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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Katastrophenschutzbedarfsplan Stadt Essen“
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 61 müssen. Der Verzug beim Melken führt zu einer Mastitis und bereitet den Tieren Schmerzen . Großflä- chige Keulungen sind aus Sicht der Landwirts chaftskammer nicht zu erwarten. FINANZ - UND VERSICHERUNGSWESEN Bargeldlose Bezahlsysteme sind ohne Strom nicht funktionsfähig. Gleichzeitig fallen Geldautomaten aus. Es wird mit einer stark erhöhten Nachfrage nach Bargeld an den Banken in der Stadt gerechn et. Buchhaltungsprozesse und Auszahlungen müssen händisch erfolgen bzw. unterbleiben, wenn der Zu- griff auf digitale Datenbanken und Konten fehlt. GESUNDHEITSWESEN Krankenhäuser werden in Kernbereichen bis zu 48 Stunden autark mit N otstrom versorgt. Der Fok us liegt auf der akuten Notfallversorgung, elektive Operationen werden abgesagt. Eine ambulante Versorgung in Arztpraxen kann in weiten Teilen gewährleistet werden. Einschränkungen ergeben sich in der apparativen Diagnostik, z.B. EKG oder Sonografie. Dialysepraxen können nicht betrieben werden. Hierzu sind Kompensationsmechanismen erforderlich. Weiterhin fällt die Stromversorgung in Beatmungs -WGs aus. Moderne Beatmungsgeräte besitzen eine Akkulaufzeit von bis zu 24 Stu nden. Betroffene Patient innen und Patienten müssen ggf. in Strominseln konzentriert oder manuell beatmet werden. Viele Menschen werden bei medizinischen Anliegen die Notaufnahmen aufsuchen. Dort ist mit einem erhöhten Aufkommen an Patientinnen und Patiente n zu rechnen. Hausnotrufsysteme fallen größtenteils aus. Einige akkubetriebene Systeme sind 18 – 20 Stunden ver- fügbar. Teilnehmende müssen vermehrt in der Häuslichkeit aufgesucht werden. IT UND KOMMUNIKATION Die Funktion sfähigkeit der IP -Telefonie und der Festnetztelefonie hängt davon ab, ob die Router der Endkunden funktionieren. Zentrale Vermittlungsstellen sind USV -abgesichert und können vom Netzbe- treiber mit N otstrom versorgt werden. Die beim Netzbetreiber vorhand ene Kapazität wäre aber bei ei- nem weitgehend bundesweiten Stromausfall deutlich überschritten, so dass im hier angenommen Sze- nario im Verlauf von einem weitgehenden Ausfall der drahtgebundenen Telefonie auszugehen ist. Das Mobilfunknetz wird zeitnah in wei ten Teilen nach wenigen Stunden nicht mehr zur Verfügung ste- hen, da nicht alle Basisstationen mit N otstrom versorgt werden. Ein weiterer limitierender Faktor ist der Ladezustand mobiler Endgeräte. Wichtige Vermittlungsstellen des Internets werden mit N otstrom versorgt, jedoch ist ein Zugriff auf die Server ohne Stromversorgung beim Endkunden nicht möglich. Mobiles Internet hängt wesentlich von der Verfügbarkeit der Basisstation ab. Einige KRITIS verfügen über einen Betriebsfunk oder nutzen das digitale Kom munikationsnetz „seNet“ der STEAG . Eine ausreichende Härtung gegenüber langanhaltenden Stromausfällen ist nicht in allen Or- ganisationen vorhanden, insbesondere die Kommunikation unter den KRITIS bzw. zwischen KRITIS und Gefahrenabwehr ist im Krisenfall nic ht standardisiert . Sofern es aufgrund eigener Betroffenheit im privaten Bereich oder auf Basis eines erhöhten Einsatzauf- kommens zu einem Personalmangel kommt, ist mit erheblichen Schwierigkeiten bei der Alarmierung
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 62 bzw. Einbestellung von zusätzlich verfüg baren Kräften zu rechnen (z.B. Rufbereitschaften, Ehrenamtler). Digitale Alarm umsetzer (DAU ) im Alarmierungsnetz der BOS sind bis zu 8 Stunden USV-abgesichert . Weiterhin wird die bereichs - und behördenübergreifende Kommunikation auf vertikaler und horizonta- ler Ebene gestört, wodurch ein effektives Zusammenwirken der operativ -taktischen und administrativ - organisatorischen Stäbe unterbunden wird. Lagebilder werden mit starker Verzögerung erfasst und die Zugriffszeit is t verlängert. Das BD-BOS-Netz ist aktuell 48 Stunden gehärtet, eine Ausweitung auf 72 Stunden in der Umsetzung. Zudem sind aufgrund von technischen Störungen auch Beeinträchtigungen in der Erreichbarkeit der Leitstellen zu erwarten , was die gefahrenabwehrinterne Kommunikation erheblich beeinträchtigt. Mit anhaltender Dauer des Stromausfalls ergeben s ich weiterhin Einschränkungen bei nahezu allen in- formations - und kommunikationstechnisch relevanten Systemen, da ein Aufladen der Endgeräte nicht mehr flächendeckend gewährleistet werden kann (z.B. BD-BOS-Funk, Digitalfunk). Dies gilt insbesondere für Stan dorte, die über keine eigene Netzersatzanlage (NEA ) oder entsprechende Einspeisepunkte ver- fügen. Die Medien sind wesentlich an der Warnung und Information der Bevölkerung beteiligt. Beim Ausfall von Endgeräten ist der Zugr iff auf Informationen eingeschränkt, batteriebetriebene Radios sind nicht in jedem Haushalt verfügbar. Im Wesentlichen erfolg en Kommunikation und Informationsbeschaffung über das Internet, welches allerdings nur sehr eingeschränkt zur Verfügung steht. STAAT UND ÖFFENTLICHE VERWALTUNG Das Rathaus der Stadt Essen verfügt über eine Notstromversorgung, welche zentrale Bereiche der Ver- waltung versorgt. Fachaufgaben k önnen eingeschränkt bewältigt werden . Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten werden geschlossen. Das führt dazu, dass Kinder von Mit- arbeitenden in kritischen Infrastrukturen und BOS auf eine häusliche Betreuung angewiesen sind. TRANSPORT UND VERKEHR Im St raßen verkehr fallen Ampeln, digitale Anzeigen, Verkehrsleit systeme und Straßenbeleuchtungen aus. Besonders in der Frühphase des Stromausfalls ist mit teils unüberschaubaren Lagen und langen Staus auf den Straßen zu rechnen. Die Straßenbahnen und U -Bahnen sind spannungslos. Fahrzeuge können ggf. noch in die nächst e Station rollen, sind aber nicht weiter betriebsbereit. Möglicherweise blockieren liegengebliebene Straßenbah- nen Straßen und Kreuzungen. Die Tunnelnotbeleuchtung ist für die Dauer einer Räumung der Tunnel und Stationen verfügbar. Die Busse der Ruhrbahn kö nnen vorerst weiter betrieben werden . Der Betrieb kann aber im weiteren Verlauf zugunsten der Treibstoffverfügbarkeit eingeschränkt werden. Das Bahn -Netz um und in Essen ist nahezu vollständig elektrifiziert. Viele Regional - und Fernverkehrs- züge bleiben g leichzeitig auf freier Strecke liegen und müssen evakuiert werden. An den Essener Bahn- höfen sammeln sich hilflose Personen, die auf Zugverbindung angewiesen sind.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 63 ABFALLENTSORGUNG Die Abfallentsorgung wird gewährleistet. Ausfallende Kühlgeräte bereiten hygienische Probleme. Die Entsorgung erfolgt über die Müllverbrennungsanlage der RWE in Essen -Karnap, die sich mit eigenem Prozessstrom selbst versorgt. BEHÖRDEN UND ORGANISATIONEN MIT SICHERHEITSAUFGABEN (BOS) Die Polizei wechselt in die besonder e Aufbauorganisation. Der Spannungsverlust führt zur gleichzeitigen Auslösung einer Vielzahl von Alarmanlagen, die von der Polizei angefahren werden müssen. Darüber hinaus sind Objektsicherungen kritischer Infrastrukturen erforderlich. Im Stadtgebiet sind anlassbezo- gene Straftaten , wie z.B. Plünderungen , möglich. Zu Beginn is t ein erhöhtes Einsatzaufkommen, besonders aufgrund von V erkehrsunfällen, auf laufenden Brandmeldeanlagen und festsitzenden Fahrstühlen , zu erwarten. Im weiteren Verlauf kommt es ggf. zu komplexeren Schadensereignissen , weil z.B. Industrieprozesse unterbrochen werden. Sechs Feuer - und Rettungswachen der Berufsfeuerwehr sowie die integrierte Leitstelle sind notstrom- versorgt. Die Rettungswachen , die übrigen Feuer - und Rettungswachen der Be rufsfeuerwehr sowie die Gerätehäuser der Freiwilligen Feuerwehr sind allerdings spannungslos , es bestehen größtenteils auch keine Einspeisemöglichkeiten . Solange das Alarmierungsnetz betrieben werden kann, sind digitale Alar- mierungen über Funkmeldeempfänger möglich. Es ist mit starken Einschränkungen im Wachalltag zu rechnen. In höher gelegenen Gebieten kann es zu Einschränkungen bei der Löschwasserversor gung über das öffentliche Wassernetz kommen. 4.2.5 SCHADENSFOLGEN AUF WEITERE SCHUTZGÜTER UMWELT Durch fehlende Kühlung bzw. nicht rechtzeitiges Herunterfahren von industriellen Prozessen besteht die Gefahr der Immission von Schadstoffen. VOLKSWIRTSCHAFT Der Str omausfall führt aus Sicht der öffentlichen Hand überdies zu einem entsprechenden Verlust von Steuereinnahmen. Weiterhin entstehen Kosten für die notwendige Versorgung Hilfebedürftiger sowie die Instandsetzung beschädigter Anlagen. Den auf die Stadt Essen u mgerechnete n Ergebnisse n einer Studie des Hamburger Weltwirtschafts -Insti- tuts (2013) zufolge, verursacht ein siebentägiges Ereignis einen Schaden von schätzungsweise 1,2 Mrd. Euro . IMMATERIELLE SCHÄDEN Aus Sicht der psycho -sozialen Krisendynamik ist davon auszugehen, dass ein mehrtätiger Ausfall der Stromversorgung auch die soziale und psychische Lage der Bevölkerung und die öffentliche Ordnung maßgeblich beeinflusst.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 64 Insbesondere die Sorge um die unmittelbare eigene Sicherheit und Gesundheit sowie die Ang st vor ei- ner Mangellage bei Verbrauchsgütern des al ltäglichen Bedarfs spielen mit zunehmender Dauer eine kri- tische Rolle. Da es nur eingeschränkt zu einer direkten Aufklärung oder Behebung der Stresssituation kommen kann, ist potenziell mit einer Verselbst ständigung der Lage durch unvorhergesehene Menschenansammlun- gen bis hin zu Unruhen und Selbstjustiz zu rechnen. 4.2.6 EXKURS: CYBERANGRIFF AUF DIE VERWALTUNG Ein Szenario „Cyberangriff auf die Verwaltung “ besitzt eine hohe Analogie mit den Folgen eines langan- haltenden flächendeckenden Stromausfalls , weshalb dieser in einem Exkurs thematisiert werden soll. Die Abwehr von Cyberangriffen ist nicht unmittelbare Aufgabe der Unteren KatS -Behörde, jedoch resul- tieren Schaden sfolgen, die auch Auswirkungen außerhalb der Verwaltung entfalten und eine einheitli- che Reaktion durch einen Krisenstab erfordern . Die Bedrohung durch Cyberangriffe auf die Stadtverwaltung steigt. Als Referenzszenario kann ein Cy- berangriff auf die Kreisverwaltung Anhalt -Bitterfeld diene n, der am 06. Juli 2021 festgestellt wurde. Der daraufhin ausgerufene Katastrophenfall wurde erst im Februar 2022 wieder aufgehoben. Denkbar sind vor allem Erpressungen durch das Einschleusen von Verschlüsselungstrojanern. Bei Be- kanntwerden eines Eindringe ns in die IT -Strukturen werden umgehend alle Computer abgeschaltet und Server heruntergefahren. Es existieren Datensicherungen . Bis zum letzten Punkt der Datensicherung sind Daten , aufgrund von verzögerten Auslösungen der Trojaner , ggf. auch darüber hinaus , nicht nutz- bar. Ein Notbetrieb mit eingeschränktem Zugriff auf Daten kann mehrere Monate andauern. Fachdiens- ten fehlt dadurch möglicherweise langfristig über mehrere Monate der Zugriff auf Datenbanken und Akten . Die Feuerwehr besitzt eine eigene Serverst ruktur, die auch notstromversorgt ist. Ebenfalls unabhängig vom städtischen Netz gehostet sind sowohl die zentralen Systeme der Leitstelle als auch die des Füh- rungsstabes. Ein Ausfall der Server kann in der Leitstelle durch eine Aufstockung des Personals b is zu einem akzeptablen Betriebszustand kompensiert werden, es sind gleichwohl Einschränkungen in der Notfallversorgungskapazität zu erwarten. Maßgeblich sind von einem solchen Cyberangriff die Strukturen und Prozesse der Verwaltung betroffen. Es sind hier für entsprechende Schutzkonzepte, z. B. nach „IT-Grundschutz “ und der Reihe „ISi – Inter- netsicherheit“ des BSI , des Leitfadens „Schutz kritischer Infrastrukturen – Risiko - und Krisenmanage- ment“ des BBK sowie nach ISO 27001 vorhanden. Der derzeitige organisationale Reifegrad der IT -Sicher- heit der Stadtverwaltung Essen kann im Rahmen des vorliegenden Projektes nicht bewertet werden , es sei jedoch auf das Erfordernis entsprechender Schutzkonzepte hingewiesen. Die Aufrechterhaltung des städtischen Verwaltungshandelns im Sinne eine s „Business Continuity Ma- nagement“ bedingt bereits ohne das Vorliegen externer Auswirkungen die Etablierung eines gesamt- städtischen Krisenstabes und die Bearbeitung der Ereignisfolgen unter stabsmäßigen Bedingungen. Es ist jedoch zu beachten, dass zusätzliche erhebliche Auswirkungen auch auf die Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern sowie privatwirtschaftl ichen Unternehmen zu erwarten sind . Die folgenden Punkte stehen hierfür exemplarisch: ○ Der Zahlungsausfall von sozialen Hilfen (ALG II, Wohngeld etc.) betrifft vulnerable Bevölkerungs - gruppe n, die über keine oder eine nur geringe finanzielle Resilienz verf ügen. Es sind unmittelbar (im
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 65 aktuellen Monat) Maßnahmen erforderlich, um negative Auswirkungen hinsichtlich der Grundbe- dürfnisse (Nahrungsmittel, Wohnung) zu vermeiden. ○ Die Auszahlung der Besoldungen und Gehälter der städtischen Beschäftigten kann eingeschränkt oder verhindert sein. ○ Ggf. sind grundständige Kommunikationsstrukturen betroffen, so dass E -Mail - oder Telefonkommu- nikation gestört ist. ○ Die Beeinträchtigung des Verkehrsservers könnte erhebliche Gefährdungen oder Störungen des Straßenverkehrs zur Folge haben. ○ Zahlungen an Lieferanten und Dienstleister können ggf. nicht gebucht werden . Zur Unterstützung der Wirtschaft sind Finanzh ilfen oder Abschlagszahlungen erforderlich . ○ Gebührenpflichte Leistungen oder Bußgeldsachen können nic ht erbracht bzw. bearbeitet werden, was ggf. zu Auswirkungen auf die städtische Haushaltsplanung führt . ○ Die Handlungsfähigkeit der politischen Selbstverwa ltung ist bedroht, wenn zentrale Einrichtungen des Ratsinformationssystems, Beschlussvorlagen und -controlling etc. korrumpiert sind . Zur Reaktion auf das auslösende Ereignis, zur Sicherung der Handlungsfähigkeit der Verwaltung als auch zur Reaktion auf die Ereignisfolgen bei Externen ist eine einheitliche Leitung der Abwehrmaßnahmen im Sinne eines Stabes erforderlich . Die Reaktion mit klassischen Instrumenten des Katastrophenschut- zes (z. B. Verpflegung von Bedürftigen etc.) ist nicht auszuschließen, jedoch nur abstrakt denkbar. Das Szenario zeigt insbesondere, dass Krisenmanagementstrukturen als gesamtstä dtische Querschnitts- aufgabe auch außerhalb der klassischen Katastrophenlagen erforderlich sind und hierbei die interdis- ziplinäre Einbeziehung verschiedener Verwaltungsbereiche erforderlich ist.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 66 4.2.7 RESULTIERENDE ANFORDERUNGEN AUS DEM SZENARIO Die folg enden Anforderungen resultieren zum einen aus dem vorstehend geschilderten Szenarioverlauf und schließen zum anderen unmittelbar aus den Expertengesprächen abgeleitete Bedarfe ein. + Anforderungen und planerisches Versorgungsniveau ○ Rechtzeitige, umfassende und fortlaufende Information und Warnung der Bevölkerung inklusive einer aufsuchenden Kommunikation ○ Zentrale Koordination in Krisen - und Führungsstab bis zu 7 Tage sowie die flächend eckende La- geerkundung ○ Aufrechterhaltung der Kommunikations - und Alarmierungsfähigkeit (Gefahrenabwehr und KRI- TIS) ○ Schaffung von Anlaufstellen für die Aufnahme von Hilfeersuchen der Bevölkerung (KatS -Leucht- türme) ○ Umfassende Erkundung und Lagedarstellung ○ Aufbau einer Kraftstofflogistik zur Notstromversorgung ○ Umgang mit erhöhtem Aufkommen an Technischen Hilfeleistungen ○ Fähigkeit der Notstromversorgung der Feuerwehr bzw. andere r Akteure der nicht -polizeilichen Gefahrenabwehr ○ Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und alltäglichem Grundbedarf ○ Bewältigung von Ausfällen der Pumpwerke des EGLV ○ Aufrechterhalten der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ○ Business Continuity Manageme nt der Verwaltung sicherstellen ○ Sicherung der medizinischen Versorgung über alle Sektoren ○ Einrichtung und Betrieb von Betreuungsstellen für vulnerable Gruppen (Dialysen, Heimbeat- mung etc.) sowie Transport mit RTW/KTW ○ Stärkung der Selbsthilfefähigkeit der B evölkerung und Wirtschaft ○ Sicherstellung der Betreuung der Kinder von KRITIS -, BOS - und Verwaltungsmitarbeitenden (Not- betreuung) ○ Ganzheitliche vorbereitende Konzeptionierung von möglichen Angriffsszenarien auf die IT -Struk- turen der Stadtverwaltung
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 67 4.3 TERRORANSCHLAG MIT EXPLOSION 4.3.1 EINLEITUNG Das Risiko von Terroranschlägen verschiedenster Motivationen ist in den letzten Jahren gestiegen , ohne dass eine genaue Eintrittswahrscheinlichkeit für ein Bezugsgebiet wie die Stadt Essen ableitbar wäre . Terroristen verfolgen mit ihren Handlungen die Absicht , durch das Verbreiten von Angst und Schrecken politische, religiöse oder ideologische Ziele zu erreichen. Dazu setzen sie verschiedenste Methoden ein. Wie einige markante Referenzereignisse zeigen, werden auch Bomben eingesetzt, um einen möglichst großen Schaden zu erwirken. Täter fokussieren dabei immer wieder öffentliche Bereiche mit großen Ansammlungen von Menschen, wie das Beispiel der Madrider Zuganschläge von 2004 verdeutlicht. Zur morgendlichen Stoßzeit explodierten dort mehrere Sprengsätze in Personenzügen, w eitere Sprengsätze sollten verzögert detonieren, um Einsatzkräfte gezielt zu schädigen. Auch in Deutschland gab es bereits Anschlagsversuche auf den Nahverkehr der Bahn. 2006 deponierten Täter zwei Kofferbomben in Regionalzügen aus Köln. Aufgrund der laie nhaften Bauweise zündeten beide Bomben nicht. Eine besondere Gefahr geht von Stoffbeimengungen aus, die bei der Explosion freigesetzt werden und auf kontaminierte Personen einwirken, um sie langfristig und vorerst unbemerkt zu schädigen. Es kommt zur Versc hleppung und Verbreitung, woraufhin ein großer und unübersichtlicher Personenkreis geschädigt wird. Stoffbeimengungen können Kampfstoffe sein, die teilweise in laienhaften Laboren her- gestellt werden können. 4.3.2 FOLGEWORKSHOP BEMESSUNGSSZENARIO An einem Samst agnachmittag vor Weihnachten werden zahlreiche Personen Betroffene eines An- schlags. Terroristen zünden auf der Verteilerebene des U -Bahnhofs Berliner Platz eine Bombe. Auf Vi- deos sind Täter zu erkennen, die einen Koffer platzieren und sich in unbekannte Ri chtung entfernen. Am Explosionsort sind Tote und Verletzte anzutreffen, Panik bricht aus, die Verteilerebene erleidet Ex- plosionsschäden, kleinere Sekundärfeuer brechen aus, die Sprinkleranlage löst aus, starke Verrauchung breitet sich aus. Zwei S tunde n nach dem Ereignis treten bei ersten Betroffenen Krankheitssymptome auf. Es wird von einer sogenannten „Schmutzigen Bombe“ mit dem Kampfstoff S -Lost (Details zum Stoff s. Kapitel 4.3.3 ) ausgegangen.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 68 BETEILIGTE EXPERTINNEN UND EXPERTEN Büro Geschäftsbereich 3 FB 32 Ordnungsamt FB 37 Feuerwehr FB 53 Gesundheitsamt FB 59 Umweltamt FB 66 Amt für Straßen und Verkehr Universitätsklinikum Essen Ruhrbahn GmbH Stabstelle 01 -02 Bürgerbeteiligung und Ehrenamt Deutsche Bahn AG Bundespolizei Landespolizei Technisches Hilfswerk Malteser Hilfsdienst Deutsches Rotes Kreuz Arbeiter -Samariter -Bund Deutsche Lebens -Rettungs -Gesellschaft Kreisverbindungskom mando der Bundeswehr 4.3.3 VORSTELLUNG EXEMPLARISCHE SCHADSTOFFBEIMENGUNG S-LOST EINORDNUNG Synonym e: Schwefel -Lost, Yperit, Senfgas, Dichlordiethylsilfid CAS-Nr.: 505-60-2 Gefahrengruppe: IIIC Dekonstufe: 3 PHYSIKALISCHES VERHALTEN Aggregatzustand: Flüssig Färbung: Farblos bis gelbbraun ölig Geruch: Knoblauch, Zwiebel oder Senf Letalität: hoch Latenzzeit: 2 bis 48 Stunden Hauptaufnahmeweg: Haut, Atmung, Oral Zersetzung Brandfall: Chlorwasserstoff und S chwefeloxid Sesshaftigkeit: sonnig, 15°C: 2 -7 Tage Wind/Regen, 10°C: 12 -48 Stunden Windstill, sonnig, -10°C: 2 -8 Wo.
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 69 SPEZIELLE SCHUTZMAßNAHMEN BEI DER GEFAHRENABWEHR ○ Hilfeleistungseinsatz ̶ Pressluftatmer ̶ Chemikalienschutzanzug im Gefahrenbereich bei unklarer Lage ○ Brand ̶ Pressluftatmer ̶ Persönliche Schutzausrüstung ̶ Kontaminationsschutzhaube ○ Dekontamination ̶ Atem schutzfilter ̶ Schutzanzug mit Gummihandschuhen und Gummistiefeln ̶ Reduzierung der Schutzstufe nach Rücksprache mit Fachberater 4.3.4 SCHADENSFOLGEN AUF DAS SCHUTZGUT MENSCH Durch Explosion und Feuer treten überwiegend chirurgische Verletzungen auf. Neben hochgradigen Verbrennungen kann es zu schweren inneren Verletzungen und Extremitätentraumata kommen. Auch Amputationen sin d möglich. Die starke Verrauchung führt zu Atembeschwerden und Rauchgasintoxikationen. Es ist mit Panikreaktionen und darauffolgenden Massenphänomenen mit weiteren Verletzten zu rech- nen. Menschen flüchten möglicherweise in d ie U-Bahn -Tunnel. Es besteht e in psychischer Betreuungsbedarf für eine Vielzahl von Augenzeugen und Betroffene n. Die Hauptexpositionswege von S -Lost sind die perkutane oder die inhalatorische Aufnahme von Dämp- fen. Auf der Haut führt es nach einer Latenzzeit von mehreren Stunden zu ein er Rötung und Blasenbil- dung, vergleichbar mit hochgradigen Verbrennungen bzw. Verätzungen. In den Atemwegen verursacht S-Lost schwere Schäden, die sich durch Heiserkeit, Stimmverlust, Husten bis hin zu schwerer Atemnot zeigen. In den Augen kommt es zu Irri tationen bis zum Verlust der Sehkraft. Darüber hinaus ist S -Lost karzinogen. Neben den Verletzten der Explosion wird von einer großräumigen und zunächst unbemerkten Kontami- nation mit S -Lost ausgegangen. Durch Verschleppung sind Unbeteiligte, aber auch Eins atzkräfte und Krankenhauspersonal betroffen (Abbildung 27). Tote müssen dekontaminiert, analytisch bemessen und bescheinigt werden. Um Bedarfe aus dem Szenario abzulei ten, sind Annahmen über Quantität und Qualität der Betroffen - heit erforderlich. Folgende Annahmen liegen dem Ereignis zugrunde: Eine Bombe in der Größenordnung eines Koffers oder einer Tasche erfordert einen Evakuierungsradius von 45 m . Unter der Annahme , dass sich das Szenario auf der Ve rteilerebene an einem stark frequen- tierten Tag ereignet und der Sprengsatz an eine Wand angelehnt ist , wird von 160 Betroffen en im un- mittelbaren Evakuierungsradius (ca. 3180 m2) ausgegangen , die abhängig von der Entfernung zum Sprengsatz bzw. Schattierungen durch Säulen o.ä. unterschiedlich schwer betroffen sind . Von 160 Betroffenen versterben 10 Personen sofort . 90 Personen werden verletzt. Patientinnen und Patienten werden abhängig von ihrem Verletzungs - oder E rkrankungsmuster sogenannten
STADT ESSEN KATASTROPHENSCHUTZBEDARFSPLAN Stand: 19.04.2022 70 Sichtungskategorien (SK) zugeordnet. Auf Grundlage empirischer Daten7 und den Planungsgrundlagen des Landeskonzept es der überörtlichen Hilfe NRW zum Sanitäts - und Betreuungsdienst ist davon aus- zugehen, dass 36 vital bedroht (SK I rot) , 18 schwerverletzt (SK II gelb) und 36 leichtverletzt (SK III grün) werden (40 % - 20 % - 40 %) . 60 Personen verlassen selbstständig die Einsatzstelle. Es wird vereinfacht angenommen, dass eine kontaminierte Person durchschnittlich vier weitere Perso- nen im Umfeld kontaminiert, darunter auch Einsatzkräfte und Klinikpersonal. Abbildung 27: Annahme Sekundärkontamination durch S -Lost Bei 360 sekundärkontaminierten Personen aus Einsatzdienst und Klinik wird von einer unterschiedlichen Exposition ausgegangen. Vereinfacht wird davon ausgegangen, dass 40 % rot -, 20 % gelb - und 40 % grün kate gorisierte Pat ientinnen und Patienten unter den Einsatzkräften anfallen. Daher treten bei 144 Personen lebensbedrohliche, bei 72 Personen schwere und bei 144 leichte Symptome auf. Bei 60 Personen, die selbstständig die Einsatzstelle verlassen haben , treten nach der Late nzzeit schwere Symptome auf. 240 Sekundärkontaminierte aus häuslichem Umfeld werden aufgrund niedriger Exposi- tion leichte Symptome erleiden. Es wird davon ausgegangen, dass lebensbedrohliche und schwere Symptome bereits innerhalb der ers- ten 24 Stunden nach Kontamination auftreten. Unter der Annahme, dass 210 Patientinnen und Patienten nicht in Essener Krankenhäuser n behandelt werden und durch die eigene Betroffenheit der Kliniken e in weiterer Kapazitätsengpass zu erwarten ist, 7 Vgl.: P. Sefrin, J. W. Weidringer und W. Weiss: »Si chtungskategorien bei Großschadensereignissen und Kata- strophen – Standortbestimmung zur Sichtung und deren Dokumentation« (Bericht der Konsensus -Konferenz an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des Bundesverwaltungsamtes in Ba d Neuenahr -Ahrweiler am 15.03.2002).