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Abitur-Prüfung in Nordrhein-Westfalen aus 2017 in Geschichte-Sozialwissenschaften
GS LK HT 1 W2 Seite 1 von 3 Name: _______________________ Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! Abiturprüfung 2017 Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs Aufgabenstellung: 1. Geben Sie Hauptaussagen und Gedankengang des vorliegenden Textes strukturiert wieder. (22 Punkte) 2. Ordnen Sie den Text in die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Jahre 1815 bis zum März 1848 ein und erläutern Sie den politischen Standpunkt des Autors. (34 Punkte) 3. Beurteilen Sie u. a. vor dem Hintergrund des Textes, welche Ursachen zum Scheitern der Revolution 1848/49 führten. (24 Punkte) Materialgrundlage: Otto Lüning: Zum neuen Jahre. In: Das Westphälische Dampfboot. Paderborn, Januar 1848, S. 1 7 abgedruckt nach dem Faksimile unter: http://dlibra.bibliotekaelblaska.pl/Content/51551/ 010335-1848_01.pdf (Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.) Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung Herkunftssprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist
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Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch!
Dr. Otto Lüning (1818 1868), Arzt und Redakteur in Rheda/Westfalen, schreibt in der
von ihm herausgegebenen Zeitschrift Das Westphälische Dampfboot im Januar 1848:
[
] Unsere Zeit, unsere öffentlichen Zustände sind nicht darnach angethan, daß ein an sich
noch so wichtiges Ereignis den Kampf zwischen der Freiheit und der Reaktion e n t s c h e i -
d e n könnte; nur in Zeiten gewaltiger Aufregung, wo die Thatkraft von Jahrzehnden in einem
einzigen Moment zusammengedrängt wird, wie z. B. in der ersten französischen Revolution,
kann e i n Wurf, e i n e kühne T h a t , ja selbst eine das Volk mit unwiderstehlicher Gewalt 5
fortreißende R e d e die ganze Lage der Dinge, die Grundlagen des Staates radikal und prin-
zipiell ändern. Solche Haubtschlachten werden jetzt nicht mehr oder auch nicht wieder gelie-
fert; der Kampf ist jetzt nur ein Vorpostengefecht. Aber aus allen diesen Plänkeleien ist die
Freiheit siegreich hervorgegangen, obwohl sie den wohlorganisirten Truppen der Reaktion
nur Freischaaren1 entgegen zu stellen hatte. Preußen hat seinen ersten Vereinigten Landtag2 10
gehabt und wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird es den zweiten haben, ehe die festgesetzten
4 Jahre verflossen sind. Der Liberalismus hat in Deutschland aller Orten viel neues Terrain
gewonnen, womit wir freilich noch nicht gesagt haben wollen, daß er auch den Muth haben
wird, es zu benutzen. [
]
Wir wollen nicht zu früh triumphiren. Die Freiheit hat zwar die Vorpostengefechte siegreich 15
bestanden; aber noch ist die Reaktion mächtig und erhebt gerade in der letzten Zeit ihr Haubt
kecker, als je. Sie hat einen Augenblick geglaubt, durch Zugeständnisse die öffentliche Mei-
nung irre leiten und für sich gewinnen zu können. Aber zwischen der Freiheit und der Reak-
tion ist keine Verständigung, keine Transaktion3 möglich; hier heißt es Sieg oder Niederlage.
Die Reaktion hat ihren Irrthum eingesehen; sie sucht die Zugeständnisse, die die Noth des 20
Augenblicks ihr abrang, unwirksam zu machen; die Beweise dafür muß sich der Leser selbst
suchen. Sie hat sich zusammengerafft und führt alle ihre Truppen ins Feld. [
]
Unsere Ansichten über die civilisirte Gesellschaft und ihre Einrichtungen, über die Ver-
hältnisse des Erwerbes und des Verkehrs, des Kapitals und der Arbeit, sind noch ganz die
nämlichen, die wir seither ausgesprochen haben. Wir geben kein Titelchen davon auf, so 25
wenig als von unserem Ziele, wie wir es im vorigen Januar aussprachen:4 Gleichmäßige
harmonische Bildung für alle Schichten der menschlichen Gesellschaft, Verwirklichung und
Bethätigung des schönen Menschenthums; und als dessen Basis das durch die Einrichtung der
Gesellschaft g a r a n t i r t e Recht des Menschen auf eine zureichende menschliche Existenz.
[
] Wir sagten schon früher in unseren Programmen: Der Konstitutionalismus ist eine Durch- 30
gangsphase und die nächste Entwicklung, die uns bevorsteht. Durch ihn gelangen wir zur
Demokratie und erst in der Demokratie sind die Mittel gegeben, auf dem Wege der Gesetz-
gebung die Verhältnisse des Erwerbes und des Verkehrs so abzuändern, wie es die neue Gesell-
schaft zu ihrem geistigen und materiellen Wohlsein für nöthig erachten wird. Nun wohl,
1 Freischaaren: militärische Freiwilligenverbände
2 Der erste Vereinigte Landtag war die erstmalige gemeinsame Versammlung der ständischen Vertreter aller acht preußi-
schen Provinzen in Berlin. Sie tagte von April bis Juni 1847 nach Einberufung durch den König. Hier kam es zu Diskus-
sionen über eine preußische Verfassung.
3 Transaktion: Übereinkunft
4 Lüning bezieht sich auf einen Beitrag zum Westphälischen Dampfboot im vorangegangenen Jahr.
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Preußen hat die Bahn der konstitutionellen Entwicklung betreten. Dadurch hat der Kampf 35
um die politische Freiheit eine reelle Grundlage, eine praktische Bedeutung erhalten. Unser
nächstes Ziel liegt jetzt offen vor uns; es ist die Ausbildung und Verwirklichung des Konsti-
tutionalismus, das Streben nach wirklich demokratischen Einrichtungen, zu deren Erringung
uns der verwirklichte Konstitutionalismus erst die Waffen liefert, weil die Bourgeoisie5 die
Waffen, die sie für sich selbst nöthig hat, nicht für sich allein behalten kann. [
] 40
Soll dieses Ziel erreicht werden, so müssen alle diejenigen, welche f ü r die Theilnahme des
Volkes an den öffentlichen Angelegenheiten durch eine konstitutionelle Verfassung und
g e g e n die Herrschaft der Bureaukratie, g e g e n die Vorrechte der Feudalaristokratie in die
Schranken treten wollen, Hand in Hand gehen. Die reinen Konstitutionellen und die reinen
Demokraten unterscheiden sich zwar in sehr wesentlichen Punkten; jene haben nur einen Stand 45
im Auge, die Bourgeoisie, welche sie an die Stelle der früher bevorrechteten Stände setzen
wollen; diese kämpfen für die Rechte des gesammten Volkes. Aber da sie für die nächste
Zukunft dasselbe Ziel, dieselben Forderungen haben, so müssen sie vorläufig zusammen
gehen und die Entscheidung über die Differenzpunkte bis zur Verwirklichung der g e m e i n -
s c h a f t l i c h e n Forderungen hinausschieben. [
] Die Konstitutionellen wollen Vertretung 50
des deutschen Volkes beim deutschen Bunde und beim Zollverein (durch Notable)6, Preß-
freiheit, Gewissens- und Lehrfreiheit, Geschwornengerichte, Trennung der Verwaltung
von der Justiz, Sicherung der pers[önlichen] Freiheit, Verminderung der stehenden Heere,
Befreiung des Bodens von allen noch übrigen Feudallasten7 (durch Ablösung), Selbstverwal-
tung der Gemeinden. Die Demokraten setzen noch hinzu: Abschaffung der stehenden Heere 55
und Einführung einer volksthüml[ichen] Wehrverfassung, progressive Einkommensteuer8
statt aller bisherigen Steuern, Unentgeltlichkeit des Unterrichts, damit er Allen zugänglich
werde, Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit. Nun, da sind trotz
wichtiger und wesentlicher Verschiedenheiten doch Vereinigungspunkte genug. Diese wol-
len wir vorläufig durch Vereinigung der bisher zersplitterten Kräfte zu erringen suchen. Die 60
Demokratie ist bereit, ihre weiter gehenden Forderungen zu verschieben; aber sie erwartet
dafür auch, daß der Liberalismus die gemeinschaftlichen Forderungen nicht durch Halbheit
und Unentschlossenheit verquicke und verdünne. [
]
Die Reaktion ist wohlgerüstet und wohlorganisirt, wenn auch nur selten gut geführt; die Par-
tei des Fortschritts darf ihre Kräfte nicht fürder9 zersplittern. Wir wollen unsere persönliche 65
Liehaberei gern dem allgemeinen Interesse, den gemeinschaftlichen Bestrebungen zum Opfer
bringen und wir erwarten, daß der Liberalismus das auch thun wird. Uns führt nicht eine innige
Zuneigung, sondern das gemeinschaftliche Interesse zusammen. Aber am Tage der Schlacht
frage ich nicht darnach, ob mein Nebenmann mir persönlich angenehm oder unangenehm ist,
sondern darnach, ob er denselben Zweck hat, wie ich. [
] 70
5 Bourgeoisie: gemeint ist das Besitzbürgertum
6 Notable: Vertreter des Volkes, die aufgrund ihres Ansehens oder Vermögens eine herausgehobene Stellung innehatten.
7 stehende Feudallasten: Die Bauernbefreiung in Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand durch Ablösezahlungen an
die Grundherren statt, wodurch es zu hohen Verschuldungen der Bauern kam. Die Zahlungen dauerten entsprechend viele
Jahrzehnte an.
8 progressive Einkommenssteuer: Steuer auf das Einkommen, die bei steigenden Einkommen prozentual stärker ansteigt.
9 fürder: weiterhin
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Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! Unterlagen für die Lehrkraft
Abiturprüfung 2017
Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
1. Aufgabenart
Interpretation sprachlicher oder nichtsprachlicher historischer Quellen
2. Aufgabenstellung1
1. Geben Sie Hauptaussagen und Gedankengang des vorliegenden Textes strukturiert
wieder. (22 Punkte)
2. Ordnen Sie den Text in die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Jahre
1815 bis zum März 1848 ein und erläutern Sie den politischen Standpunkt des Autors.
(34 Punkte)
3. Beurteilen Sie u. a. vor dem Hintergrund des Textes, welche Ursachen zum Scheitern
der Revolution 1848/49 führten. (24 Punkte)
3. Materialgrundlage
Otto Lüning: Zum neuen Jahre. In: Das Westphälische Dampfboot. Paderborn, Januar
1848, S. 1 7
abgedruckt nach dem Faksimile unter: http://dlibra.bibliotekaelblaska.pl/Content/51551/
010335-1848_01.pdf
(Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)
4. Bezüge zum Kernlehrplan und zu den Vorgaben 2017
Die Aufgaben weisen vielfältige Bezüge zu den Kompetenzerwartungen und Inhaltsfeldern des
Kernlehrplans bzw. zu den in den Vorgaben ausgewiesenen Fokussierungen auf. Im Folgenden
wird auf Bezüge von zentraler Bedeutung hingewiesen.
1. Inhaltsfelder und inhaltliche Schwerpunkte
Inhaltsfeld 5: Nationalismus, Nationalstaat und europäische Integration
Einheit und Freiheit nationale Bewegungen in Deutschland und Europa im
19. Jahrhundert
2. Medien/Materialien
entfällt
1 Die Aufgabenstellung deckt inhaltlich alle drei Anforderungsbereiche ab.
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS LK HT 1 W2 Seite 2 von 10 Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! 5. Zugelassene Hilfsmittel Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung Herkunftssprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist 6. Vorgaben für die Bewertung der Schülerleistungen Teilleistungen Kriterien a) inhaltliche Leistung Teilaufgabe 1 Anforderungen maximal erreichbare PunktzahlDer Prüfling 1 benennt den Autor (Arzt und Redakteur Otto Lüning), die Textsorte (Leitartikel einer Zeitschrift), die Adressaten (interessierte Öffentlichkeit, insbesondere Demokraten), den Zeitpunkt der Abfassung (Januar 1848) sowie die Art des zu untersuchenden Materials (Quelle). 2 2 nennt als Thema in etwa: das Verhältnis von Demokraten und Liberalen im Hinblick auf die bevorstehenden politischen Auseinandersetzungen im neuen Jahr. 2 3 formuliert als Kernaussage in etwa: Der Entscheidungskampf zwischen reaktionären und freiheitlichen Kräften stehe bevor, sodass sich Liberale und Demokraten für einen Sieg zusammenschließen müssten. 4 4 gibt den Gedankengang des Autors mit Hilfe von Verben, die die argumentative Funk- tion der Hauptaussagen verdeutlichen, in etwa wie folgt wieder: Lüning betont die Bedeutung des zurückliegenden Jahres für den Kampf zwischen reak- tionären und freiheitlichen Kräften, wiederholt die bestehenden Forderungen der Demokraten nach einer Volksbildung und einer existenziellen Grundsicherung, sieht den Konstitutionalismus in Preußen als Durchgangsstadium für die Entwick- lung der Demokratie, fordert auf der Grundlage von gemeinsamen politischen Interessen ein Zusammen- wirken von Liberalen und Demokraten für die Durchsetzung der gemeinsamen Forderungen, erklärt die Bereitschaft der Demokraten, eigene Forderungen vorerst zurückzustel- len, und erwartet vom Liberalismus dasselbe. 4 5 gibt die Hauptaussagen des Textes in Verbindung mit dem in Kriterium 4 skizzierten Gedankengang strukturiert wieder (Die Trennung beider Kriterien erfolgt hier nur, um die Punkteanteile ausweisen zu können.): Nur selten gelinge ein politischer Umschwung in einem einzigen Moment; tatsäch- lich dauere der Kampf zwischen den reaktionären und freiheitlichen Interessen län- ger, der Liberalismus habe aber im letzten Jahr wie im zurückliegenden ersten Vereinigten Landtag Preußens ersichtlich einen Aufschwung erfahren. Die Forderungen der Demokraten, Volksbildung und das Recht auf eine gesicherte Existenz, blieben jedoch weiterhin bestehen. Der von den Liberalen angestrebte Konstitutionalismus in Preußen sei nur ein Zwi- schenschritt auf dem Weg zu einer Demokratie, in der die Möglichkeit bestehe, Erwerbs- und Verkehrsverhältnisse derart zu ändern, dass für das Volk geistige Freiheit und materieller Wohlstand ermöglicht würden.10
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS LK HT 1 W2 Seite 3 von 10 Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! Liberale und Demokraten teilten grundlegende Ziele wie die Verwirklichung rechtsstaatlicher Prinzipien, Freiheit und Mitbestimmung (auch in Form einer Volksvertretung beim Deutschen Bund); darüber hinaus strebten die Demokraten militärische Abrüstung, Steuern in Abhängigkeit des steigenden Einkommens, Bil- dungsmöglichkeiten für die Bevölkerung und eine gerechte Regelung des Verhält- nisses von Kapital und Arbeit an. Die Demokraten seien bereit, in der anstehenden Zeit der Auseinandersetzung mit den reaktionären Kräften ihre Forderungen zurückzustellen und gemeinsam mit den Liberalen die gemeinsamen Ziele zu erkämpfen; sie erwarteten aber auch eine entsprechende Bereitschaft zur Zusammenarbeit seitens der Liberalen. 6 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (2) Teilaufgabe 2 Anforderungen maximal erreichbare PunktzahlDer Prüfling ordnet den Text in die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Jahre 1815 bis zum März 1848 ein, indem er folgende Aspekte berücksichtigt: 1 die politischen Voraussetzungen für den Ausbruch der Märzrevolution, die in einem zunehmenden Autoritäts- und Legitimationsverlust der oft noch absolutistisch regie- renden monarchischen Staatsführungen im territorial zersplitterten Deutschland und einem wachsenden politischen Selbstbewusstsein v. a. bürgerlicher Kräfte im Hinblick auf die Durchsetzung liberaler und nationaler Forderungen bestanden; er berücksich- tigt dabei mindestens drei Gesichtspunkte, z. B.: die Ergebnisse des Wiener Kongresses von 1815, die eine weitgehende Wiederher- stellung der alten Mächte zur Folge hatten und mit der Gründung des Deutschen Bundes als Bund souveräner Einzelstaaten die Hoffnungen auf einen deutschen Nationalstaat nicht erfüllten, die Entstehung oppositioneller politischer Strömungen in Deutschland als Reak- tion auf die Französische Revolution und die Ergebnisse des Wiener Kongresses (Liberale, Demokraten, nationale Bewegung) mit der Bildung von politischen Gruppierungen (u. a. Burschenschaften), die Versuche dieser politischen Opposition, durch öffentliche Aktionen und pub- lizistische Tätigkeiten ihre Ideen publik und populär zu machen, z. B. durch poli- tische Feste (z. B. Wartburg 1817, Hambach 1832, Heppenheimer Versammlung 1847), politische Literatur (Junges Deutschland, Vormärz, Westphälisches Dampf- boot) und öffentlichen Ungehorsam (Göttinger Sieben, Frankfurter Wachensturm), die verfassungspolitische Situation in den Staaten des Deutschen Bundes, die dadurch gekennzeichnet war, dass vielfach noch wie in Preußen absolutistisch regiert wurde oder Verfassungen bestanden, in denen keine oder nur wenige sub- stanzielle Mitbestimmungs- und Freiheitsrechte vorhanden waren, die Maßnahmen der Obrigkeiten, die mit den Mitteln der Staatsgewalt liberale, nationale und demokratische Bestrebungen zu unterdrücken bestrebt waren (vgl. z. B. die Karlsbader Beschlüsse von 1819 und die erneute Repressionswelle nach der Französischen Juli-Revolution von 1830). 8
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS LK HT 1 W2 Seite 4 von 10 Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! 2 die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Ausbruch der Märzrevolution, die in einer Verarmung großer Teile der Land- und Stadtbevölkerung infolge einer Bevöl- kerungszunahme und des Übergangs von einer ständisch-feudalen Agrargesellschaft zur kapitalistischen Industriegesellschaft begründet lag; er berücksichtigt dabei min- destens drei Gesichtspunkte, z. B.: das anhaltende Bevölkerungswachstum u. a. infolge der Bauernbefreiung und den darauf folgenden Zustrom in die anwachsenden Städte, so dass zwar für die Industrialisierung günstige Arbeitskräfte zur Verfügung standen, es aber auch Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung gab, die Verschärfung der Situation durch Pauperisierung und Proletarisierung der Land- und Stadtbevölkerung, deren problematische soziale Lage sich zusätzlich durch Missernten (1845 47) und eine damit verbundene Wirtschaftskrise zuspitzte, den Konkurrenzkampf zwischen Handwerkern, Heimarbeitern und Fabrikanten in der Frühindustrialisierung, der zu sozialen Konflikten (vgl. z. B. den Weber- aufstand 1844) und einem sozialen Abstieg des freien Handwerks führte, die problematischen Lebensumstände der Fabrikarbeiter aufgrund knappen und daher teuren Wohnraums in den Städten, die mit hygienischen Missständen und gesundheitlichen Problemen einhergingen (z. B. Choleraepidemie 1830 36, Thyphusepidemien), die schwierigen Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeitern, Frauen und Kindern, die gesundheitlich und finanziell ausgebeutet wurden und sich lange Zeit auch aufgrund fehlender staatlicher Schutzmaßnahmen nicht gegen die Unternehmer zur Wehr setzen konnten. 8 3 die politische Entwicklung im Frühjahr des Jahres 1848, in dem die Forderungen der Liberalen und Demokraten durch die Initialzündung der französischen Februarrevolu- tion auch in verschiedenen Staaten des Deutschen Bundes zu Aufständen gegen die Fürsten führten; er berücksichtigt dabei mindestens drei Gesichtspunkte, z. B.: die Februar-Revolution in Paris, in der liberale Forderungen nach einer Wahlrechts- reform zur Absetzung des Königs und zur Einführung der zweiten französischen Republik führten, die durch die Februar-Revolution angestoßenen Unruhen in den Hauptstädten der Staaten des Deutschen Bundes, so in Baden, Bayern, Österreich und Preußen, in denen durch breitere Bevölkerungsschichten Forderungen nach Presse- und Ver- einsfreiheit, nach Verfassungen mit bürgerlichen Grundrechten, nach politischer Mitbestimmung und nach nationaler Einheit (Märzforderungen) aufkamen, die Aufstände und Barrikadenkämpfe am 13. bzw. 18. März in Wien bzw. Berlin und anderen Städten Deutschlands, die die Monarchen zu Zugeständnissen zwan- gen (Einberufung liberaler März-Regierungen, Verfassungs- und nationale Eini- gungsversprechen, Abberufung reaktionärer Politiker, z. B. Metternichs), ohne allerdings die obrigkeitsstaatlichen Machtinstrumente (v. a. das jeweilige Militär) den Monarchen aus der Hand nehmen zu können, die Vorbereitung einer konstituierenden Nationalversammlung durch die Heidel- berger Versammlung und das Frankfurter Vorparlament, den beginnenden Aufschwung einer demokratisch-liberalen Öffentlichkeit, zu der auch Publikationen wie das von Lüning herausgegebene Westphälische Dampf- boot gehörten. 8
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS LK HT 1 W2 Seite 5 von 10 Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! 4 erläutert den politischen Standpunkt Lünings als von demokratischen bzw. frühsozia- listischen Forderungen nach politischer Mitbestimmung, aber auch nach wirtschaft- licher Besserstellung der breiten Bevölkerung geprägt, worin Lüning sich von der reaktionären Staatsmacht Preußens sowie entsprechenden konservativen bis reaktio- nären politischen Vorstellungen unterscheidet, aber sich grundlegend auch von den liberalen Forderungen des Besitzbürgertums abhebt, mit dem er aber eine zeitweilige Kooperation im Kampf gegen die Reaktion anstrebt; er berücksichtigt dabei min- destens drei Gesichtspunkte, z. B.: Lüning fordert einen Kampf der Freiheit gegen die Reaktion, eine Änderung der Grundlagen des Staates, eine Auseinandersetzung mit der Herrschaft der Bureaukratie und den Vorrechte[n] der Feudalaristokratie, womit er sich als Gegner des in Preußen bestehenden nahezu absolutistischen Staatssystems, in dem unterschiedliche Standesrechte und vom König eingesetzte Regierungen den Staat beherrschen, zu erkennen gibt. Lüning grenzt sich deutlich von der Vorgehensweise der Liberalen / des Libera- lismus ab, die für Preußen den Konstitutionalismus als Regierungsform anstreb- ten, wobei die Liberalen selber aber so bezweifelt er kaum den Muth hätten, einen politischen Nutzen aus den gewonnenen Plänkeleien und Vorposten- gefechte[n] des Jahres 1847 zu ziehen. Lüning akzeptiert die politisch-gemäßigten Forderungen der Liberalen nach Bürger- rechten, Freiheit, Mitbestimmung und Gewaltenteilung, nämlich eine Verfassung für Preußen, Volksvertretung beim Deutschen Bund und beim Zollverein, Presse-, Gewissens- und Lehrfreiheit, Geschworenengerichte, Gewaltenteilung, Sicherung der persönlichen Freiheit, Heeresreduzierung, Ablösung der Feudallasten und Gemeindeselbstverwaltung, nennt den Liberalismus aber nur eine Durchgangs- phase. Lüning will weitergehend mit den Waffen der Bourgeoisie nach Erreichen des Konstitutionalismus die wahre Demokratie erreichen, da auch die Liberalen nur ihren eigenen Stand im Auge hätten, wodurch er sich als Anhänger einer radikal- demokratischen, tendenziell antibürgerlichen Strömung zeigt. Lüning sieht als Ziele der Demokratie eine grundlegende unentgeltliche Volksbil- dung und eine Existenzsicherung für alle, zusätzlich eine Abschaffung der obrig- keitlichen Heere, ein gerechteres Steuersystem in Abhängigkeit von der Einkom- menshöhe und eine gerechtere Entlohnung, um das Missverhältnis zwischen Kapital und Arbeit auszugleichen, wodurch er sich frühsozialistischen Forderun- gen nach Besserstellung der Arbeiter und Besitzlosen anschließt. 10 5 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4)
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS LK HT 1 W2 Seite 6 von 10 Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! Teilaufgabe 3 Anforderungen maximal erreichbare PunktzahlDer Prüfling 1 beurteilt u. a. vor dem Hintergrund des Textes, welche Ursachen zum Scheitern der Revolution 1848/49 führten; er berücksichtigt dabei sowohl eher auf das Verhalten der Akteure bezogene als auch eher strukturelle Ursa- chen, die die von Lüning vorgebrachte Prognose eines erfolgreichen Zusammenwir- kens von Liberalen und Demokraten gegen die konservativen Kräfte entkräften und die Revolution scheitern ließen, z. B.: die Schwierigkeiten, mit denen die in Frankfurt zusammengetretene Nationalver- sammlung nach den Anfangserfolgen der Märzrevolution zu kämpfen hatte, insbe- sondere die Fülle der zu regelnden Probleme rund um die innere und äußere Gestalt des Staates (Verfassung, Staatsgebiet u. a.), die objektiv gegebene politische Unerfahrenheit der Revolutionäre und Abgeor- deten, die auf Grund der vorherigen obrigkeitsstaatlichen Verhältnisse auf ihre komplexen und vielfältigen Aufgaben inner- und außerhalb der Nationalversamm- lung nur sehr eingeschränkt vorbereitet sein konnten, damit verbunden die trotz ihrer Leistungen (Ausarbeitung einer Verfassung und Gesetzgebung) vorhandene Unfähigkeit der Nationalversammlung, sich zu einer zupackenden, praktisch-handelnden Körperschaft zu entwickeln, was sich in meh- reren innen- und außenpolitisch brisanten Situationen zeigte (u. a. die Reaktion auf die Schleswig-Holstein-Krise), die durch politische Gruppierungen entstehenden wachsenden Spannungen zwischen Liberalen und Demokraten, die sich schwer taten, gemeinsam gegen die konserva- tiven bzw. reaktionären Abgeordneten vorzugehen, sodass Lünings Vision des zeit- weiligen Zusammenschlusses beider Gruppen nicht in die Realität umgesetzt wurde, hierbei speziell das Verhalten des Großteils des liberalen Bürgertums, das in der Zusammensetzung der Nationalversammlung die größte Gruppe stellte und auch aus Angst vor einer roten Gefahr (vgl. Lünings Forderungen nach Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit) eher vorsichtig und kompromiss- bereit agierte, was auch Lüning schon andeutet, wenn er befürchtet, die Bourgeoisie könne nur ihren eigenen Stand im Auge haben und die gemeinschaftlichen For- derungen durch Halbheit und Unentschlossenheit verquicke[n] und verdünne[n], das nicht zuletzt durch die äußere Ablenkung des dänischen Krieges um Schleswig und Holstein sowie durch die Ablösung einiger Feudallasten sinkende Interesse der noch überwiegend agrarisch und handwerklich geprägten Bevölkerung an der Frankfurter Versammlung, was nicht zuletzt zu einem Wunsch nach einer Rückkehr zur alten Ordnung führte, sodass Lünings Hoffnung auf eine neue Gesellschaft, die auf Freiheit und Mitbestimmung dränge, sich nicht erfüllte, das Versäumnis der Nationalversammlung, zu Beginn ihrer Konstituierung eine Zentralgewalt einzusetzen, die von ihr kontrolliert wurde, um die Veränderungen in Deutschland voranzutreiben, konterrevolutionären Widerstand zu brechen und auch den sich bildenden Nationalstaat nach außen militärisch zu vertreten (vgl. z. B. die Auseinandersetzungen um Schleswig-Holstein), die bleibende Stärke der alten Mächte auf Grund der fortbestehenden, von der Nationalversammlung strukturell nicht angetasteten Loyalität des alten Machtappa- rates, insbesondere des Militärs gegenüber den Regierungen; da die Nationalver- sammlung nicht über eine militärische Macht verfügte, konnte sie am Ende gewalt- sam aufgelöst werden, das erneute Erstarken der Fürsten, die sich aus der Schockstarre der Märzrevo- lution wieder lösten und insbesondere mithilfe des Militärs ihre Position erneut festigen konnten, womit Lünings Befürchtung, dass die Reaktion alle ihre Trup- pen ins Feld führen würde, sich bewahrheitete, 20
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS LK HT 1 W2 Seite 7 von 10 Abiturprüfung 2017 Nur für den Dienstgebrauch! die Ablehnung der dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. angebotenen Kaiserkrone, womit eine zentrale Vorstellung der Paulskirchenversammlung, einem erwählten Fürsten die Krone anzubieten, scheiterte, die Ablehnung der Verfassung durch die beiden wichtigsten Staaten im Deutschen Bund (Preußen, Österreich), so dass die Idee der nationalen Einigung wirkungslos blieb, die z. T. auch mit militärischen Mitteln erfolgte Auflösung der Nationalversamm- lung und die Niederschlagung der letzten Aufstände in Südwestdeutschland nach der Reichsverfassungskampagne, die Verhaftung, Verfolgung oder Flucht der Anführer der Revolution, die zu einer Führungslosigkeit führte, die Abberufung der liberalen Märzministerien in den Bundesstaaten durch die Fürstenhäuser und die Rückkehr zu oktroyierten Regierungsvorgaben und Ver- fassungen, die die liberalen und demokratischen Aktivitäten für die nächsten Jahr- zehnte erneut unterdrückte. Orientierung für eine 10 Gewichtungspunkten entsprechende Lösungsqualität: Der Prüfling gelangt unter Bezugnahme auf Lünings Prognose zu einer nachvollzieh- baren Argumentation, in der insgesamt mindestens drei Gesichtspunkte sachgerecht berücksichtigt werden. Die Argumentation enthält keine gravierenden sachlichen Fehler. Orientierung für eine 20 Gewichtungspunkten entsprechende Lösungsqualität: Der Prüfling entwickelt unter vertiefter Bezugnahme auf Lünings Prognose eine diffe- renzierte Argumentation, in der erörternd insgesamt mindestens fünf Gesichtspunkte sachgerecht berücksichtigt werden. Die Argumentation enthält keine sachlichen Fehler. 2 formuliert ein Fazit, in dem er darstellt, dass die Hoffnungen Lünings auf ein erfolg- reiches Zusammengehen der Liberalen mit den Demokraten nicht in Erfüllung gingen und in dem er mit der Möglichkeit unterschiedlicher inhaltlicher Schwerpunktset- zungen das Scheitern der 1848er Bewegung multikausal begründet (Uneinigkeit und Unerfahrenheit, die Vielfalt der zu lösenden Probleme, Wiedererstarken der Reaktion, wachsendes öffentliches Desinteresse, militärische Chancenlosigkeit). 4 3 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4) b) Darstellungsleistung Anforderungen maximal erreichbare Punktzahl Der Prüfling 1 strukturiert seinen Text schlüssig, stringent sowie gedanklich klar und bezieht sich dabei genau und konsequent auf die Aufgabenstellung. 5 2 bezieht beschreibende, deutende und wertende Aussagen schlüssig aufeinander. 4 3 belegt seine Aussagen durch angemessene und korrekte Nachweise (Zitate u. a.). 3 4 formuliert unter Beachtung der Fachsprache präzise und begrifflich differenziert. 4 5 schreibt sprachlich richtig (Grammatik, Orthographie, Zeichensetzung) sowie syntaktisch und stilistisch sicher.4