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Abitur-Prüfung in Nordrhein-Westfalen aus 2018 in Geschichte-Sozialwissenschaften
GS GK NT 1 W1 Seite 1 von 3 Name: _______________________ Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! Abiturprüfung 2018 Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs Aufgabenstellung: 1. Geben Sie Gedankengang und Hauptaussagen des vorliegenden Textes strukturiert wieder. (24 Punkte) 2. Erläutern Sie den für das Textverständnis nötigen politischen Hintergrund der März- revolution ab 1848 und der Frankfurter Nationalversammlung. Charakterisieren Sie anschließend die Haltung Stahls zu den Ereignissen im März 1848. (32 Punkte) 3. Beurteilen Sie, inwiefern die im Text angesprochene Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. für das Scheitern der Revolution von 1848/49 verantwortlich gemacht werden kann. (24 Punkte) Materialgrundlage: Friedrich Julius Stahl: Zum Gedächtniß Seiner Majestät des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm IV. und seiner Regierung. Vortrag gehalten im evangelischen Verein zu Berlin am 18. März 1861, Berlin 1861, S. 8 9, 13 14 Textstellen zitiert nach: http://reader.digitale-sammlungen.de (Die Rechtschreibung und Zeichensetzung sowie die Hervorhebungen folgen dem Original.) Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung Herkunftssprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist
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Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch!
Friedrich Julius Stahl1 in einer Rede am 18.03.1862:
[
] Friedrich Wilhelm IV. erbte von seinem Vater eine Krone sonder Gleichen, hochange-
sehen nach außen, ungeschwächt nach innen, noch strahlend im Ruhme der Freiheitskriege.
Aber er erbte von seinem Vater auch Aufgaben und Verwicklungen von der schwierigsten,
wenn überhaupt von einer Lösung: die Verheißung der Reichsstände von 18152, (die noch dazu
allgemein, wenn auch fälschlich, als Verheißung einer Verfassung nach der constitutionellen3 5
Doktrin verstanden wurde), die gänzliche Unpopularität des deutschen Bundes, die Union4
mit ihrer Zwietracht, die katholischen Wirren5. Aber das Schlimmste von allem war die Aus-
breitung und Höhe, welche die Ideen der französischen Revolution in den fünf und zwanzig
Jahren seit der Restauration erreicht hatten. Sie gingen jetzt über alle deutschen Lande, durch
alle Schichten der Bevölkerung. Sie schlugen in Wissenschaft und Tagespresse unausgesetzt 10
an das Ohr, sinnbetäubend, herzbethörend. [
]
Der König begann sein Werk damit, daß er dem Meeresbrausen einer antichristlichen und
antimonarchischen öffentlichen Meinung sein doch nicht zu überhörendes königliches Zeugniß
entgegensprach, sein Zeugniß für unsern göttlichen Heiland, Herrn und König, sein Zeugniß
für die Krone, die er allein von Gott trage, sein Zeugniß wider die Theilung der Souveraini- 15
tät, wider die Entgliederung der Gesellschaft, wider das Blatt Papier, das sich zwischen
Gott und das Land als eine zweite Vorsehung eindrängt, um uns mit seinen Paragraphen zu
regieren und durch sie die alte heilige Treue zu ersetzen. Demgemäß gewährte er nicht die
Forderungen der öffentlichen Meinung, noch machte er ihr Zugeständnisse, sondern er schlug
sie rein und energisch ab. Aber er gewährte Freiheit und Volksbetheiligung reichlich und 20
freudig auf den Wegen, wie er sie als die rechten erkannte. So faßte er die Lösung des poli-
tischen Problems. Er gab Preßfreiheit bis zur äußersten Gränze, welche die Bundesgesetze
zuließen, er entwickelte die ständischen Institutionen bis zum vereinigten Landtag6, er stellte
Anträge bei Oestreich auf größere Einigung Deutschlands. [
]
Ein deutscher Bundesstaat mit Volkshaus und Staatenhaus nach dem Muster Nordamerikas 25
war der Anschauung des Königs durchaus fremd, wo nicht entgegen7. Gemäß seiner Ankündi-
gung am 18. März und gemäß seiner allgemeinen Liebe für die nationale Einheit Deutsch-
lands übernahm er die Ausführung dieses Gedankens. Allein wenn er gleich dem fremden
Gedanken die eigenen Ideale opferte, so doch nicht die heiligsten Ueberzeugungen von Pflicht
und Recht. Stieß dessen Ausführung an das göttliche Recht der bestehenden Obrigkeiten oder 30
an die geschichtlichen rechtsverbürgten Bande deutscher Nation, da konnte er ihm nicht mehr
1 Friedrich Julius Stahl, Rechtsphilosoph, Jurist und Mitbegründer der Konservativen Partei Preußens, war ein enger Bera-
ter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV.
2 Hier ist die Deutsche Bundesakte gemeint, in der Artikel 13 in allen deutschen Bundesstaaten eine landesständische Ver-
fassung versprach.
3 constitutionell: die in einer Verfassung garantierten Rechte und Freiheiten
4 Hier sind vermutlich die konservativen Pläne zur Bildung einer Union Preußens mit den deutschen Mittel- und Klein-
staaten anstelle eines Nationalstaates gemeint.
5 Hier ist vermutlich der beginnende Konflikt des preußischen Staates mit der katholischen Kirche gemeint.
6 Um eine landesständige Verfassung zu umgehen, rief der preußische König 1847 die Provinzialstände in einem Ver-
einigten Landtag zusammen. Dieser besaß keine legislative Befugnis, aber das Budgetrecht.
7 wo nicht entgegen: wenn nicht sogar gegen seine Überzeugung
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dienen. Das ist der Schlüssel zu den damaligen Begebenheiten. Er selbst ermunterte die schon
ermattende Partei des Bundesstaates in Frankfurt durch die Note vom Januar 18498. Aber als
sie ihm dann den Bundesstaat und die Kaiserkrone ohne Zustimmung der Fürsten darbrachte,
hatte er keinen Theil an ihr. Und wieder nach Ablehnung der Kaiserkrone und Zersprengung 35
der Nationalversammlung hielt er sich verpflichtet, die Bundesstaatspolitik9 selbst in die Hand
zu nehmen. Als sie aber dazu führte, Deutschland in Bürgerkrieg zu spalten, und ihn selbst
zum Vorfechter wider die alte von den Fürsten gegründete Ordnung zu machen, da gab er sie
auf. Das kommt nicht aus einem bloßen Widerstreit unter den Rathgebern des Königs und
dem Zufall, daß bald der eine, bald der andere siegte. Sondern es ist ein Ringen unter zwei 40
Beweggründen, ja unter zwei Pflichten in der Gesinnung des Königs selbst, und die Entschei-
dung erfolgte mit Nothwendigkeit nach dem inneren Gesetze seiner Gesinnung. [
]
Er lehnte die Kaiserkrone ab, weil es nicht die rechtmäßige deutsche Kaiserkrone war. Er
lehnte sie ab, weil es nicht die wirkliche deutsche Kaiserkrone war, nicht die Krone der Gewalt
und Obrigkeit, sondern das eiserne Halsband für den Leibeigenen der Revolution. Es war 45
Treue an der deutschen Nation, daß er sie in der Ehrfurcht gegen geheiligte Rechte erhielt,
welche dereinst das Fundament der Herrlichkeit ihres tausendjährigen Reiches gewesen. Es
war die Treue an der deutschen Nation, daß er die Legitimität seiner preußischen Krone rein
bewahrte, die selbst ein Hort und Kleinod deutscher Nation ist. [
]
8 ein Schreiben des preußischen Königs an die anderen deutschen Einzelstaaten, in dem er deutlich machte, dass er einen
deutschen Bundesstaat auch unter Ausschluss von Österreich akzeptieren würde
9 Bundesstaatspolitik: die Politik, die zu einem vereinten deutschen Bundesstaat führt
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Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! Unterlagen für die Lehrkraft
Abiturprüfung 2018
Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
1. Aufgabenart
Interpretation sprachlicher oder nichtsprachlicher historischer Quellen
2. Aufgabenstellung1
1. Geben Sie Gedankengang und Hauptaussagen des vorliegenden Textes strukturiert
wieder. (24 Punkte)
2. Erläutern Sie den für das Textverständnis nötigen politischen Hintergrund der März-
revolution ab 1848 und der Frankfurter Nationalversammlung. Charakterisieren Sie
anschließend die Haltung Stahls zu den Ereignissen im März 1848. (32 Punkte)
3. Beurteilen Sie, inwiefern die im Text angesprochene Ablehnung der Kaiserkrone durch
Friedrich Wilhelm IV. für das Scheitern der Revolution von 1848/49 verantwortlich
gemacht werden kann. (24 Punkte)
3. Materialgrundlage
Friedrich Julius Stahl: Zum Gedächtniß Seiner Majestät des hochseligen Königs Friedrich
Wilhelm IV. und seiner Regierung. Vortrag gehalten im evangelischen Verein zu Berlin
am 18. März 1861, Berlin 1861, S. 8 9, 13 14
Textstellen zitiert nach: http://reader.digitale-sammlungen.de
(Die Rechtschreibung und Zeichensetzung sowie die Hervorhebungen folgen dem Original.)
4. Bezüge zum Kernlehrplan und zu den Vorgaben 2018
Die Aufgaben weisen vielfältige Bezüge zu den Kompetenzerwartungen und Inhaltsfeldern des
Kernlehrplans bzw. zu den in den Vorgaben ausgewiesenen Fokussierungen auf. Im Folgenden
wird auf Bezüge von zentraler Bedeutung hingewiesen.
1. Inhaltsfelder und inhaltliche Schwerpunkte
Inhaltsfeld 5: Nationalismus, Nationalstaat und europäische Integration
Einheit und Freiheit nationale Bewegungen in Deutschland und Europa im
19. Jahrhundert
2. Medien/Materialien
entfällt
1 Die Aufgabenstellung deckt inhaltlich alle drei Anforderungsbereiche ab.
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS GK NT 1 W1 Seite 2 von 9 Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! 5. Zugelassene Hilfsmittel Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung Herkunftssprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist 6. Vorgaben für die Bewertung der Schülerleistungen Teilleistungen Kriterien a) inhaltliche Leistung Teilaufgabe 1 Anforderungen maximal erreichbare PunktzahlDer Prüfling 1 benennt den Autor (Friedrich Julius Stahl, Mitbegründer der Konservativen Partei Preußens, Berater des Königs), die Textsorte ((Gedenk-)Rede), die Adressaten (Mit- glieder des evangelischen Vereins zu Berlin, Öffentlichkeit), den Zeitpunkt (18. März 1861), den Ort (Berlin) und Art des zu untersuchenden Materials (Quelle). 2 2 nennt als Thema des vorliegenden Textauszuges in etwa: das Handeln des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. von 1815 bis 1849. 2 3 formuliert als Kernaussage in etwa: Das Verhaltens des Königs während der Revo- lution von 1848/49 sei richtig und gerechtfertigt gewesen, auch die Ablehnung der Kaiserkrone. 4 4 gibt den Gedankengang des Autors mit Hilfe von Verben, die die argumentative Funk- tion der Hauptaussagen verdeutlichen, in etwa wie folgt wieder: Stahl analysiert die politische Situation zu Beginn der Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV., stellt die Haltung des preußischen Königs zu den neuen politischen Ideen bis zu den Märzereignissen dar, beschreibt die Maßnahmen Friedrich Wilhelms bis zu den Märzereignissen, beurteilt dessen Verhalten in den Jahren 1848/49, erläutert die Ursachen und die Motive des Königs für sein ambivalentes Verhal- ten, rechtfertigt die Ablehnung der Kaiserkrone. 4 5 gibt die Hauptaussagen des Textes in Verbindung mit dem in Kriterium 4 skizzierten Gedankengang strukturiert wieder (Die Trennung beider Kriterien erfolgt hier nur, um die Punktanteile ausweisen zu können.): Der preußische König habe ein schwieriges Erbe erhalten, denn er habe u. a. die oft falsch verstandenen Beschlüsse der Deutschen Bundesakte wie die Schaffung einer Verfassung umsetzen müssen. Misslich sei die Verbreitung der französischen Ideen in allen Bevölkerungsschichten gewesen. Der König habe sich diesen Ideen und der antichristlichen und antimonarchischen öffentlichen Meinung entgegengestellt. Er habe sich für die ungeteilte und souve- räne königliche Macht ausgesprochen, die allein von Gott stamme. Auf der einen Seite habe er die Forderungen der Öffentlichkeit verworfen, auf der anderen Seite habe er Pressefreiheit gewährt, den preußischen Landtag einberufen und national orientierte Anträge gestellt. 12
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS GK NT 1 W1 Seite 3 von 9 Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! Der König habe seine Ideale für die Einheit Deutschlands am 18. März und im Januar 1849 zurückgestellt, aber er habe seine Überzeugungen und sein Pflicht- verständnis nicht aufgegeben, als er die Kaiserkrone ablehnte und auch die Bundes- staatspolitik nicht mehr verfolgte. Friedrich Wilhelm habe einen Bürgerkrieg vermeiden wollen. Zudem sei sein wider- sprüchliches Verhalten nicht auf seinen Beraterkreis oder Zufälligkeiten zurückzu- führen, sondern auf das Dilemma seiner Situation. Die Ablehnung der Kaiserkrone sei aus weiser Überlegung und aus Treue der deut- schen Nation gegenüber erfolgt, da der Kaiserkrone jede Legitimität fehlte, da sie ohne Zustimmung der Fürsten von Revolutionären überreicht worden sei. 6 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (2) Teilaufgabe 2 Anforderungen maximal erreichbare PunktzahlDer Prüfling erläutert den für das Textverständnis nötigen politischen Hintergrund der Ereignisse der Märzrevolution ab 1848 und der Frankfurter Nationalversammlung. Er nimmt dabei Bezug auf: 1 den zunächst erfolgreichen Verlauf der Revolution im Jahr 1848, der aber nicht zur Entmachtung der Fürsten und des alten Staatsapparates führte. Er berücksichtigt dabei mindestens drei der folgenden Aspekte, z. B.: die durch die Februar-Revolution in Paris 1848 und die Abdankung des Königs Louis Philippe I. angestoßenen Unruhen in den deutschen Ländern, die Forderungen nach materiellen und sozialen Verbesserungen, nach Presse- und Vereinsfreiheit, nach Verfassungen mit bürgerlichen Grundrechten, nach politi- scher Mitbestimmung und nach nationaler Einheit (,Märzforderungen), die zunehmend politisierte Öffentlichkeit und Ausbreitung der Revolution auf eine breite Bevölkerungsschicht (z. B. auch Tagelöhner, Handwerker, Bauern), die der Durchsetzung der ,Märzforderungen in vielen deutschen Ländern zum Erfolg ver- halfen, die Einberufung liberaler ,März-Regierungen v. a. in Süddeutschland, die Aufstände und blutigen Straßenkämpfe am 13. März in Wien, die zur Abberu- fung reaktionärer Politiker (Metternich) und zu einer Bewilligung von Pressefrei- heit und einer Verfassung führten, die ersten Unruhen in Berlin am 14. März, woraufhin Friedrich Wilhelm IV. zum zweiten Mal die Einberufung des ,Vereinigten Landtages und die Aufhebung der Pressezensur verkündete, was auch Stahl erwähnt, die von Stahl angesprochenen Ereignisse des 18. März in Berlin, die letztendlich den preußischen König zu Zugeständnissen zwangen, ihm aber nicht die Macht- instrumente (v. a. das Militär) aus der Hand nehmen konnten, den Ritt des preußischen Königs mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe durch Berlin und seine Proklamation ,An mein Volk und die deutsche Nation! am 21. März, in der er neben der ,Einführung wahrer konstitutioneller Verfassungen versprach, dass ,Preußen fortan in Deutschland aufgehen solle. 10
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS GK NT 1 W1 Seite 4 von 9 Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! 2 die Einrichtung, Arbeit(-sweise) und das Scheitern der Frankfurter Nationalversamm- lung, die primär am Wiedererstarken der restaurativen Kräfte, v. a. in Preußen, und der Abkehr des liberalen Bürgertums von den republikanischen Kräften scheiterte. Er berücksichtigt dabei mindestens drei Aspekte, z. B.: das Zusammenkommen des ,Frankfurter Vorparlamentes am 31. März, das eine konstituierende Nationalversammlung vorbereiten sollte, die sich am 1. Mai 1848 durch die ersten demokratischen Wahlen in Deutschland konstituierende Nationalversammlung, die Tagung der Nationalversammlung (Mai 1848 bis Mai 1849) in der Frankfurter Paulskirche mit dem Ziel, eine nationale und liberale Verfassung zu schaffen und somit den Grundstein für einen deutschen Nationalstaat zu legen, die sich in der Nationalversammlung abzeichnende Ausdifferenzierung des politi- schen Spektrums der Konservativen, Liberalen und Republikaner mit der Bildung von Fraktionen, die langen Debatten in der Nationalversammlung, die zeigten, wie schwierig es war, zu einem politisch tragfähigen Kompromiss für einen deutschen National- staat mit einer Verfassung zu finden, die Massierung der zu lösenden Fragen und Probleme (Nationalitäten, Staatsge- biet) in der Nationalversammlung, die politische Unerfahrenheit des Parlamentes (,Professorenparlament), das wachsende Desinteresse und die Frustration großer Bevölkerungsteile ange- sichts der Langsamkeit und Komplexität der politischen Verfahren, die Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König im April 1849, womit der Kompromiss, einem gewähltem Fürsten die Kaiserkrone anzutragen, scheiterte, die Abberufung der Abgeordneten, u. a. durch den preußischen Staat, die Auflösung der Nationalversammlung im Mai 1849 bzw. die gewaltsame Auf- lösung des Rumpfparlamentes in Stuttgart, u. a. durch preußische und württember- gische Truppen. 10 3 charakterisiert anschließend Stahls Haltung zu den Märzereignissen, die sich auf Grund seiner entschiedenen Ablehnung nationalliberaler Forderungen und politischer Mitbe- stimmung als monarchistisch, konservativ und reaktionär beschreiben lässt. Er berück- sichtigt dabei mindestens drei Aspekte, z. B.: seine konservativen und absolutistischen Vorstellungen von der Souveränität des Monarchen (Gottesgnadentum), die unteilbar sei und nicht an die Nationalver- sammlung abgetreten werden dürfe, seine Vorstellung einer aus der Geschichte und Tradition abgeleiteten Herrscher- legitimität, mit der sich Stahl gegen jegliche Änderung der Herrschaftsverhältnisse und Staatsformen wendet, seine Ablehnung einer durch eine Verfassung gebundenen Staatsordnung und Macht des Königs, die er als unnatürlich, wider die Tradition und als Unterdrü- ckung bezeichnet, seinen Vorwurf an die Nationalversammlung, sie habe den König mit der Kaiser- krone an die Verfassung binden und damit unterwerfen wollen, seine Polemik gegen die Ideen der Französischen Revolution (und damit auch gegen manche Inhalte der Märzforderungen), die sinnbetäubend seien, womit seine Zurückweisung von liberalen und nationalen Ideen deutlich wird, seine Abwertung einer öffentlichen kritischen Meinung (und ihre Einmischung in die Politik), die er als antichristlich[] und antimonarchisch[] kritisiert, seine dichotomische Vorstellung von einem schicksalhaften Kampf um die Herr- schaftsrechte zwischen neuen, nationalliberalen Ideen und alten, tradierten Rech- ten, in dem es nur einen Sieger geben könne. 12 4 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4)
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS GK NT 1 W1 Seite 5 von 9 Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! Teilaufgabe 3 Anforderungen maximal erreichbare PunktzahlDer Prüfling 1 beurteilt, inwiefern die Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. für das Scheitern der Revolution von 1848/49 verantwortlich gemacht werden kann, indem er einerseits die Bedeutung der Ablehnung der Kaiserkrone sowie deren Folgen, ander- seits aber auch multikausal weitere Faktoren für das Scheitern der Revolution anführt: Argumente, die dafür sprechen, dass die Ablehnung der Kaiserkrone (wesentlich) zum Scheitern der Revolution von 1848/49 beigetragen hat, z. B.: die Ablehnung der Kaiserkrone hatte hohen Symbolgehalt und eine starke Außen- wirkung, sie bestärkte die reaktionären Kräfte in allen deutschen Staaten, sie schwächte die kompromissbereiten Kräfte in der Paulskirche wesentlich, sie sorgte dafür, dass sich Teile des liberalen Bürgertums, welche bislang zu den Unterstützern der Paulskirche gehörten, von der Nationalversammlung abwandten, sie machte das mehrmonatige Ringen um politische Kompromisse und Lösungen in den strittigen Fragen zunichte und sorgte für Frustration auf allen Seiten, sie spielte gleichzeitig den radikalen Demokraten in die Hände, die nun ein wei- teres Argument für eine Radikalisierung und gegen eine Zusammenarbeit mit den Fürsten und den gemäßigten Kräften hatten, sie zeigte, dass die Frankfurter Nationalversammlung einerseits der Ablehnung machtlos gegenüberstand und andererseits keine politische Alternative hatte. andere Faktoren, die (wesentlich) zum Scheitern der Revolution von 1848/49 beige- tragen haben und die Bedeutung der Ablehnung der Kaiserkrone relativieren, z. B.: die frühe und klare Spaltung von Liberalen und (radikalen) Demokraten verhin- derte weitgehend ein einheitliches Handeln der revolutionären Kräfte. Das Besitz- bürgertum distanzierte sich dabei von den revolutionären Kräften und sympathi- sierte mit dem Adel und politischen Führungsschichten, das Militär und Beamtentum blieb überwiegend loyal gegenüber den Herrschern, während der Nationalversammlung Möglichkeiten der exekutiven Umsetzung von Beschlüssen fehlten, auch die Bevölkerung blieb in weiten Teilen königstreu oder vertrat zumindest monarchische Vorstellungen, die anderen europäischen Großmächte standen einer Einigung Deutschlands sehr kritisch gegenüber, der Revolution fehlte aufgrund der geografischen Zersplitterung ein revolutionäres Zentrum, in den beiden größten deutschen Staaten war die Konterrevolution früh erfolgreich und arbeitete (mehr oder weniger offen) gegen die Nationalversammlung, interne Probleme der Nationalfragen waren ungelöst (vielleicht sogar unlösbar): das Fehlen parlamentarischer Erfahrungen und Traditionen, die Massierung der Probleme, die von außen gesehen langsame Arbeitsweise, durch die die revolutio- näre Dynamik verloren ging, die Unlösbarkeit mancher der sich stellenden Fragen zur Zufriedenheit einer Mehrheit, ). Orientierung für eine 10 Gewichtungspunkten entsprechende Lösungsqualität: Der Prüfling gelangt zu einer nachvollziehbaren Argumentation, in der mindestens zwei Aspekte in Bezug auf die Bedeutung der Ablehnung der Kaiserkrone für das Scheitern der Deutschen Revolution von 1848/49 (darunter mindestens einer aus jeder der beiden Argumentationsrichtungen) sachgerecht berücksichtigt werden. Die Argu- mentation enthält keine gravierenden sachlichen Fehler. 20
Ministerium für Schule und Bildung NRW GS GK NT 1 W1 Seite 6 von 9 Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! Orientierung für eine 20 Gewichtungspunkten entsprechende Lösungsqualität: Der Prüfling gelangt zu einer nachvollziehbaren und differenzierten Argumentation, in der mindestens vier Aspekte in Bezug auf die Bedeutung der Ablehnung der Kaiser- krone für das Scheitern der Deutschen Revolution von 1848/49 (darunter mindestens zwei aus jeder der beiden Argumentationsrichtungen) sachgerecht berücksichtigt wer- den. Die Argumentation enthält keine sachlichen Fehler. 2 formuliert ein Fazit, in dem er in etwa zum Ausdruck bringt, dass das Scheitern der Revolution von 1848/49 zu einem Teil auf die Ablehnung der Kaiserkrone zurückge- führt werden kann, dass aber vor allem strukturelle Probleme (der Nationalversamm- lung) für das Scheitern der Revolution von 1848/49 verantwortlich zu machen sind. Die Gewichtung kann je nach Argumentation unterschiedlich ausfallen. 4 3 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4) b) Darstellungsleistung Anforderungen maximal erreichbare Punktzahl Der Prüfling 1 strukturiert seinen Text schlüssig, stringent sowie gedanklich klar und bezieht sich dabei genau und konsequent auf die Aufgabenstellung. 5 2 bezieht beschreibende, deutende und wertende Aussagen schlüssig aufeinander. 4 3 belegt seine Aussagen durch angemessene und korrekte Nachweise (Zitate u. a.). 3 4 formuliert unter Beachtung der Fachsprache präzise und begrifflich differenziert. 4 5 schreibt sprachlich richtig (Grammatik, Orthographie, Zeichensetzung) sowie syntaktisch und stilistisch sicher.4
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Abiturprüfung 2018 Nur für den Dienstgebrauch! 7. Bewertungsbogen zur Prüfungsarbeit
Name des Prüflings: ____________________________________ Kursbezeichnung: ____________
Schule: _____________________________________________
Teilaufgabe 1
Anforderungen Lösungsqualität
Der Prüfling maximal
erreichbare
Punktzahl EK2 ZK DK
1 benennt den Autor
2
2 nennt als Thema
2
3 formuliert als Kernaussage
4
4 gibt den Gedankengang
4
5 gibt die Hauptaussagen
12
6 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (2)
..
..
Summe 1. Teilaufgabe 24
Teilaufgabe 2
Anforderungen Lösungsqualität
Der Prüfling maximal
erreichbare
Punktzahl EK ZK DK
erläutert den für
1 den zunächst erfolgreichen
10
2 die Einrichtung, Arbeit(-sweise)
10
3 charakterisiert anschließend Stahls
12
4 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (4)
..
..
Summe 2. Teilaufgabe 32
2 EK = Erstkorrektur; ZK = Zweitkorrektur; DK = Drittkorrektur