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Abitur-Prüfung in Nordrhein-Westfalen aus 2011 in Geschichte-Sozialwissenschaften
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 5 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! 2 mit der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten und mit dem Ausbau ihrer Machtstellung, da der Autor diesen Prozess als „nationale Regeneration“ begrüßt; er berücksichtigt mindestens vier Aspekte, z. B.: • die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler eines Präsidialkabinetts durch den Reichspräsidenten v. Hindenburg am 30. Januar 1933, • die Auflösung des Reichstags durch v. Hindenburg auf Druck der neuen Koalitions regierung mit dem Ziel, der NSDAP durch Neuwahl eine absolute Mehrheit zu ermöglichen, und die Durchführung der Wahl am 5. März 1933, • den „Tag von Potsdam“ als Versuch der Nationalsozialisten, durch öffentlich inszenierten Schulterschluss mit den bürgerlichen Eliten Anerkennung als mit diesen vergleichbare, legitime gesellschaftliche Kraft zu erreichen, • die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933 mit Zwei drittelmehrheit nach einer Änderung der Geschäftsordnung des Reichstags ohne Beteiligung der bereits verhafteten Abgeordneten der KPD und Teilen der SPD Abgeordneten – gegen die Stimmen der anwesenden SPDMitglieder, • die Tatsache, dass die nationalsozialistische Regierung durch die mit Hilfe des Ermächtigungsgesetzes herbeigeführte Aufhebung der Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive Gesetze, selbst solche verfassungsändernden Inhalts, verabschieden konnte, • die Errichtung des Einparteienstaats durch das sukzessive Verbot aller Parteien außer der NSDAP und durch die Verschmelzung von Partei und Staat. 10 3 mit staatlichen Maßnahmen zur Ausschaltung politischer Gegner der Nationalsozia listen, vor allem von Kommunisten und Juden, mit dem Ziel, eine nationale Neuord nung des Volkslebens durch Gleichschaltung zu erreichen, da der Autor sich auf Teile dieses Prozesses bezieht; er berücksichtigt mindestens vier Aspekte, z. B.: • die, Übergriffe auf den Einzelnen ermöglichende, Außerkraftsetzung der Grund rechte durch den Erlass der Reichstagsbrandverordnung, z. B.: Freiheit der Person, Meinungs, Presse, Vereins und Versammlungsfreiheit, Post und Telefonge heimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung und des Eigentums, • Ausschaltung und Terrorisierung vieler Oppositioneller, vor allem aus dem linken politischen Spektrum, und Erschwerung der politischen Arbeit mittels der Will kürmaßnahmen infolge der Brandverordnung, z. B.: Beginn der „Säuberungen“ im öffentlichen Dienst, Verbot von Zeitungen, „Schutzhaft“, Errichtung von Konzentrationslagern durch die SA, • die vor allem gegen die links orientierte Arbeiterbewegung gerichtete gewaltsame Zerschlagung der Gewerkschaften am 02.05.1933 und ihre Ersetzung durch die, jede Interessenskollision zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern negierende Deutsche Arbeitsfront, • die Aufhebung individueller Freiheitsspielräume durch eine fast lückenlose Über wachung der Bevölkerung durch den Sicherheitsdienst (SD) und die Geheime Staatspolizei (Gestapo), • die Entfernung jüdischer Beamter aus dem Staatsdienst durch das von der Regie rung erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, • den „BoykottTag“ vom 01.04.1933 als erste öffentliche antijüdische Aktion und das Verbot jüdischer Zeitungen und Vereinigungen, • die Berufsverbote für ‚nichtarische’ Arbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst, Bücherverbrennungen und die beginnende Ausschaltung der Juden aus dem Kulturleben. 10
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 6 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! 4 mit der Verbreitung ideologischer Behauptungen durch die Nationalsozialisten als Bestandteil der „nationalen Regeneration“, da der Autor sich ihrer zum Teil bedient; er berücksichtigt mindestens drei Aspekte, z. B.: • die im Sozialdarwinismus wurzelnde Behauptung von der Existenz einer überle genen ‚arischen’ Rasse und ihres Auftrags, sich im ‚Kampf ums Dasein’ durch setzen zu müssen, • die Behauptung von der Minderwertigkeit einer ‚jüdischen Rasse’, die als angeb lich parasitäre Existenz das ‚arische’ deutsche Volk existenziell bedrohe und die es deshalb zu bekämpfen gelte, • die Behauptungen von der Existenz einer jüdischen Weltverschwörung und von der Bedrohung Deutschlands durch Kommunismus und Bolschewismus, • die Postulierung einer Volksgemeinschaft, die die Einheit von Volk und Führer ver körpere, womit sich jegliche Form einer demokratischen Machtkontrolle erübrige, • die Verbreitung der Vorstellung von einem Führerprinzip, das unbedingte Treue und Gehorsam gegenüber Hitler erfordere und mit dem Anspruch auf liberale Freiheitsrechte des Einzelnen nicht vereinbar sei. 8 5 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4) Teilaufgabe 3 Anforderungen Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl setzt sich mit den Einschätzungen des Autors zu Ursachen und Rechtmäßigkeit der „nationalen Regeneration“ ab 1933 sowie mit seinen Aussagen zur Rolle von Kom munisten und Juden umfassend auseinander, indem er folgende Überlegungen in seine Argumentation aufnimmt: 1 die Frage nach der Angemessenheit und der sachlichen Richtigkeit der Behauptung Wahls, es handele sich um eine gewaltlose, legale Umgestaltung des unter den Folgen einer zweifelhaften Verfassung leidenden deutschen Staates, die die Situation nach 20 Jahren existenzieller Bedrohung endlich im Hinblick auf eine bessere Zukunft für das deutsche Volk stabilisiere; er berücksichtigt mindestens fünf Aspekte, z. B.: • die Fragwürdigkeit der Bewertung der Weimarer Verfassung durch den Autor als durch liberale und marxistische Ideen negativ geprägtes Regelwerk, von dem Unheil für den Staat ausgegangen sei, angesichts der Tatsache, dass diese Verfas sung darauf zielte, Freiheitsspielräume für den Einzelnen, Meinungsvielfalt und umfassende Mitwirkungsmöglichkeiten für die Bevölkerung zu sichern, • die Fragwürdigkeit der Aussage Wahls, nur durch eine starke Regierung der Nationalsozialisten könnten die vielschichtigen Krisen beseitigt werden, obwohl die Regierungen der Weimarer Republik zahlreiche Krisen überwinden, den Staat zwischen 1924 und 1929 konsolidieren konnten und beachtliche außenpolitische Erfolge erzielten, • die Fragwürdigkeit der Tatsache, dass Wahl auf die in der Weimarer Republik bestehenden Gegensätze nicht mit der Forderung nach Intensivierung der demo kratischen Kultur und nach wirkungsvollem Schutz der demokratischen Verfas sung, sondern mit der Rechtfertigung einer nationalistischen demokratiefeind lichen Bewegung reagiert, • die Fragwürdigkeit des Versuchs Wahls, mit der Behauptung, das deutsche Volk kämpfe seit 20 Jahren um sein Leben, die Notwendigkeit der nationalsozialisti schen Machtübernahme zu legitimieren – angesichts der Tatsache, dass eine Destabilisierung der Demokratie in der Weimarer Republik vor allem von ein flussreichen antidemokratischen und antisemitischen Gruppen ausgegangen ist, 12
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 7 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! • die Überlegung, dass die Art und Weise der Einsetzung Hitlers als Reichskanzler zwar dem Wortlaut der Verfassung nicht widersprach, dass aber die Tatsache, dass es sich um ein weiteres Präsidialkabinett handelte, das sich in starkem Maße auf Notverordnungen des Reichspräsidenten und nicht auf das Parlament stützte, nicht dem demokratischen Geist der Weimarer Verfassung entsprach, • die Überlegung, dass die Neuwahl des Reichtags Anfang März 1933 zwar dem Ziel diente, den Nationalsozialisten auf scheinbar legale Weise durch demokratische Wahlen die absolute Mehrheit zu verschaffen, dass aber illegalen Manipulationen und der Ausübung politischen Drucks Tür und Tor geöffnet waren, so dass es sich, anders als Wahl suggeriert, nicht mehr um wirklich freie Wahlen handelte, • die Überlegung, dass bis auf die SPD zwar tatsächlich alle anwesenden Parteien im Reichstag ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz gegeben haben, dass die angebliche ZweidrittelMehrheit aber, anders als Wahl es behauptet, nicht auf legale Weise, sondern mit fragwürdigen Mitteln, vor allem mit Gewalt gegen linke Abgeordnete, erreicht worden ist, • die Überlegung, dass die Außerkraftsetzung der Gewaltenteilung zwischen Legis lative und Exekutive durch das Ermächtigungsgesetz nicht zu einer positiven Ent wicklung beitrug, wie Wahl suggeriert, sondern der menschenverachtenden natio nalsozialistischen Diktatur den Weg ebnete, • die Überlegung, dass die Nationalsozialisten, anders als Wahl behauptet, schon vor ihrer Machtübernahme, erst recht aber danach den Einsatz von Gewalt und Terror zum festen Bestandteil ihres Vorgehens gemacht haben, so dass mit der „nationa len Regeneration“ keine Konsolidierung der Verhältnisse im Sinne des Gemein wohls einherging. 2 die Frage nach der Angemessenheit der Einschätzungen des Autors im Hinblick auf Juden und Kommunisten und seiner Rechtfertigung des staatlichen Vorgehens gegen sie mit der Behauptung, von ihnen gehe eine ernsthafte Bedrohung für den deutschen Staat aus; er berücksichtigt mindestens drei Aspekte, z. B.: • die Überlegung, dass keine ernsthafte Gefahr einer erfolgreichen kommunistischen Machtübernahme bestand, wie die Wahlergebnisse für die KPD z. B. ebenso zeigen wie fehlende Indizien für eine ausreichende Massenbasis für eine revolutionäre Erhebung, • die Überlegung, dass der Kommunismus zwar in der Tat eine antireligiöse bzw. eine antikirchliche Ausrichtung hatte, dass es aber keine Indizien dafür gibt, dass die KPD in Deutschland eine konkrete Bedrohung für die Kirchen darstellte, • die fragwürdige Vorstellung Wahls, dass von den Juden eine gesellschaftliche Bedrohung ausgehe, die offenbar nicht auf Fakten sondern auf von der NSIdeolo gie aufgegriffenen antisemitischen Stereotypen beruhte, sowie seine, Religionszu gehörigkeit und Nationalität vermischende, Gegenüberstellung von Juden einer seits und Deutschen andererseits, • die fragwürdige, empirisch nicht zu belegende, sondern eher Verschwörungstheo rien bedienende Behauptung Wahls, dass zahlreiche Juden in enger Beziehung zu marxistischen Parteien gestanden und in für das deutsche Volk gefährlich über proportionaler Weise öffentliche Ämter innegehabt hätten, • die Fragwürdigkeit der – trotz vorsichtiger Relativierungen – insgesamt schonungs los diffamierenden Bewertungen des Autors im Hinblick auf Juden und Kommu nisten, ihre Einschätzung als „minderwertig“ und seine fehlende Bereitschaft, ihnen uneingeschränkt Menschenwürde und das Recht auf körperliche Unversehrtheit zuzubilligen, • die Fragwürdigkeit der Beurteilung des Autors, das Vorgehen der Nationalsozia listen gegen politische Gegner sei erforderlich und „selbstverständlich […] nicht frei von Härten“ und eine „Judenverfolgung“ gebe es derzeit nicht, angesichts der Willkürmaßnahmen und des politischen Terrors sowie der eklatanten Missachtung der Menschenrechte ab 1933. 8
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 8 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! 3 formuliert ein bewertendes Fazit, in dem er berücksichtigt, dass die Aussagen Wahls zu den Veränderungen ab 1933 in Deutschland im Hinblick auf den Verlust demokra tischer und liberaler Werte und Strukturen beschönigend und verharmlosend sind und seine Vorstellungen von Juden und Kommunisten zum größten Teil falsch und mit Vorurteilen durchsetzt – dass das Memorandum somit im Dienst der Nationalsozia listen steht. 4 4 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4) b) Darstellungsleistung Anforderungen Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 strukturiert seinen Text schlüssig, stringent sowie gedanklich klar und bezieht sich dabei genau und konsequent auf die Aufgabenstellung. 5 2 bezieht beschreibende, deutende und wertende Aussagen schlüssig aufeinander. 4 3 belegt seine Aussagen durch angemessene und korrekte Nachweise (Zitate u. a.). 3 4 formuliert unter Beachtung der Fachsprache präzise und begrifflich differenziert. 4 5 schreibt sprachlich richtig (Grammatik, Orthographie, Zeichensetzung) sowie syntaktisch und stilistisch sicher. 4
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 9 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! 7. Bewertungsbogen zur Prüfungsarbeit Name des Prüflings: ____________________________________ Kursbezeichnung: ____________ Schule: _____________________________________________ Teilaufgabe 1 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl EK2 ZK DK 1 nennt den Autor … 2 2 nennt als Thema … 2 3 formuliert als Kernaussage … 2 4 gibt den Gedankengang … 4 5 gibt (in Verbindung … 10 6 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (2) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 1. Teilaufgabe 20 Teilaufgabe 2 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl EK ZK DK erläutert wesentliche Hintergründe … 1 mit wesentlichen Kennzeichen … 8 2 mit der Machtübertragung … 10 3 mit staatlichen Maßnahmen … 10 4 mit der Verbreitung … 8 5 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (4) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 2. Teilaufgabe 36 2 EK = Erstkorrektur; ZK = Zweitkorrektur; DK = Drittkorrektur
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 10 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! Teilaufgabe 3 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüflingmaximal erreichbare Punktzahl EK ZK DK setzt sich mit … 1 die Frage nach … 12 2 die Frage nach … 8 3 formuliert ein bewertendes … 4 4 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (4) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 3. Teilaufgabe 24 Summe der 1., 2. und 3. Teilaufgabe 80 Darstellungsleistung Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl EK ZK DK 1 strukturiert seinen Text … 5 2 bezieht beschreibende, deutende … 4 3 belegt seine Aussagen … 3 4 formuliert unter Beachtung … 4 5 schreibt sprachlich richtig … 4 Summe Darstellungsleistung 20 Summe insgesamt (inhaltliche und Darstellungsleistung) 100 aus der Punktsumme resultierende Note Note ggf. unter Absenkung um ein bis zwei Noten punkte gemäß § 17 Abs. 5 APOWbK Paraphe ggf. arithmetisches Mittel der Punktsummen aus EK und ZK: ___________ ggf. arithmetisches Mittel der Notenurteile aus EK und ZK: _____________ Die Klausur wird abschließend mit der Note: ________________________ (____ Punkte) bewertet. Unterschrift, Datum:
Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW GS LK HT 2 W2 Seite 11 von 11 Nur für den Dienstgebrauch! Grundsätze für die Bewertung (Notenfindung) Für die Zuordnung der Notenstufen zu den Punktzahlen ist folgende Tabelle zu verwenden: Note Punkte Erreichte Punktzahl sehr gut plus 15 100 – 95 sehr gut 14 94 – 90 sehr gut minus 13 89 – 85 gut plus 12 84 – 80 gut 11 79 – 75 gut minus 10 74 – 70 befriedigend plus 9 69 – 65 befriedigend 8 64 – 60 befriedigend minus 7 59 – 55 ausreichend plus 6 54 – 50 ausreichend 5 49 – 45 ausreichend minus 4 44 – 39 mangelhaft plus 3 38 – 33 mangelhaft 2 32 – 27 mangelhaft minus 1 26 – 20 ungenügend 0 19 – 0
GS LK HT 3 W2 Seite 1 von 4 Name: _______________________ Nur für den Dienstgebrauch! Abiturprüfung 2011 Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs Aufgabenstellung: 1. Geben Sie den Gedankengang und die Hauptaussagen des vorliegenden Textes struktu riert wieder. (20 Punkte) 2. Erläutern Sie die Ausführungen des Autors im Kontext der deutschen Teilung nach dem 2. Weltkrieg sowie der Überwindung des Kalten Krieges und der damit verbundenen Auswirkungen auf die Strukturen in der DDR bis November 1989. (36 Punkte) 3. Prüfen Sie die Prognosen Sommers im Hinblick auf die weiteren Entwicklungen der beiden deutschen Staaten und auf das Verhalten der Siegermächte des Zweiten Welt kriegs anhand der tatsächlichen Entwicklungen nach dem Erscheinen des Artikels. (24 Punkte) Materialgrundlage: • Theo Sommer: Der alten Garde letzter Aufmarsch. Nach Knüppeln und Kartätschen Drohung: Beginnt nun doch der Dialog? In: Die Zeit, 13.10.1989, Nr. 42 Zugelassene Hilfsmittel: • Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung • Muttersprachliches Wörterbuch für Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist
GS LK HT 3 W2 Seite 2 von 4 Name: _______________________ Nur für den Dienstgebrauch! Auszug aus einem Leitartikel Theo Sommers vom 13.10.1989 in der Wochenzeitung „Die Zeit“: Der alten Garde letzter Aufmarsch Nach Knüppeln und Kartätschen1Drohung: Beginnt nun doch der Dialog? Ein Jubelfest hätte die Vierzigjahrfeier der DDR werden sollen, doch sie wurde etwas ganz anderes: fast ein Requiem2. […] Die Staatsmacht demonstrierte noch einmal Stärke, Rechthaberei, Unbeweglichkeit: Schlag stöcke und Schäferhunde, Sperrgitter und StasiKordons3 schotteten die Welt der Herrschen den von jener der Aufbegehrenden ab. Das eigene Volk und die westlichen Besucher mußten 5 von den Jubelfeiern ausgeschlossen werden;was an Applaus laut wurde, war die pflicht gemäße Hervorbringung dazu abkommandierter Jubelkolonnen. Wie den Menschen in der DDR wirklich zumute war, das zeigte sich in den spontanen Demonstrationen, die Abend für Abend Zigtausende auf die Straße brachten. […] Traum vom „dritten Weg“ 10 Nicht nur auf den Straßen schaffte sich der Unmut Luft. Schauspieler und OpernEnsembles, Rockmusiker, Schriftsteller und Künstler verlangten Dialog, Öffnung, Reform. Die Kirche, die seit längerem auf Wandel drängt, ist nicht mehr die einzige Institution, die ausspricht, was die Menschen umtreibt. Sechs oder sieben Reformgruppen agieren ohne Furcht, darunter auch eine neu formierte sozialdemokratische Partei. Das Neue Forum, die größte der Grup15 pen, hat 11 000 Unterschriften gesammelt. In den Blockparteien rührt sich schon seit einiger Zeit Widerspruchsgeist, aber selbst in der SED rumort es nun […] Die gleichen Gedanken durchziehen alle ReformManifeste der letzten Wochen. Die DDR muß sich den vorhandenen Widersprüchen stellen, die Obrigkeit die Mündigkeit des Bürgers respektieren. Schluß mit der Geheimniskrämerei. Weg mit Wahlverfahren, die dem Wähler20 willen widersprechen: freie Wahlen. Staat und Gesellschaft sollen demokratisch umgestaltet, die Menschenrechte durchgesetzt werden; Informationsfreiheit („Information ist Bürgerrecht und Staatspflicht“), Meinungsfreiheit („Widerrrede4 ist nicht Widerstand“), Reisefreiheit ein schließlich Ausreisefreiheit. Wirtschaftliche Reformen sind dringlich: Dezentralisierung, Freisetzung der persönlichen Initiative, Teilhabe statt Bevormundung – darauf laufen sämt25 liche Skizzen einer ostdeutschen Perestrojka hinaus. Es fällt auf, daß ein Ziel nirgends erwähnt ist: die Wiedervereinigung. Die intellektuellen, kirchlichen und parteipolitischen Wortführer der Reform wollen die DDR nicht abschaffen, sondern sie verändern. Die deutsche Zweistaatlichkeit nehmen sie als Gegebenheit hin, die meisten sogar mit billigendem Unterton. Die kapitalistische Bundesrepublik ist nicht ihr Vor30 bild; sie träumen noch einmal den Traum vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, vom 1 Schrotladung 2 Totenmesse 3 Absperrung, Sperrgürtel 4 Gegenrede
GS LK HT 3 W2 Seite 3 von 4 Name: _______________________ Nur für den Dienstgebrauch! „dritten Weg“, vom prosperierenden Kommunismus. Reform, rasche Reform gilt beispiels weise den Unterhaltungskünstlern auch als Mittel gegen den Wiedervereinigungsdruck: „Feiges Abwarten liefert gesamtdeutschen Denkern Argumente und Voraussetzungen“. Es mag sein, daß diese Sicht von der Mehrheit der DDRBürger nicht geteilt wird. Wer daran 35 zweifelt, daß die Führung je wirkliche Reformen zulassen wird, der klammert sich wohl an den Gedanken der deutschen Einheit; der Anschluß wird ihm zum Ersatz für die Auswande rung. In der Tat ist ein dialektischer5 Zusammenhang zwischen Reformverweigerung und Einheitsverlangen nicht zu leugnen: Je weniger Reform das SEDPolitbüro gestattet, desto kräftiger werden sich enttäuschte Hoffnungen in Fluchtversuchen und Wiedervereinigungs40 streben Luft machen. Desto lauter auch wird der Ruf nach Einheit in der Bundesrepublik wieder werden. Solange der Anschluß der DDR an den westdeutschen Staat als einzige Möglichkeit erscheint, jenseits der Elbe freiheitliche Zustände zu schaffen, ist das Pochen auf die Einheit nur folgerichtig. Doch gilt zugleich der Umkehrschluß: Wenn die Reform erst einmal läuft, wird der Drang 45 zur Einheit nachlassen. Das Für und Wider des Vorhabens, achtzig Millionen Deutsche wieder in einem Staat zu vereinen, wird dann ohne akute Herzensnot erörtert werden können. Andere Erwägungen werden Vorrang gewinnen, zumal Überlegungen über die Wirkung einer kritischen Masse Gesamtdeutschland auf das prekäre6 europäische Gleichgewicht. Und andere Modelle deut 50 schen Zusammenlebens als das des Bismarckschen Einheitsstaates werden sich wieder in den Vordergrund schieben, losere Konstruktionen; Zusammenwirken statt Zusammenschluß; deutsche Zweistaatlichkeit unter einem europäischen Dach, wie immer dessen Unterbau aus sehen mag, das allen Freiheit verbürgt. Aber bis dahin wird viel Zeit ins geteilte Land gehen. Gewiß, das Tempo des Wandels in 55 Osteuropa hat alle überrascht, und wenn sich erst einmal der Wille zur Reform in der DDR Geltung verschafft, mag sich auch dort manches schneller vollziehen, als es heute vorstellbar erscheint. Doch sollte man die Schwierigkeiten nicht unterschätzen. Die Polen haben fast zehn Jahre gebraucht, bis sie die Vorherrschaft der kommunistischen Partei brechen konnten; in Ungarn hat es vier Jahre gedauert; in der Sowjetunion ist die Entwicklung dahin noch um60 stritten, jedenfalls noch nicht abgeschlossen.[…] Die DDR steht in dieser Hinsicht erst ganz am Anfang. Die deutsche Einheit hat im Ausland wenige beherzte Fürsprecher. Die Siegermächte waschen sich ihre Hände in Unschuld, trotz ihrer Verantwortung für „Deutschland als Ganzes“. Einer nach dem anderen erklären sie jetzt, die deutsche Frage sei eine Frage der Deutschen, erst 65 Mitterrand, dann Bush, zuletzt auch Gorbatschow; Margaret Thatcher hat gegenwärtig bren nendere Sorgen, wird es aber wohl mit ihrem Amtsvorgänger Heath halten, wonach man gut für die Wiedervereinigung sein konnte, solange es keine Aussicht darauf gab. […] 5 dialektisch: hier: durch gegensätzliche Entwicklung gekennzeichnet 6 prekär: heikel