Rückgang der Bienenpopulation und die Situation der Imkerinnen und Imker in Baden-Württemberg
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 16. Wahlperiode 17. 04. 2018 Große Anfrage der Fraktion GRÜNE und Antwort der Landesregierung Rückgang der Bienenpopulation und die Situation der Imkerinnen und Imker in Baden-Württemberg Große Anfrage Wir fragen die Landesregierung: I. Bienenhaltung und Imkerei in Baden-Württemberg und Deutschland 1. Wie hat sich die Zahl der haupt- und nebenberuflichen Imkerinnen und Imker in Baden-Württemberg und die durch diese insgesamt bzw. im Durchschnitt betreuten Bienenvölker in den vergangenen Jahren ent- wickelt? 2. Wie hat sich der Honigmarkt, getrennt nach Honigsorten, in Baden-Würt- temberg und nach ihrer Kenntnis in Deutschland in den vergangenen Jah- ren entwickelt? 3. Wie viel des in Baden-Württemberg und – sofern bekannt – in Deutsch- land konsumierten Honigs wird aus welchen Hauptherkunftsländern im- portiert? 4. Wie ist das derzeitige Weiterbildungs- und Beratungsangebot für die Im- kerschaft in den badischen und württembergischen Landesteilen organi- siert und gibt es konkrete Vorschläge, wie das gegenwärtige System zu- kunftssicher weiterentwickelt werden kann? Eingegangen: 17. 04. 2018 / Ausgegeben: 09. 07. 2018 1 Drucksachen und Plenarprotokolle sind im Internet Der Landtag druckt auf Recyclingpapier, ausgezeich- abrufbar unter: www.landtag-bw.de/Dokumente net mit dem Umweltzeichen „Der Blaue Engel“.
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 II. Bedeutung von Wild- und Honigbienen in Baden-Württemberg und Deutschland 1. Welche Bedeutung haben Honigbienen für das Ökosystem und den Erhalt der biologischen Vielfalt und welche Rolle spielen sie als Bioindikatoren für die Erforschung der Folgen von Natur- und Umweltschäden sowie der Klimaerwärmung? 2. Wie unterscheiden sich die Bestäubungsleistung und Bestäubungsfähig- keiten der Wild- und Honigbienen in Bezug auf die verschiedenen Wild-, Kultur- und Nutzpflanzen? 3. Ist der Landesregierung bekannt, wie hoch die Bestäubungsleistung von Wild- und Honigbienen in Baden-Württemberg, Deutschland und der Europäischen Union gemessen in Euro ist? 4. Welchen Anteil haben die von der Imkerschaft betreuten Honigbienen an der Gesamtbestäubung der Kultur- und Nutzpflanzen in Baden-Württem- berg nach ihrer Kenntnis in Deutschland und der Europäischen Union? III. Bienenschäden 1. Welche Gründe sind nach Meinung der Landesregierung die zentralen Ursachen für den allgemeinen Rückgang der Honigbienenpopulationen sowie die deutliche Abnahme der Honigbienen im Frühjahr 2017 in Ba- den-Württemberg? 2. Wie viele Fälle der Amerikanischen Faulbrut, des Kleinen Beutenkäfers und der Asiatischen Hornisse sind ihr in Baden-Württemberg und Deutsch- land bereits bekannt? 3. Liegen verlässliche Zahlen über die Zunahme des Jakobskreuzkrauts vor und welche Erkenntnisse gibt es über die Auswirkungen auf die Gesund- heit von Wildbienen und der Honigbienen sowie auf die Qualität des Honigs? 4. Wie haben sich die Fallzahlen der Varroa-Milbe, insbesondere seit der Einführung des Varrose-Bekämpfungskonzepts Baden-Württemberg im Jahr 2013, entwickelt? 5. Welche Hoffnungen steckt die Landesregierung in die jüngsten Berichte, wonach an der Landesanstalt für Bienenkunde Hohenheim mit Lithium- chlorid eventuell ein neues, effektives und wenig arbeitsintensives Var- roa-Behandlungsmittel entdeckt wurde? 6. Welchen Beitrag könnte die gesetzliche Forcierung allgemeiner Hal- tungsbedingungen für Honigbienenvölker im Tiergesundheitsgesetz und der Bienen-Seuchenverordnung für die Verbesserung der Widerstands- kräfte gegen Krankheiten, wie z. B. die Amerikanische Faulbrut, leisten? 7. Welche Auswirkungen hat verunreinigtes Bienenwachs zur Herstellung von Bienenstock-Mittelwänden auf die betroffenen Bienenstöcke und wel- che Lösungsmöglichkeiten sieht die Landesregierung (z. B. Einführung allgemeiner Qualitätsstandards für Bienenwachs)? 8. Welche Auswirkungen hatten die Frostereignisse in Baden-Württemberg vom 19. bis 22. April 2017 auf die Bienenvölker und Honigerträge und welche Möglichkeiten sieht die Landesregierung in diesem Zusammen- hang, zukünftig Frosthilfen für Imker, z. B. analog zum Hilfsprogramm „Frosthilfe 2017“ bzw. Zuschüsse für Versicherungsmöglichkeiten, zu er- möglichen? 2
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 IV. Bienen und der Einsatz von Pestiziden 1. Ist der Landesregierung bekannt, welche bienengefährlichen Pestizide wann, in welchem Umfang und in welchen landwirtschaftlichen Kulturen in Ba- den-Württemberg eingesetzt werden (tabellarische Aufstellung mit Mar- kenname, Wirkstoff, Hersteller, Kultur, Anwendung, Einstufung der Bie- nengefährlichkeit etc.)? 2. Welche Erkenntnisse hat die Landesregierung über den Einfluss bienen- gefährlicher Pestizide und insbesondere Neonikotinoide auf die Orientie- rungsfähigkeit, die Sammelleistung, das Immunsystem, den Fortpflan- zungserfolg sowie auf die Bienenstocktemperatur von Honigbienen? 3. Wie haben sich die Anträge und Ausnahmegenehmigungen, Absatz- und Einsatzmengen der Pflanzenschutzmittel mit den Wirkstoffen Clothia- nidin, Imidacloprid und Thiamethoxam seit 2013 nach ihrer Kenntnis in Deutschland und Baden-Württemberg entwickelt (tabellarische Aufstel- lung mit Markenname, Wirkstoff, Hersteller, Anwendung etc.)? 4. Ist der Landesregierung bekannt, welche nicht in Deutschland, aber in an- deren EU-Staaten zugelassenen Wirkstoffe − wie z. B. Cyantraniliprol (Beize für Rapssaatgut), welches in Polen, aber nicht in Deutschland zu- gelassen ist − in Baden-Württemberg eingesetzt werden? 5. Welchen Kenntnisstand hat die Landesregierung über den Stand der Ge- nehmigungsverfahren für sulfoxaflorhaltige Insektizide beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit? 6. Welche Schlüsse zieht die Landesregierung aus der Studie von Scott et al. „Temporal dynamics of whole body residues of the neonicotinoid insec- ticide imidacloprid in live or dead honeybees“, wonach Pestizidrückstän- de in Bienen nach 48 Stunden abgebaut sind, was dazu führt, dass sie auf- grund der geringen Persistenz nicht als Todesursache in Betracht gezogen werden? 7. Sind der Landesregierung die kritischen Berichte zur organisatorischen Nähe von Pflanzenschutzberatung und Pflanzenschutzkontrolle bekannt und wäre eine Neu-Organisation möglich, welche den Pflanzenschutz- überwachungsdienst in Schleswig-Holstein als Vorbild hat? 8. Welche Erkenntnisse können aus den jüngsten Honigrückstandsuntersu- chungen gewonnen werden, insbesondere unter Berücksichtigung der problematischen Ergebnisse von Thiacloprid (Klasse der Neonikotinoide) im Rapshonig? 9. Inwieweit fördern Landesprogramme (z. B. das Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt) eine höhere Vielfalt an bienenattrakti- ven Kulturen, Blühflächen sowie besonders vielgliedrige Fruchtfolgen, um das Nahrungsangebot für Bestäuber zu erhöhen und gleichzeitig den Ein- satz von Pestiziden zu senken? 17. 04. 2018 Andreas Schwarz, Pix und Fraktion 3
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 Begründung Der dramatische Verlust der Artenvielfalt ist eindeutig belegt. Eine jüngst ver- öffentlichte Langzeitstudie beziffert den Rückgang der Fluginsekten-Biomasse zwischen 1989 und 2016 auf 76 bis 82 Prozent. Auch Wild- und Honigbienen sind von dieser Entwicklung betroffen. Zentrale Ursachen sind die intensive Landwirtschaft, der Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide, die Überdüngung sowie die zunehmende Verinselung der Lebensräume. Zusätzlich hat eine 2018 veröffentlichte Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) festgestellt, dass die Anwendung neonicotinoider Pestizide ein erhebliches Risiko für Wild- und Honigbienen darstellt. Wild- und Honigbienen produzieren nicht nur Honig, sondern bestäuben rund 80 Prozent der Wild-, Kultur- und Nutzpflanzen. Damit sind Wild- und Honigbie- nen ein wesentlicher Faktor für den Erhalt unserer biologischen Vielfalt und ihr volkswirtschaftlicher Nutzen durch Bestäubung geht in die Milliarden Euro. Die Imkerei ist somit nicht nur Hobby oder Beruf, sondern leistet einen entscheiden- den Beitrag für das Gemeinwohl. Die gut organisierten Imkerverbände sind die Augen und Ohren in der Fläche und können auf bestehende und neue Herausforderungen hinweisen. Die Imkerschaft und die von ihr betreuten Bienen liefern somit wichtige Informationen über den Zustand der Natur und unserer Umwelt. Deshalb stellt die Honigbiene einen ein- maligen Bioindikator dar und es gilt auf den Erfahrungen der Imkerschaft aufzu- bauen. Der Klimawandel, das zunehmende Auftreten der Varroa-Milbe, der Ame- rikanischen Faulbrut, des Kleinen Beutenkäfer und der Asiatischen Hornisse stel- len die Bienen sowie die Imkerinnen und Imker vor zusätzliche Herausforderungen. Diese Große Anfrage soll die Situation der baden-württembergischen Imkerinnen und Imker erfragen und einen genauen Überblick über ihre zentralen Herausfor- derungen verschaffen. Es gilt die Imkerschaft für die Zukunft zu stärken und zen- trale Weichenstellungen rechtzeitig einzuleiten. Antwort*) Schreiben des Staatsministeriums vom 19. Juni 2018 Nr. III: In der Anlage übersende ich unter Bezugnahme auf § 63 der Geschäftsordnung des Landtags von Baden-Württemberg die von der Landesregierung beschlossene Antwort auf die Große Anfrage. In Vertretung Schopper Staatssekretärin *) Der Überschreitung der Sechs-Wochen-Frist wurde zugestimmt. 4
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 Anlage: Schreiben des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Mit Schreiben vom 19. Juni 2018 Nr. Z(26)-0141.5/285 F beantwortet das Minis- terium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz im Einvernehmen mit dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft im Namen der Landes- regierung die Große Anfrage wie folgt: I. Bienenhaltung und Imkerei in Baden-Württemberg und Deutschland 1. Wie hat sich die Zahl der haupt- und nebenberuflichen Imkerinnen und Imker in Baden-Württemberg und die durch diese insgesamt bzw. im Durchschnitt be- treuten Bienenvölker in den vergangenen Jahren entwickelt? Zu 1.: Amtliche Zahlen über die Anzahl der haupt- und nebenberuflichen Imkerinnen und Imker in Baden-Württemberg liegen nicht vor. Genaue Angaben zu den gehaltenen Bienenvölkern in Baden-Württemberg kön- nen nicht gemacht werden, da die Imker selbstorganisiert sind oder unterschied- lichen Verbänden angehören können. Der Großteil der Imker in Baden-Württem- berg ist jedoch über den jeweiligen Landesimkerverband Mitglied im Deutschen Imkerbund e. V. (DIB). Die Tabelle des DIB im Anhang (Tabelle 1) gibt Auskunft über die Zahl der Mitglieder in den beiden Landesverbänden und die Anzahl an Völkern von 1952 bis 2017. 2. Wie hat sich der Honigmarkt, getrennt nach Honigsorten, in Baden-Württem- berg und nach ihrer Kenntnis in Deutschland in den vergangenen Jahren ent- wickelt? Zu 2.: Die Entwicklung des deutschen Honigmarktes seit 2010 ist in Tabelle 2 abgebil- det. Im Rahmen der länderspezifischen Datenerfassung des DIB werden seit 1991 die Honigerträge der Mitgliedsverbände erfasst. In Tabelle 1 (siehe Anhang) sind die Honigerträge für die beiden Landesverbände gelistet. Auswertungen je Honig- sorte liegen weder für Baden-Württemberg noch für Deutschland vor. Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland schwankt, in Abhängigkeit vom jährli- chen Honigertrag, seit 2010 zwischen 22 % und 30 %. Für Baden-Württemberg kann auf Basis der Zahl der im Land vorhandenen Bienenvölker in 2017 von einem Selbstversorgungsgrad von ca. 30 % bis 40 % ausgegangen werden. Aufgrund der in den letzten Jahren wieder ansteigenden Anzahl an Bienenvölkern ist insgesamt eine ansteigende Tendenz zu beobachten. Tabelle 2: Versorgungsbilanz mit Bienenhonig in Deutschland %LODQ]SRVWHQ (LQKHLW =DKOGHU%LHQHQY|ONHU (UWUDJMH9RON NJ (U]HXJXQJ W (LQIXKU W $XVIXKU W 1DKUXQJVYHUEUDXFK W GJOMH.RSI J LQ=XFNHUZHUW MH.RSI J 6HOEVWYHUVRUJXQJVJUDG $QP =DKOGHU%LHQHQY|ONHU(UWUDJMH9RONXQG(U]HXJXQJQDFK(UKHEXQJHQXQG6FKlW]XQJHQ GHV'HXWVFKHQ,PNHUEXQGHV 9RUOlXILJ 4XHOOH %/( %0(/ 5
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 3. Wie viel des in Baden-Württemberg und – sofern bekannt – in Deutschland konsumierten Honigs wird aus welchen Hauptherkunftsländern importiert? Zu 3.: In Tabelle 3 (siehe Anhang) sind für das Jahr 2017 die deutschen Importe von natürlichem Honig, aufgelistet nach Herkunftsländern, aufgeführt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2017 insgesamt rund 90.250 t Ho- nig nach Deutschland eingeführt. Die wichtigsten Herkunftsländer für deutsche Honigimporte sind Argentinien, Ukraine und Mexiko. Für Baden-Württemberg liegen nur Daten aus dem Jahr 2015 vor. Baden-Würt- temberg importierte aus anderen Staaten direkt 481 t Honig; hiervon stammten rund 115 t aus Italien, 81 t aus China, 45 t aus Litauen, 44 t aus Tschechien und 31 t aus Ungarn. Neben China lagen bei den Drittlandimporten Sambia mit 27 t und die Türkei mit 24 t auf den vorderen Plätzen. Statistiken zum innerdeutschen Honighandel liegen nicht vor; es ist aber davon auszugehen, dass die baden-würt- tembergische Ernährungsindustrie aus anderen Ländern deutschen und ausländi- schen Bienenhonig bezieht. 4. Wie ist das derzeitige Weiterbildungs- und Beratungsangebot für die Imker- schaft in den badischen und württembergischen Landesteilen organisiert und gibt es konkrete Vorschläge, wie das gegenwärtige System zukunftssicher wei- terentwickelt werden kann? Zu 4.: Schulungen zur Aus- und Weiterbildung der Imkerinnen und Imker sind eine wichtige Aufgabe für eine fachlich fundierte Imkerei und zur Sicherstellung ge- sunder Bienenvölker. Das Land hat daher im Rahmen des Imkereiprogramms des Landes eine zielgerichtete Förderung zur Aus- und Weiterbildung für Imkerinnen und Imker über die beiden baden-württembergischen Imkerverbände sowie deren Mitgliedsimkervereine eingerichtet. Des Weiteren werden im Rahmen des Imke- reiprogramms Schulungen von Multiplikatoren gefördert. Die Aus- und Weiterbildung der Imkerinnen und Imker erfolgt weitestgehend über Kurse der Vereine, des Landesverbandes Badischer Imker e. V., des Landes- verbandes Württembergischer Imker e. V. und der Landesanstalt für Bienenkunde (LAB) der Universität Hohenheim. Insbesondere die Vereine leisten hier eine enorm wichtige Basisarbeit, wenn es um die Ausbildung und Betreuung von Neu- einsteigern in die Imkerei geht. Darüber hinaus informieren, beraten und unter- stützen vier Bienenfachberater an den vier Regierungspräsidien sowie der Bienen- gesundheitsdienst des Staatlichen Tierärztlichen Untersuchungsamts in Aulendorf (STUA) und des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts in Freiburg (CVUA) die Imkerinnen und Imker in Fragen rund um die Bienenhaltung und Bienenge- sundheit. Die beiden Landesverbände, die Bienenfachberater, der Bienengesundheitsdienst und die LAB arbeiten bei sämtlichen Fragen rund um die Bienenhaltung eng zu- sammen und tauschen sich bei regelmäßigen Treffen aus. Auch das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) steht mit den beiden Lan- desverbänden, der LAB und dem Bienengesundheitsdienst sowie den Bienenfach- beratern in engem Kontakt. Derzeit laufen Gespräche mit den Verbänden und der LAB, um ein weiterent- wickeltes Schulungskonzept für Multiplikatoren in Baden-Württemberg zu eta- blieren. In diesem Zusammenhang sollen Schulungsinhalte vereinheitlicht werden und fachliche und vor allem didaktische Lehrmaterialen erarbeitet und zur Verfü- gung gestellt werden. Dafür sollen jeweils zwei bis drei Multiplikatoren aus den Imkervereinen vor Ort ausgewählt und entsprechend ausgebildet werden. Ziel ist es, vor allem den zahlreichen Neuimkerinnen und Neuimkern ortsnah eine quali- fizierte praktische Ausbildung am Bienenstand anzubieten. Dieses Konzept soll am Ende auch eine Erfolgs- und Qualitätskontrolle enthalten. 6
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 II. Bedeutung von Wild- und Honigbienen in Baden-Württemberg und Deutschland 1. Welche Bedeutung haben Honigbienen für das Ökosystem und den Erhalt der biologischen Vielfalt und welche Rolle spielen sie als Bioindikatoren für die Erforschung der Folgen von Natur- und Umweltschäden sowie der Klima- erwärmung? Zu 1.: Da Honigbienen in Mitteleuropa aufgrund der intensiven Landnutzung kaum noch wild vorkommen und seit Jahrhunderten gezüchtet werden, gelten sie nicht als Teil der wildlebenden Fauna. Insofern ist die primäre Bedeutung der Honig- biene für den Erhalt der biologischen Vielfalt als Wildtierart als nachrangig zu be- trachten, nicht jedoch im Hinblick auf den Erhalt der biologischen Vielfalt durch ihre Bestäubungsleistung. Hier leistet die Honigbiene während ihres natürlichen Sammelflugs einen wichtigen Beitrag, wenn es um die Bestäubung insbesondere vieler Kulturpflanzen geht. Darüber hinaus kommt der Honigbiene als stereotypisches und weithin bekanntes Bestäuberinsekt eine hohe Bedeutung bei der Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Fragen des Natur- und Umweltschutzes zu. Zur Bedeutung der Bestäubungs- leistung der Honigbiene für natürliche Ökosysteme siehe Stellungnahme zu Frage II. 2. Die Eignung der Honigbiene als Bioindikator hängt von den betrachteten Frage- stellungen ab. Als Modellorganismus kann sie wichtige Erkenntnisse zur Wirkung von Pestiziden z. B. auf das Orientierungsvermögen von Insekten liefern (vgl. z. B. Stellungnahme des Ministeriums für Umwelt, Klima, und Energiewirtschaft zur Frage 5 der Landtagsdrucksache 16/3022). Als Zeigerart für Natur- und Um- weltschäden kann der Honigbiene als Nutztier insofern eine hohe Bedeutung zu- kommen, als ihre Bestände – im Gegensatz zu Populationen nicht domestizierter Insektenarten wie etwa von Wildbienen – durch die Eigentümer dauerhaft über- wacht werden. Auf diese Weise können Natur- und Umweltschäden zeitnah er- kannt und in vielen Fällen konkreten Ursachen zugeordnet werden. Inwieweit die Honigbiene als Indikator für die Folgen des Klimawandels gelten kann, ist umstritten. Zwar deutet einiges darauf hin, dass die Auswirkungen des Klimawandels wie bspw. geänderte Blühphasen, lange Wärmeperioden im Winter oder plötzliche Temperaturschwankungen Honigbienen schwächen und somit an- fälliger für Krankheiten und Parasiten machen können. Doch neuere Studien brin- gen diese erhöhte Anfälligkeit (z. B. gegenüber der Varroa-Milbe) auch mit einer pestizidinduzierten Immunsuppression in Verbindung (vgl. z. B. Wenzel [2015]: Neonikotinoid-Insektizide als Verursacher des Bienensterbens. Entomologische Zeitschrift 125 [2]). 2. Wie unterscheiden sich die Bestäubungsleistung und Bestäubungsfähigkeiten der Wild- und Honigbienen in Bezug auf die verschiedenen Wild-, Kultur- und Nutzpflanzen? Zu 2.: Honigbienen sind im Vergleich zu vielen anderen Insekten, insbesondere bei größeren Flächen mit blühenden Kultur- oder Wildpflanzen sowie vielen Sträu- chern und Bäumen (z. B. Weide, Schlehen, verschiedene Obstsorten, Raps, Aka- zie, Linde etc.) sehr effektive Bestäuber. Honigbienen können mehr als 20.000 Sammelbienen pro Volk bereitstellen und bis zu eine Million Einzelblüten pro Tag besuchen. Honigbienen verfügen über ein Kommunikationssystem (Bienen- tanz), mit dem sie ihren Stockgenossinnen den exakten Standort der jeweils blühenden Kultur mitteilen können. Als einzige Bienenart sind Honigbienen blü- tenstet, das heißt sie sammeln solange von einer Pflanzenart, wie diese Nektar und Pollen liefert, und bestäuben dadurch besonders effektiv. Honigbienen sind als „Generalisten“ (besuchen viele unterschiedliche Blütenpflanzen) zudem wich- tig, um das „Bestäubernetzwerk“ abzupuffern. 7
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 Eine aktuelle durch das Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere For- men nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) geförderte Studie der Universität Ho- henheim – „Eine ökonomische Analyse des Imkereisektors in Deutschland“ – ver- deutlicht den Nutzen der Imkerei in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf den Nahrungspflanzenbau. Die Ermittlung der Wertschöpfung durch die Honig- bienenbestäubung im Nahrungspflanzenbau wird demnach auf bis zu 1,6 Milliar- den Euro geschätzt. Die Bestäubungsleistung in der natürlichen Vegetation und in anderen landwirtschaftlichen Bereichen (z. B. Saatgutproduktion, Futterpflanzen- und Zierpflanzenanbau) konnte aufgrund Datenmangels in der Studie nicht be- rücksichtigt werden. Die Gesamtwertschöpfung des Imkereisektors kann in der Studie demnach nicht abschließend bewertet werden. Es kann jedoch gesagt wer- den, dass durch die Bestäubungsleistung der Honigbienen sowohl qualitativ wie auch quantitativ der Frucht- und Samenertrag gesteigert wird. Von den über 400 Wildbienenarten im Land leben nur wenige in sozialen Verbän- den (z. B. Hummeln). Bei den Wildbienen gibt es sowohl Generalisten, die viele unterschiedliche Blütenpflanzen besuchen, als auch oligolektische Arten, die auf wenige oder gar eine einzige Pflanzenart spezialisiert sind. Die individuelle Be- stäubungsleistung ist bei Wildbienen teilweise sogar höher als bei Honigbienen, allerdings sind sie meist nicht in so großer Zahl verfügbar. Einige Wildbienen sammeln bereits bei Temperaturen ab 4 °C (Honigbienen ab ca. 12 °C) und sind teilweise bei kommerzieller Bestäubung im Zelt oder unter Glas effektiver als Honigbienen. Da etliche Pflanzenarten von Honigbienen nicht bestäubt werden (können), spielen Wildbienen insbesondere dort eine wichtige Rolle. Für eine ausreichende Bestäubung der Kulturpflanzen und den Erhalt der Biodi- versität der Blütenpflanzen sind sowohl Wild- als auch Honigbienen notwendig. 3. Ist der Landesregierung bekannt, wie hoch die Bestäubungsleistung von Wild- und Honigbienen in Baden-Württemberg, Deutschland und der Europäischen Union gemessen in Euro ist? Zu 3.: Nach Angaben der Landesanstalt für Bienenkunde (LAB) an der Universität Ho- henheim belaufen sich die Schätzungen für die gesamte Bestäubungsleistung für Deutschland auf 2 bis 3 Milliarden Euro und ca. 65 Milliarden Euro für Europa. Diese Angaben beziehen sich primär auf Kulturpflanzen, der tatsächliche Wert für die Ökosystem-Dienstleistung lässt sich nicht abschätzen. 4. Welchen Anteil haben die von der Imkerschaft betreuten Honigbienen an der Gesamtbestäubung der Kultur- und Nutzpflanzen in Baden-Württemberg nach ihrer Kenntnis in Deutschland und der Europäischen Union? Zu 4.: Dem MLR liegen hierzu keine Daten vor. Nach Auskunft der LAB ist es jedoch methodisch nahezu unmöglich, den Anteil der Honigbienen an der Gesamtbestäubungsleistung länderspezifisch und flächen- deckend zu erfassen. Es kann lediglich festgehalten werden, dass großflächige Monokulturen teilweise ganz auf Bestäubungsdienstleistung durch Honigbienen angewiesen sind, während in naturnah strukturierten Landschaften eine arten- reiche „Bestäubergilde“ vorhanden ist. Ein Beispiel hierfür ist der großflächige Mandelanbau in Kalifornien. 8
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 III. Bienenschäden 1. Welche Gründe sind nach Meinung der Landesregierung die zentralen Ursa- chen für den allgemeinen Rückgang der Honigbienenpopulationen sowie die deutliche Abnahme der Honigbienen im Frühjahr 2017 in Baden-Württem- berg? Zu 1.: Ein Rückgang der Honigbienenpopulation kann in den letzten Jahren nicht ver- zeichnet werden. Die Völkerzahlen steigen mit zunehmendem Interesse an der Bienenhaltung in den vergangenen Jahren kontinuierlich an (siehe Anhang Ta- belle 1). Die Honigbienenpopulation unterliegt jedoch jahreszeitlichen Schwankungen. So ist die Bienenpopulation und Volksstärke im Sommer größer als im Winter bzw. Frühjahr. Hauptursache für die Wintersterblichkeit ist nach wie vor, neben dem natürlichen Rückgang der Bienenpopulation im Winter, der Befall der Bienenvöl- ker mit der Varroamilbe und aufgrund eines höheren Varroamilbendrucks eine damit einhergehende Virusvermehrung. Nach Angaben einer deutschlandweiten Umfrage des rheinland-pfälzischen Fach- zentrums für Bienen und Imkerei in Mayen, bei der sich auch rund 1.700 Imker aus Baden-Württemberg beteiligt haben, lagen die Winterverluste 2016/2017 in Baden-Württemberg bei 20,3 %. Dieses Ergebnis reiht sich in die periodisch im Abstand von 2 bis 3 Jahren auftretenden erhöhten Winterverluste ein, die sowohl im Rahmen des Deutschen Bienenmonitorings, einem bundesweiten Koopera- tionsprojekt unter der Federführung der LAB, als auch durch umfangreiche Um- fragen des Bieneninstitutes in Mayen, seit mehr als 12 Jahren erfasst und analy- siert werden. Besondere Situation in 2017: Nach der Auswinterungsphase im Frühjahr 2017 und aufgrund des Spätfrostes und der kalten Frühjahrsphase traten vermehrt Völkerverluste durch mangelnden Nektareintrag und einen hohen Futterbedarf aufgrund bereits vorhandener Brut auf, da die Futtervorräte in den Völkern knapp geworden waren. Sofern diese Fut- terknappheit nicht rechtzeitig von den Imkerinnen und Imkern erkannt wurde, sind vermehrt Völker verhungert. 2. Wie viele Fälle der Amerikanischen Faulbrut, des Kleinen Beutenkäfers und der Asiatischen Hornisse sind ihr in Baden-Württemberg und Deutschland be- reits bekannt? Zu 2.: Die Amerikanische Faulbrut (AFB) und der Kleine Beutenkäfer sind in Deutsch- land anzeigepflichtige Bienenseuchen, für die in der Bienenseuchenverordnung Bekämpfungsmaßnahmen festgelegt sind. Das Auftreten der AFB und des Klei- nen Beutenkäfers muss daher in amtlichen Zahlen festgehalten werden. Die Amerikanische Faulbrut tritt mit geringen Schwankungen nahezu gleichblei- bend häufig auf, siehe Tabelle 4: Tabelle 4: Fälle von Amerikanischer Faulbrut $NWXHOOHV-DKU 'HXWVFKODQG %DGHQ:UWWHPEHUJ Der Kleine Beutenkäfer ist in Deutschland bisher nicht aufgetreten. 9
Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 16 / 3905 Die Asiatische Hornisse, Vespa Velutina var. nigrithorax, ist bisher nur vereinzelt beobachtet worden. Eine erste Sichtung gab es im September 2014. Im vergange- nen Jahr 2017 sind im Raum Karlsruhe drei Nester gefunden worden. Diese Hor- nissenart ist auf die Jagd von Honigbienen spezialisiert und kann Bienenvölker massiv schädigen, wenn sie in der Nähe eines Bienenstandes nistet. Eine Anzei- gepflicht besteht nach Tierseuchenrecht nicht, daher gibt es keine amtlichen Zah- len für deren Auftreten. 3. Liegen verlässliche Zahlen über die Zunahme des Jakobskreuzkrauts vor und welche Erkenntnisse gibt es über die Auswirkungen auf die Gesundheit von Wildbienen und der Honigbienen sowie auf die Qualität des Honigs? Zu 3.: Über den Stand der Drucksache 15/5779 vom 26. September 2014 sowie der Drucksache 16/1623 vom 14. Februar 2017 hinaus gibt es keine weiteren Er- kenntnisse zum Ausmaß der Ausbreitung des Jakobskreuzkrauts und anderer Kreuzkräuter und deren Auswirkung auf die Qualität von Honig. Erhebungen, die genaue Zahlen hinsichtlich der Ausbreitungstendenz in Baden- Württemberg liefern, liegen demnach nicht vor. Von Bürgern sowie Mitarbeitern der Landratsämter gibt es jedoch immer wieder Meldungen über das hohe Vor- kommen insbesondere von Jakobskreuzkraut an Straßenrändern. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Freiburg untersucht seit Jahren regelmäßig Honige auf Pyrrolizidinalkaloide, einen giftigen Inhaltsstoff in verschiedenen Pflanzen, darunter auch des Jakobskreuzkrautes. Die Ergebnisse sind auf der Internetseite www.ua-bw.de dargestellt. Im Bericht 2013 wurde fest- gestellt, dass die Anzahl an Honigen mit hohen Gehalten (> 20 μg/kg) gegenüber den vorherigen Jahren deutlich gesunken ist. Kreuzkrautarten haben als Trachtquelle für Bienen keine nennenswerte Bedeu- tung. Schädigungen an den Bienen selbst konnten nicht festgestellt werden. Pro- blematisch könnten erhöhte Gehalte an Pyrrolizidin jedoch für heranwachsende Bienenlarven sein. 4. Wie haben sich die Fallzahlen der Varroa-Milbe, insbesondere seit der Ein- führung des Varrose-Bekämpfungskonzepts Baden-Württemberg im Jahr 2013, entwickelt? Zu 4.: Feststellungen von Varroa-Befall in Bienenvölkern sind seit 1. Januar 1989 nicht mehr anzeige- oder meldepflichtig. Amtliche Fallzahlen gibt es daher für diese Parasitose der Bienen nicht. Nach Einschätzung des Bienengesundheitsdienstes konnten durch die Einführung und Weiterentwicklung des Varroose-Bekämp- fungskonzeptes Baden-Württemberg Winterausfälle von Bienenvölkern im Zu- sammenhang mit Varroose verringert und Bienenvölkerzahlen stabilisiert werden. 5. Welche Hoffnungen steckt die Landesregierung in die jüngsten Berichte, wo- nach an der Landesanstalt für Bienenkunde Hohenheim mit Lithiumchlorid eventuell ein neues, effektives und wenig arbeitsintensives Varroa-Behand- lungsmittel entdeckt wurde? Zu 5.: Auf die Beantwortung des Antrages der Abg. Dr. Patrick Rapp u. a. CDU, Maß- nahmen zur Bekämpfung von Bienenkrankheiten, Drucksache 16/3628, wird ver- wiesen. Zur Behandlung der Varroose sind mehrere Tierarzneimittel zugelassen, mit denen der Milbenbefall eines Volkes in Schach gehalten, jedoch nicht eliminiert werden kann. Die Beobachtung der Befallsstärke der Bienenvölker mit Varroa und regel- mäßige Behandlungsmaßnahmen gegen Varroose sind daher erforderlich. 10