseln werden einzeln in Betrieb genommen (leuchtende Inseln) Die Inbetriebnahme erfolgt nac h technischen Kriterien (höchste Netzstabilität), da ein permanentes Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage erhalten bleiben muss. Hierfür müssen auch die Prog- nosen zu Strombereitstellung und -abnahme (Lastkurven) belastbar und möglichst deckungsglei ch sein. Eine Priorisierung anhand anderer Kriterien durch die Gefahrenabwehrbehörde (z.B. Vulnerabilität der betroffenen Bevölkerung) ist nicht möglich , da dies zu wiederholten Abschaltungen der Netzinseln und einem vollständigen Neustart des Netzwiederau fbaus führen kann. Die Steuerung und Überwachung des Gasnetzes durch die Stadtwerke erfordert eine permanente Stromversorgung, die nur teilweise über Notstrom gedeckt werden kann. Weiterhin ist für die Abnahme beim Endkunden Strom für die Heizungssteuerung erforderlich . Es muss daher von großflächigen Aus- fällen in der Wärmeversorgung ausgegangen werde n.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 60 Teile der Stadt Essen (15 % der Gebäude) werden über das Fernwärmenetz der STEAG versorgt. Die zentrale Netzinfrastruktur wird notstromversorgt. Die Spannungslosigkeit beim Kunden führt aber auch hier zum Ausfall der Wärmeversorgung. WASSER UND ABWASSER Die Trinkwassergewinnung kann im Notstrombetrieb fortgesetzt werden. Hierzu werden entspre- chende Aggregate im Wasserwerk vorg ehalten. Das Trinkwassernetz der Stadtwerke Essen kann aufrechterhalten werden, sofern die Trinkwasserge- winnung weiter erfolgt. Bis zu einer Höhe von 169 m ü . NN kann die Wasserversorgung aufgrund des natürlichen Gefälles gesichert werden. In darüber liege nden Gebäuden muss die Trinkwasserversorgung über Pumpen gesichert werden. Insbesondere im Essener Süden ist die Wasserversorgung aufgrund der Topografie kritisch. Hierfür sind mobile Netzersatzanlagen erforderlich, die bei den Stadtwerke n zentral vorgehal ten werden. Diese müssen jedoc h erst transportiert und unter Hinzuziehung von Betriebsper- sonal betrieben werden. Die Kraftstoffbevorratung sichert den Betrieb der Notstrompumpen für einen Betrieb von bis zu 24 Stunden ab. Darüber hinaus besteht ein Kraftst offbedarf , der derzeit voraussicht- lich durch die KatS -Behörde gedeckt werden müsste; die s gilt analog für die Stromversorgung der Netz- warte der Stadtwerke. Der Abwassertransport erfolgt zu 98 % über Freigefälle. Wenige Kleinsthebeeinrichtungen werden durch die Stadtwerke Essen mit N otstrom betrieben. Die insgesamt 15 Pumpwerke des EGLV werden nicht mit Notstrom betrieben und fallen aus. Wasser staut sich besonders bei Regen in die Kanalisation zurück . Partielle Überflutungen mit Einstauungen von bis zu 4 m Höhe bedrohen Menschen und Sachwerte. Mit einer Überflutung im Bereich der Pumpwerke des Ruhrverbands ist nicht zu rechnen , da diese ent- weder mit Überläufen ausgestattet sind oder das Wasser die Kl äranlagen stromlos durchfließen kann. Standorte, die über Hebeeinrichtungen verfügen, werden mit N otstrom versorgt. ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT Großhandelslager können aufgrund der fehlenden Leistung elektrischer Flurförderfahrzeuge nicht mehr betrieben werden. Zudem fällt die Kühlung aus, was die Verfügbarkeit verderblicher Lebensmittel wie Fleisch oder Molkereiprodukte stark einschränkt. Lebensmittelmärkte werden nur rudimentär betrie- ben, da z.B. das Warenwirtschaftssystem und die elektronische Kasse au sfällt. Es ist davon auszugehen, dass der privatwirtschaftlich organisierte Lebensmittel markt unabhängig von den Verfallsdaten der Le- bensmittel unmittelbar zusammenbricht. Das BBK geht von einer Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung aus und empfiehlt die private Bevorratung von Lebensmitteln für einen Zeitraum von 10 Tagen . Dennoch ist davon auszugehen, dass d ie reale Le- bensmittelbevorratung in den Haushalten nicht ausreich t. Möglichkeiten zur stromunabhängigen Nah- rungszubereitung (z.B. Campingkocher) sind vielfach nicht gegeben. Der Mahlzeitendienst versorgt pflegebedürftige und ältere Bürgerinnen und Bürger mit einem warmen Mittagessen. Ein Ausfall der Stromversorgung führt dazu, dass Mahlzeiten in Großküchen nicht zuberei- tet werden können. In Gewächshäus ern und Ställen der Landwirtschaft fallen die Heizung und Belüftung aus. Zudem gibt es Ausfälle in der Futterverteilung und -aufbereitung. Kühlungen , z.B. für Milch , versagen und Melkmaschi- nen können nicht mehr betrieben werden, was dazu führt, dass Kühe von Hand gemolken werden