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Abitur-Prüfung in Nordrhein-Westfalen aus 2011 in Geschichte-Sozialwissenschaften

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Nur für den Dienstgebrauch! 
 
 
 
Abiturprüfung 2011 
Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs 
Aufgabenstellung: 
 
1. Geben Sie den Gedankengang und die Hauptaussagen des vorliegenden Textes struktu­
riert wieder.  (20 Punkte)  
2. „Die reine Freiheit des Arbeitsmarktes musste daher ein instabiler Zustand sein. Im 
Zusammenspiel von Protest der Arbeiter, Revolutionsprävention der Eliten und morali­
scher Einsicht in kleinen Reformergruppen entstanden daher nach wenigen Jahrzehnten 
die Grundzüge des Sozialstaates.“ (Z. 16 – 19) 
Erläutern Sie diese Aussage des Autors aus dem Text heraus ausführlich anhand des 
Wandels der wirtschaftlichen und sozialen Stellung der Arbeiter in Deutschland im 
Verlauf des 19. Jahrhunderts.  (36 Punkte)  
3. Diskutieren Sie, inwieweit das vom Autor dargelegte Ungleichgewicht der Verhand­
lungspartner am Arbeitsmarkt in Deutschland noch heute ein Problem darstellt und 
inwieweit der seit dem 19. Jahrhundert entwickelte und weiter ausgebaute Sozialstaat 
heute noch notwendig ist.  (24 Punkte)  
 
Materialgrundlage: 
 
• Jürgen Osterhammel: Arbeitsmarkt ohne Gleichgewicht. In: Ders.: Die Verwandlung 
der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 4. durchgesehene Auflage, München:
C. H. Beck 2009, S. 1008 f. (Erstausgabe ebenfalls 2009) 
 
 
Zugelassene Hilfsmittel: 
 
• Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung 
• Muttersprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist
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Nur für den Dienstgebrauch! 
Arbeitsmarkt ohne Gleichgewicht (Auszug) 
 
Gegen Ende des Jahrhunderts kam ein neuer Faktor hinzu: der Aufstieg der organisierten 
Arbeiterbewegung. Erst die nun allmählich sich bildenden Möglichkeiten, den übermächtigen 
Kapitalbesitzern als forderndes Kollektiv1 gegenüberzutreten, korrigierte ein grundsätzliches 
Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt. Ein wirklicher Durchbruch war erst dann erreicht, 
wenn jeweils eine nationale Gesetzgebung die Möglichkeit von Tarifverhandlungen (collective 5 
bargaining2) einräumte. So führt der hindernisreiche Aufstieg freier Arbeit zu einem Paradox3: 
Erst die Einschränkung der Freiheit des Marktes durch Bildung von Verhandlungsmonopolen 
auf Arbeiterseite gab den Einzelnen Freiheit von den Machtmitteln der Käufer von Arbeits­
kraft, vor allem der Möglichkeit, die um Beschäftigung konkurrierenden Arbeiter gegeneinan­
der auszuspielen und kurzfristige Kündigungen auszusprechen. Freie Arbeit in einem substan­10 
ziellen4 Sinn entstand aus der sozialstaatlich motivierten Einschränkung unbegrenzter Ver­
tragsfreiheit. Die Kontraktualisierung5 des Arbeitsverhältnisses allein war außerstande, die 
«Würdelosigkeit der Lohnarbeiterschaft» (Robert Castel6) zu verhindern oder zu beseitigen. 
Der mit nichts als seiner eigenen physischen Arbeitskraft ausgestattete Arbeiter war ein 
Wesen ohne Garantien und Rechte und darin seinem Antipoden7, dem Sklaven, vergleichbar.  15 
Die reine Freiheit des Arbeitsmarktes musste daher ein instabiler Zustand sein. Im Zusammen­
spiel von Protest der Arbeiter, Revolutionsprävention8 der Eliten und moralischer Einsicht in 
kleinen Reformergruppen entstanden daher nach wenigen Jahrzehnten die Grundzüge des 
Sozialstaates. Dass die schutzlose Arbeitsfreiheit als Grundlage für gesellschaftliche Integra­
tion wenig taugte, hatten zunächst philanthropische9 Unternehmer gesehen. Der frühe Sozial­ 20 
staat, wie er sich seit den 1880er Jahren entwickelte, systematisierte solche Fürsorge und 
ersetzte sie durch das eigentlich neuartige, eine stille Revolution herbeiführende Prinzip der 
Pflichtversicherung. Dahinter stand eine Auffassung von Gesellschaft nicht als Ansammlung 
von Individuen, sondern als spannungsreiche Pluralität von Kollektiven, eine Auffassung, in 
der Konservative und Sozialisten prinzipiell übereinstimmten. Nur deshalb war der Aufbau 25 
früher Sozialstaatlichkeit jenseits des klassischen Liberalismus möglich. Ganz so individua­
listisch­«manchesterlich10» war aber selbst der klassische (vor allem britische und französi­
sche) Liberalismus bei all seinen Vertretern in Theorie und Politik nicht gewesen. Der «neue 
Liberalismus» konnte sich daher dem allgemeinen Trend der Zeit zur staatlichen Abfederung 
von Arbeit anschließen. In der Definition der «sozialen Frage» bestand während der zwei 30 
                                                  
1 Der Begriff „Kollektiv“ beschreibt soziale Gruppen, deren Beteiligte nach verschiedenen Gesichtspunkten zusammen­
gefasst werden – es kann z. B. ein Volk, eine Klasse, eine Belegschaft sein. 
2 englischsprachiger Begriff für Tarifverhandlungen 
3 Widerspruch in sich 
4 wesentlich 
5 von „Kontrakt“: Vertrag; „Kontraktualisierung“ meint hier die vertragliche Regelung eines Arbeitsverhältnisses zwischen 
dem Arbeitgeber und dem einzelnen Arbeiter. 
6 französischer Soziologe  
7 hier: Gegenspieler, Gegenüber 
8 vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung des Ausbruchs einer Revolution  
9 menschenfreundlich 
10 von „Manchestertum“: (oft abwertend gebrauchte) Bezeichnung für einen wirtschaftspolitischen Liberalismus mit der 
Forderung nach völliger Freiheit der Wirtschaft ohne jeden staatlichen Eingriff. (Die englische Industriestadt Manchester 
galt im 19. Jahrhundert als Zentrum dieser Richtung.)
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Nur für den Dienstgebrauch! 
oder drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg in den industrialisierten Ländern Europas ein 
gewisser Grundkonsens. Die Sozialversicherung, die in Deutschland primär ein Projekt kon­
servativer Systemstabilisierung war, wurde in Großbritannien nach 1906 von einer liberalen 
Regierung in Angriff genommen. […] 
 
Anmerkungen: 
Jürgen Osterhammel (geb. 1952) ist Historiker. Seit 1999 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste 
Geschichte an der Universität Konstanz. 
 
(Hervorhebungen wie im Original.)
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Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW  GS LK HT 1 W2 
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Nur für den Dienstgebrauch! Unterlagen für die Lehrkraft 
Abiturprüfung 2011 
Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs 
1. Aufgabenart 
Bearbeitung eines Sekundärtextes mit gegliederter Aufgabenstellung 
 
 
2. Aufgabenstellung1 
1. Geben Sie den Gedankengang und die Hauptaussagen des vorliegenden Textes struktu­
riert wieder.  (20 Punkte)  
2. „Die reine Freiheit des Arbeitsmarktes musste daher ein instabiler Zustand sein. Im 
Zusammenspiel von Protest der Arbeiter, Revolutionsprävention der Eliten und morali­
scher Einsicht in kleinen Reformergruppen entstanden daher nach wenigen Jahrzehnten 
die Grundzüge des Sozialstaates.“ (Z. 16 – 19) 
Erläutern Sie diese Aussage des Autors aus dem Text heraus ausführlich anhand des 
Wandels der wirtschaftlichen und sozialen Stellung der Arbeiter in Deutschland im 
Verlauf des 19. Jahrhunderts.  (36 Punkte)  
3. Diskutieren Sie, inwieweit das vom Autor dargelegte Ungleichgewicht der Verhand­
lungspartner am Arbeitsmarkt in Deutschland noch heute ein Problem darstellt und 
inwieweit der seit dem 19. Jahrhundert entwickelte und weiter ausgebaute Sozialstaat 
heute noch notwendig ist.  (24 Punkte)  
 
3. Materialgrundlage 
• Jürgen Osterhammel: Arbeitsmarkt ohne Gleichgewicht. In: Ders.: Die Verwandlung 
der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 4. durchgesehene Auflage, München: 
C. H. Beck 2009, S. 1008 f. (Erstausgabe ebenfalls 2009) 
 
4. Bezüge zu den Vorgaben 2011 
1. Inhaltliche Schwerpunkte 
• Auswirkungen des Industriekapitalismus im 19. Jahrhundert in Deutschland auf die 
Lebens­ und Arbeitswelt 
� Merkmale des Industriekapitalismus (Privateigentum an Produktionsmitteln, 
marktwirtschaftliche Faktoren, freie Lohnbildung) 
� Soziale Auswirkungen der Industrialisierung (inhumane Arbeitsbedingungen, 
Landflucht, Pauperismus, Klassenantagonismus, Funktionswandel der Familie) 
� Lösungsversuche der sozialen Frage (Arbeiterbewegung, Unternehmer, Kirchen, 
Staat) 
� Gesellschaftstheorie (Marx) 
 
                                                  
1 Die Aufgabenstellung deckt inhaltlich alle drei Anforderungsbereiche ab.
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Nur für den Dienstgebrauch! 2. Medien/Materialien 
• entfällt 
 
 
5. Zugelassene Hilfsmittel 
• Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung 
•Muttersprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist
 
 
6. Vorgaben für die Bewertung der Schülerleistungen 
Teilleistungen – Kriterien 
a) inhaltliche Leistung 
Teilaufgabe 1 
Anforderungen  
Der Prüfling maximal 
erreichbare 
Punktzahl  
1 nennt den Verfasser (J. Osterhammel, Historiker), das Erscheinungsjahr des Textes 
(2009), die Textsorte (wissenschaftliche Darstellung) und die Adressaten (Fachwissen­
schaftler und historisch interessierte Öffentlichkeit). 2 
2 nennt als Thema des Textes in etwa: Charakterisierung der Entwicklung der Arbeits­
beziehungen und des Sozialstaats in den Industrieländern des 19. Jahrhunderts. 2 
3 formuliert als Kernaussage, dass erst die Begrenzung schrankenloser Vertragsfrei­
heit zwischen Arbeitgebern und dem einzelnen Arbeiter, wie sie durch den Aufstieg 
der Arbeiterbewegung und die Anfänge des Sozialstaates bewirkt worden sei, eine
gewisse Stabilität des Systems freier Arbeitsbeziehungen im Industriekapitalismus 
hervorgebracht habe. 2 
4 gibt den Gedankengang des Autors mit Hilfe von Verben, die die argumentative 
Funktion der Hauptaussagen verdeutlichen, sinngemäß in folgender Weise wieder:
Osterhammel 
• stellt die These auf, dass erst durch das Aufkommen der organisierten Arbeiterbe­
wegung mit ihrem Auftreten als Verhandlungsmacht eines Kollektivs von Arbei­
tern das strukturelle Ungleichgewicht auf dem industriekapitalistischen Arbeits­
markt korrigiert werden konnte, 
• begründet dies mit der zuvor bestehenden völligen Ohnmacht des zwar rechtlich 
freien, aber ökonomisch schwachen Arbeiters in seiner Beziehung zum Unterneh­
mer als Kapitalbesitzer, 
• behauptet, dass ein Zustand völlig unbegrenzter Vertragsfreiheit nicht ausreiche, 
würdige Arbeitsverhältnisse für die Arbeitnehmer zu begründen und notwendig 
zu Instabilität führe, 
• sieht den sich allmählich entwickelnden Sozialstaat als von verschiedenen Seiten 
geförderte Antwort auf diesen Zustand der Instabilität, 
• erklärt den Hintergrund dieser Entwicklung zum Sozialstaat mit der Erkenntnis, 
dass Gesellschaft durch Kollektive geprägt sei, was selbst der klassische Libera­
lismus im Kern akzeptiert habe. 4
5

Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW  GS LK HT 1 W2 
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Nur für den Dienstgebrauch! 5 gibt die Hauptaussagen des Textes in Verbindung mit dem in Kriterium 4 skizzierten 
Gedankengang strukturiert wieder (die Trennung beider Kriterien erfolgt hier nur, um 
die Punktanteile ausweisen zu können): 
• Erst das gewachsene Gewicht der organisierten Arbeiterbewegung habe Ende des 
19. Jahrhunderts den Arbeitern Möglichkeiten geschaffen, als Kollektiv in gesetz­
lich verankerten Tarifverhandlungen Forderungen gegenüber den bisher übermäch­
tigen Arbeitgebern aufzustellen, um so das bisherige strukturelle Machtgefälle 
zwischen Kapitalbesitzern und dem einzelnen Arbeiter zu korrigieren. 
• Vorher habe der Unternehmer als Käufer der Arbeitskraft die einzelnen, auf den 
Verkauf ihrer physischen Arbeitskraft angewiesenen und um Arbeitsplätze kon­
kurrierenden Arbeiter gegeneinander ausspielen können, da diese ohnmächtig 
und rechtlos gewesen seien. 
• Die schrankenlose Vertragsfreiheit zwischen den Unternehmern als Kapitalbesit­
zern und dem einzelnen Arbeiter habe wegen der Ungleichgewichtigkeit der Ver­
tragsparteien paradoxerweise doch nicht zur dauerhaften Durchsetzung würdevol­
ler Arbeitsverhältnisse geführt, sondern nur zu einem Zustand der Instabilität. 
• Als Antwort darauf habe sich aus dem Zusammenspiel von Protesten der Arbeiter 
selbst, von Veränderungsbereitschaft der, revolutionären Druck befürchtenden, 
Eliten und vom Entgegenkommen verschiedener moralisch motivierter Reform­
kräfte die Entwicklung zum Sozialstaat ergeben, wobei vor allem die Bedeutung 
des Prinzips der Pflichtversicherung hervorzuheben sei. 
• Hinter dieser Entwicklung zum Sozialstaat habe eine von Konservativen und 
Sozialisten gleichermaßen getragene Auffassung gestanden, dass Gesellschaft 
primär durch das spannungsreiche Nebeneinander von Kollektiven und nicht durch 
eine Ansammlung von Individuen geprägt sei, was selbst der klassische Liberalis­
mus nicht völlig leugne, wie man daran sähe, dass in England eine liberale Regie­
rung eine Sozialversicherung initiiert habe, während sie in Deutschland primär ein 
Anliegen konservativer Systemstabilisierung gewesen sei. 10 
6 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (2)   
 
 
Teilaufgabe 2 
Anforderungen  
Der Prüfling maximal 
erreichbare 
Punktzahl  
 erläutert ausführlich anhand des Wandels der wirtschaftlichen und sozialen Stellung 
der Arbeiter in Deutschland im Verlaufe des 19. Jahrhunderts die folgende Aussage 
des Autors: „Die reine Freiheit des Arbeitsmarktes musste daher ein instabiler Zustand 
sein. Im Zusammenspiel von Protest der Arbeiter, Revolutionsprävention der Eliten 
und moralischer Einsicht in kleinen Reformergruppen entstanden daher nach wenigen 
Jahrzehnten die Grundzüge des Sozialstaates.“ Er stellt dabei mit folgenden Sachver­
halten einen Zusammenhang her:  
1 mit der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Situation vieler Arbeiter seit der 
ersten, vom Übergang zum Wirtschaftsliberalismus gekennzeichneten Industrialisie­
rungsphase bis hinein in die Phase der Hochindustrialisierung (Pauperismus / Soziale 
Frage) als Auswirkung der von Osterhammel angeführten völligen Freiheit des Arbeits­
marktes; er berücksichtigt mindestens fünf Aspekte, z. B.: 
• extrem niedrige Löhne (allmählicher Anstieg erst im letzten Drittel des 19. Jahr­
hunderts) als Folge der Lohnbildung aus Angebot und Nachfrage an einem lange
Zeit völlig freien Arbeitsmarkt, 
• schlechte Arbeitsbedingungen wie z. B. überlange Arbeitszeiten von z. T. 12 Stun­
den und mehr, gesundheitsgefährdende Verhältnisse in den Fabriken u. a. m., 
• leichte Austauschbarkeit und schwache Verhandlungsposition des einzelnen Arbei­
ters infolge des lange Zeit sehr hohen Arbeitskräfteangebotes, 12
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Nur für den Dienstgebrauch! • fehlender gesetzlicher Kündigungsschutz mit der drohenden Entlassung als Diszipli­
nierungsmittel,  
• die weitgehende Rechtlosigkeit der Arbeiter: kein Streik­ und Koalitionsrecht, 
keine betrieblichen Mitbestimmungsmöglichkeiten, 
• Kinderarbeit auf Grund des zu geringen Familieneinkommens mit ihren schäd­
lichen Auswirkungen auf die geistigen und körperlichen Entwicklungsmöglich­
keiten der Kinder, 
• fehlende Bildungs­ und Entwicklungsmöglichkeiten für Arbeiter wegen fehlender 
Arbeitszeitregelungen und einem Mangel an geeigneten Bildungseinrichtungen, 
• ungleichmäßiges Wachstum, Wirtschaftskrisen mit der damit verbundenen Exis­
tenzunsicherheit der einzelnen Arbeiter, die diesen Wechselfällen einer freien 
Marktwirtschaft schutzlos ausgeliefert waren, 
• existenzielle Unsicherheiten durch fehlende soziale Absicherung bei Krankheit, 
Alter, Invalidität. 
2 mit der von Osterhammel als wesentlichen Impuls zur Veränderung angeführten zu­
nehmenden Organisation der Arbeiterproteste durch die Bildung von Arbeiterorgani­
sationen, vor allem von Parteien und Gewerkschaften und den von ihnen erreichten 
Veränderungen; er berücksichtigt mindestens drei der folgenden Aspekte: 
•die Gründung von sozialdemokratischen Arbeiterparteien in Deutschland in den 
60er Jahren des 19. Jahrhunderts (teils mit reformerischer, teils mit revolutionärer 
Programmatik) und ihre Vereinigung in der Mitte der 70er Jahre, 
• das rasche Wachstum der vereinigten Partei sowohl im Hinblick auf die Gewin­
nung von Parlamentssitzen als auch das Mitgliederwachstum mit der Folge einer 
wachsenden Bedeutung der SPD für die inner­ und außerparlamentarische politi­
sche Auseinandersetzung in Deutschland, 
• die Gründung von sozialistischen und christlich orientierten Gewerkschaften als 
kollektive ökonomische Interessenvertretung der Arbeiter auf betrieblicher und 
außerbetrieblicher Ebene seit den 60er Jahren und ihre wachsenden Mitglieder­
zahlen bis zum 1. Weltkrieg, 
• die Organisation von Protesten und Streiks wie z. B. dem Bergarbeiterstreik von 
1889, die zwar nicht immer erfolgreich für die Arbeiter verliefen und z. T. auch 
mit staatlicher Gewalt unterdrückt wurden, aber deutlich ein gewachsenes Selbst­
bewusstsein und eine gestiegene Kampfkraft der Arbeiter als Kollektiv zeigten, 
langfristig ihre Stellung im Betrieb stärkten und Konzessionen von Unternehmer­
seite bewirkten. 8 
3 mit der „moralischen Einsicht“ in „kleinen Reformergruppen“ im gesellschaftlichen 
und kirchlichen Bereich, aus Gründen der Gerechtigkeit und der Humanität eine 
soziale Besserstellung der Arbeiter herbeiführen zu müssen, er berücksichtigt min­
destens drei Aspekte, z. B.: 
• Appelle einzelner staatlicher Beamter schon in der ersten Industrialisierungsphase, 
die Situation der Arbeiter zu verbessern, z. B. mit der Folge einer staatlichen Ein­
schränkung der Kinderarbeit in Preußen oder der Einrichtung kommunaler Hilfs­
kassen (Barmen), 
• die Gründung des Vereins für Sozialpolitik und dessen Forderung nach Begren­
zung eines ungezügelten Liberalismus sowie einer Stärkung der Verhandlungs­
position des einzelnen Arbeiters durch eine entsprechende staatliche Gesetzgebung, 
• Appelle und Hilfsmaßnahmen aus kirchlichen Kreisen auf der Basis des Postulats 
der Nächstenliebe, z. B. Gründung von Gesellenvereinen durch A. Kolping, die 
Entwicklung der katholischen Soziallehre durch W. Ketteler u. a., die Sozialen­
zyklika des Papstes von 1891, J. H. Wichern und die Innere Mission, 
• die Forderung nach Beschränkung der Kinderarbeit aus unterschiedlichen gesell­
schaftlichen Kreisen – unter anderem auch mit dem Argument, dass den Kindern 
ein Recht auf freiere Entfaltung ihrer Persönlichkeit zugebilligt werden müsse, 
• Maßnahmen der betrieblichen Sozialpolitik, die in beiden Industrialisierungs­
phasen von einzelnen Unternehmern auch aus humanitären Motiven gefordert 
und durchgeführt worden sind und nicht nur aus betriebswirtschaftlichem Kalkül, 
wie z. B. die Fabrikrede von Buss oder die Maßnahmen von Abbe zeigen. 8
7

Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW  GS LK HT 1 W2 
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Nur für den Dienstgebrauch! 4 mit Maßnahmen und Haltungen, die der „Revolutionsprävention der Eliten“ insofern 
zugerechnet werden können, als sie dem Ziel folgten, die organisierte Arbeiterbewe­
gung an einer revolutionären Veränderung des kaiserlichen Obrigkeitsstaates und des 
kapitalistischen Wirtschaftssystems zu hindern und somit „konservativer Systemstabi­
lisierung“ zu dienen; er berücksichtigt den ersten und mindestens einen der anderen 
Aspekte: 
• die Versuche des Staates, parallel zur Repression, durch Entgegenkommen – vor 
allem durch die Einführung gesetzlich verankerter Pflichtversicherungen im Falle 
von Unfall, Krankheit, Invalidität und Alter – einen weiteren Aufstieg der Arbei­
terbewegung, besonders der SPD mit ihrer marxistisch fundierten Programmatik
zu verhindern, ohne grundlegendere Systemkorrekturen vornehmen zu wollen, 
• die Versuche einiger Unternehmer (z. B. Krupp, Stumm) mit Hilfe betrieblicher 
Sozialpolitik auf das Privatleben der Arbeiter Einfluss zu nehmen, sie zu diszipli­
nieren und von politischer Betätigung, vor allem von einer Organisation bei den 
Sozialdemokraten, abzuhalten, 
• die ausdrückliche Ablehnung revolutionärer Veränderungen von kirchlicher Seite, 
wie z. B. an der Ausrichtung der „Christlich­sozialen Arbeiterpartei“ unter der Füh­
rung des konservativ­nationalistischen Adolf Stoecker oder an der Verurteilung 
von Liberalismus und Sozialismus durch Papst Leo XIII. gezeigt werden kann, 
• die Versuche des Staates, mit Hilfe von Repressionen die Entstehung einer orga­
nisierten Arbeiterschaft durch den Versuch ihrer Kriminalisierung aufzuhalten, 
wie z. B. anhand des Sozialistengesetzes gezeigt werden kann. 8 
5 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4)   
 
 
Teilaufgabe 3 
Anforderungen  
Der Prüfling maximal 
erreichbare 
Punktzahl  
1 diskutiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln, inwieweit das vom Autor dargelegte 
Ungleichgewicht der Verhandlungspartner am Arbeitsmarkt in Deutschland noch 
heute ein Problem darstellt: er berücksichtigt mindestens drei Aspekte, z. B.: 
• einerseits 
� die Tatsache, dass es heute vielfach gut ausgebildete Spezialisten gibt, deren 
Arbeitskraft gefragt ist und die sie – auch als Einzelne – zu guten Bedingungen 
verkaufen können, 
� das Vorhandensein von heute rechtlich anerkannten und gesellschaftlich akzep­
tierten Gewerkschaften, die das Koalitions­ und Streikrecht haben und als 
Tarifpartner agieren und die so ein Gegengewicht gegen die lange „übermäch­
tigen Kapitalbesitzer“ bilden, 
� die heute existierende umfassende Gesetzgebung mit einklagbaren Schutz­
rechten (z. B. Kündigungsschutz) und Mitbestimmungsmöglichkeiten für die 
Arbeitnehmer (z. B. durch das Betriebsverfassungsgesetz), die bewirken, dass 
der Arbeiter nicht mehr nur „ein Wesen ohne Garantien und Rechte“ ist, 
•andererseits aber auch 
�die vor allem mit Hinweis auf den Druck des globalisierten Wettbewerbs durch­
gesetzte Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in den letzten 
Jahrzehnten (z. B. Lockerung des Kündigungsschutzes, Förderung der tariflich 
schlechter gestellten Leiharbeit), die das Gleichgewicht zu Lasten der Situation 
der Arbeitnehmer tendenziell in Frage stellen, 
� Tendenzen zur Auflösung der von Osterhammel angeführten „Bildung von Ver­
handlungsmonopolen auf Arbeiterseite“ als entscheidender Voraussetzung für 
einen Arbeitsmarkt mit Gleichgewicht (z. B. zurückgehende Mitgliederzahlen 
der Gewerkschaften; wachsende Zahl von Branchen, in denen die Arbeitsver­
hältnisse nicht mehr oder nur in geringem Maße tarifvertraglich geregelt sind), 10
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Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW  GS LK HT 1 W2 
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Nur für den Dienstgebrauch! � die nach wie vor vorhandene Krisenanfälligkeit der kapitalistischen Marktwirt­
schaft mit der Folge von Ungleichgewichten, die in Form von Arbeitslosigkeit 
und damit verbundener wachsender Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt auch 
heute noch zur existenziellen Verunsicherung von Arbeitern führen. 
2 diskutiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln, inwieweit der seit dem 19. Jahrhundert 
entwickelte und weiter ausgebaute Sozialstaat heute noch notwendig ist; er berück­
sichtigt mindestens drei Aspekte z. B. : 
• einerseits 
� die Frage der Finanzierbarkeit des Sozialstaats in Zeiten des demografischen 
Wandels und der wachsenden Belastung durch steigende Ausgaben, z. B. im 
Gesundheitswesen, 
� die Frage möglicher negativer Auswirkungen sozialstaatlicher Transferzahlun­
gen auf die Eigenverantwortung und ­initiative der Leistungsempfänger, 
• andererseits aber auch 
� die nach wie vor bestehenden Schwierigkeiten des einzelnen Arbeitnehmers, 
sich bei dem bestehenden Lohnniveau und bei ggf. rückläufiger Absicherung 
durch kollektive sozialstaatliche Sicherungssysteme individuell auf unkalku­
lierbare Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Versorgung im 
Alter so vorzubereiten, dass Leben und Altern in Würde möglich sind, 
� die heute noch hohe Bedeutung des von Osterhammel als „stille Revolution“ 
hervorgehobenen „Prinzip(s) der Pflichtversicherung“, das Arbeitnehmern ein 
auch durch eigene Beiträge erworbenes Anrecht auf soziale Leistungen ein­
räumt und Arbeiter in Notsituationen nicht angewiesen sein lässt auf freiwil­
lige Wohltätigkeit (Almosen) oder auf die Risiken privater Versicherungen, 
� die Bedeutung von gesellschaftlicher Integration und sozialem Frieden, die 
durch sozialstaatliche Strukturen gefördert werden, für die Vermeidung gesell­
schaftlicher Instabilität bzw. für den Erhalt von Rechtsstaat und Demokratie. 10 
3 formuliert ein Fazit, in dem er abschließend deutlich macht, inwieweit aus seiner Sicht 
das Spannungsverhältnis zwischen Regulierung und Deregulierung am Arbeitsmarkt 
heute angemessen ausgestaltet ist, und inwieweit der Umfang des Sozialstaates heute 
(wieder) zu Recht zur Diskussion steht bzw. ob eine stärkere Hinwendung zu der Auf­
fassung von Gesellschaft als „Ansammlung von Individuen“ angemessen sein könnte.4 
4 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4)   
 
 
b) Darstellungsleistung 
Anforderungen  
Der Prüfling maximal 
erreichbare 
Punktzahl 1 strukturiert seinen Text schlüssig, stringent sowie gedanklich klar und bezieht sich 
dabei genau und konsequent auf die Aufgabenstellung. 5 
2 bezieht beschreibende, deutende und wertende Aussagen schlüssig aufeinander. 4 
3 belegt seine Aussagen durch angemessene und korrekte Nachweise (Zitate u. a.). 3 
4 formuliert unter Beachtung der Fachsprache präzise und begrifflich differenziert. 4 
5 schreibt sprachlich richtig (Grammatik, Orthographie, Zeichensetzung) sowie 
syntaktisch und stilistisch sicher. 4
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Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW  GS LK HT 1 W2 
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Nur für den Dienstgebrauch! 7. Bewertungsbogen zur Prüfungsarbeit 
Name des Prüflings: ____________________________________ Kursbezeichnung: ____________ 
 
Schule: _____________________________________________
 
 
Teilaufgabe 1 
 Anforderungen  Lösungsqualität 
  Der Prüfling maximal 
erreichbare 
Punktzahl  EK2 ZK DK 
1 nennt den Verfasser … 2      
2 nennt als Thema … 2      
3 formuliert als Kernaussage …  2      
4 gibt den Gedankengang …  4      
5 gibt die Hauptaussagen …  10      
6 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (2) 
…………………………………………………………….. ……………………………………………………………..        
 Summe 1. Teilaufgabe  20      
 
 
Teilaufgabe 2 
 Anforderungen  Lösungsqualität 
  Der Prüfling maximal 
erreichbare 
Punktzahl  EK ZK DK 
 erläutert ausführlich anhand …        
1 mit der schlechten …  12      
2 mit der von …  8      
3 mit der „moralischen …  8      
4 mit Maßnahmen und …  8      
5 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (4) 
……………………………………………………………..
……………………………………………………………..        
 Summe 2. Teilaufgabe  36      
 
 
                                                  
2 EK = Erstkorrektur; ZK = Zweitkorrektur; DK = Drittkorrektur
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