Pilotprojekt eines Dauerkulturbetriebs in Frankreich

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Landtag von Baden-Württemberg                                                      Drucksache 16 / 4943 16. Wahlperiode                                                                    05. 10. 2018 Kleine Anfrage der Abg. Klaus Hoher und Stephen Brauer FDP/DVP und Antwort des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Pilotprojekt eines Dauerkulturbetriebs in Frankreich Kleine Anfrage Wir fragen die Landesregierung: 1. Welche Erkenntnisse hat die Landesregierung über die gemeinsame Studie des Instituts AgroParisTech und des Institut national de la recherche agronomique (INRA) über die Wirtschaftlichkeit landwirtschaftlicher Dauerkulturbetriebe nach Vorbild eines Betriebs in Bec Hellouin? 2. Welche allgemeinen Erkenntnisse hat sie über die Wirtschaftlichkeit, die Ver- marktungswege, die Arbeitskostenstruktur und die langfristige Aufrechterhal- tung des oben genannten Projekts in Bec Hellouin? 3. Welche Erkenntnisse hat sie über die praktische Realisierbarkeit eines solchen Projekts in größerem Umfang? 4. Inwiefern ist die Dauerkultur, wie sie in der Studie über das Pilotprojekt in Frankreich beschrieben ist (Einsparung von Dünge- und Betriebsmitteln, Bra- chen usw.), ihrer Einschätzung nach eine denkbare und mögliche Alternative zum klassischen Obst- und Gemüsebau? 5. Wie bewertet sie die Möglichkeit eines vergleichbaren Pilotversuchs in Baden- Württemberg? 05. 10. 2018 Hoher, Brauer FDP/DVP Eingegangen: 05. 10. 2018 / Ausgegeben: 19. 11. 2018                                                        1 Drucksachen und Plenarprotokolle sind im Internet       Der Landtag druckt auf Recyclingpapier, ausgezeich- abrufbar unter: www.landtag-bw.de/Dokumente             net mit dem Umweltzeichen „Der Blaue Engel“.
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Landtag von Baden-Württemberg                                                           Drucksache 16 / 4943 Antwort Mit Schreiben vom 29. Oktober 2018 Nr. Z(24)-0141.5/358F beantwortet das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz im Einvernehmen mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Kleine Anfrage wie folgt: 1. Welche Erkenntnisse hat die Landesregierung über die gemeinsame Studie des Instituts AgroParisTech und des Institut national de la recherche agronomique (INRA) über die Wirtschaftlichkeit landwirtschaftlicher Dauerkulturbetriebe nach Vorbild eines Betriebs in Bec Hellouin? 2. Welche allgemeinen Erkenntnisse hat sie über die Wirtschaftlichkeit, die Ver- marktungswege, die Arbeitskostenstruktur und die langfristige Aufrechterhal- tung des oben genannten Projekts in Bec Hellouin? Zu 1. und 2.: Der Betrieb Bec Hellouin, der Gemüsebau nach dem Prinzip der Permakultur in der Normandie betreibt, wurde im Rahmen einer gemeinsamen Studie des Institut AgroParisTech und des Instituts national de la recherche agronomique im Zeit- raum von Dezember 2011 bis März 2015 hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit unter- sucht. Dabei wurden von den Wissenschaftlern auf einer Fläche von rund 1.000 m², auf der insgesamt 76 Gemüsearten auf Hügelbeeten ohne Mechanisierung und in Handarbeit kultiviert wurden, Daten bezüglich der Arbeitszeit, der Arbeitsmittel und dem Verkaufserlös aus den geernteten Produkten ermittelt. Der Betrieb ver- marktete seine Produkte im Direktabsatz im hofeigenen Bioladen und über Res- taurants bzw. über die Sterne-Gastronomie, was sich umsatzfördernd auswirkte. Der Jahresumsatz auf Basis der 1.000 m² Anbaufläche betrug zwischen 32.788 Eu- ro (bezogen auf eine Arbeitsbelastung von 2.006 Stunden) und 57.284 Euro (be- zogen auf eine Arbeitsbelastung von 3.026 Stunden). Das daraus resultierende Netto-Monatseinkommen beziffern die Wissenschaftler in Abhängigkeit der zu- grunde gelegten Investitionskosten zwischen 898 Euro bzw. 1.571 Euro was diese als auskömmlich für einen Landwirt in der Normandie bezeichnen. Auch gegenwärtig produziert der Betrieb in der Normandie noch nach Permakul- turprinzipien, allerdings generiert dieser seine Einkünfte nicht mehr ausschließ- lich aus der landwirtschaftlichen Erzeugung, sondern aufgrund seiner zwischen- zeitlich internationalen Bekanntheit auch aus Erlösen von Besuchergruppen, Se- minaren, Publikationen usw. Kritik an der Studie wurde u. a. darin geübt, dass die Wissenschaftler ausschließ- lich den produktivsten Teil des Betriebes betrachteten und darüber hinaus ledig- lich Umsatz- und keine Mengenangaben machten. Die Ergebnisse basieren somit auf einer theoretischen Modellrechnung und spiegeln nicht die Wirtschaftlichkeit des Gesamtbetriebes wider, der über eine Flächenausstattung von 20 Hektar ver- fügte. 3. Welche Erkenntnisse hat sie über die praktische Realisierbarkeit eines solchen Projekts in größerem Umfang? Zu 3.: Nach Aussagen der Wissenschaftler der o. g. Studie ist diese Art des Anbaus prin- zipiell auch auf größere Flächen übertragbar. Bei größeren Bewirtschaftungsein- heiten müsste die Permakultur aber anders strukturiert sein als bei kleineren Pro- duktionsflächen (Bäume, Tiere etc.). Zu berücksichtigen ist auch der hohe erfor- derliche Einsatz von Arbeitskraft in diesem Anbausystem. Eine qualifizierte Aussage zu einer möglichen Obergrenze bezüglich der Flächen- ausstattung ist derzeit allerdings aufgrund fehlender Erfahrungen nicht möglich. 2
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Landtag von Baden-Württemberg                                                              Drucksache 16 / 4943 4. Inwiefern ist die Dauerkultur, wie sie in der Studie über das Pilotprojekt in Frankreich beschrieben ist (Einsparung von Dünge- und Betriebsmitteln, Bra- chen usw.), ihrer Einschätzung nach eine denkbare und mögliche Alternative zum klassischen Obst- und Gemüsebau? 5. Wie bewertet sie die Möglichkeit eines vergleichbaren Pilotversuchs in Baden- Württemberg? Zu 4. und 5.: Als nachhaltige Bewirtschaftungsform mit geschlossenen Stoffkreisläufen und sich selbst erhaltenden Lebensräumen leistet die Permakultur einen wichtigen Beitrag in Bezug auf Artenvielfalt, ökologische und genetische Vielfalt. Für ein- zelne Betriebe im Bereich des ökologischen Anbaus, die ihre Erzeugnisse an zah- lungskräftige Kunden in Regionen mit hoher Kaufkraft direkt absetzen können, kann das Konzept der Permakultur als ein System mit geringem Input und hoher Bewirtschaftungsintensität eine mögliche Nischenfunktion einnehmen. Für das Gros der baden-württembergischen Gemüse- und Obsterzeuger ist diese deutlich ar- beitsintensivere Bewirtschaftungsform – der Eintrag fossiler und fremder Ener- gien ist nicht gestattet, alle Arbeitsschritte erfolgen in Handarbeit – keine wirkli- che Alternative. Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Probleme bei der Rekrutierung von Fach- und Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft und im Gartenbau werden Betriebe, die v. a. den Großhandel beliefern, zukünftig ihre Betriebsabläufe zunehmend digitalisieren, miteinander vernetzen und mechanisie- ren müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Da die Permakultur ohne großen Kapitaleinsatz auskommt und auf Handarbeit und einfache Geräte setzt, könnte diese für Landwirte in Entwicklungsländern eine interessante alternative Anbaumethode sein. Im Produktionsgartenbau in Baden-Württemberg ist das Thema Permakultur der- zeit nicht von Bedeutung. Einzelne Elemente, z. B. Mischkulturen oder der Ein- satz von Hecken- oder Baumstreifen sind durchaus auch für klassische Garten- baubetriebe interessant. Trotzdem sieht die Landesregierung aktuell keinen An- lass für die Realisierung eines vergleichbaren Pilotprojekts in Baden-Württem- berg. Dennoch könnten in Zukunft, z. B. im Rahmen von fachlichen Vortragsveranstal- tungen an den mit gartenbaulichen Themen befassten Landesanstalten, Permakul- turprinzipien vorgestellt und diskutiert werden. Hauk Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz 3
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