Umsetzung des Maßnahmenpaketes zur nachhaltigen Reduktion von Schwarzwild

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- 22 - Schwarzwild erfolgreich bejagen, dazu müssen die Jäger untereinander und mit den Jagdgenossen zusammenarbeiten. Foto: Kellerer Defizite in der Umsetzung BBV-Schwarzwild-Symposium mit vielen Themen und neuen Strategien Schwarzwild breitet sich nahezu in allen Regionen Bayerns ungebremst aus, verursacht große Schäden in der Landwirtschaft und stellt als Überträger der Schweinepest eine Bedrohung der Hausschweine dar. Der Baye- rische Bauernverband (BBV) und die Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer in Bayern haben sich dieser Probleme angenommen. Der zahlreiche Besuch           nung herzustellen. Der BBV ist hierbei als Vertreter durch Jagdvorsteher,            der Grundeigentümer und somit als Jagdrechtsin- Landwirte und Jäger             haber in besonderer Weise betroffen. „Jagdgenos- mit nahezu 200 Teil-            senschaften und Jäger müssen gemeinsam praxis- nehmern am BBV-                 taugliche Lösungen zustande bringen. Die Bauern Schwarzwildsynnpo-              haben größtes Interesse an einer unverzüglichen sium in Herrsching              Entschärfung der Schwarzwildproblennatik", sagte machte deutlich,                Sonnleitner. wie ernsthaft dieses Thema die Bauern                Das Schwarzwildsymposium sei auf Wunsch der derzeit bewegt. Zur             Bauern speziell für die Jagdgenossenschaften orga- aktuellen Entwicklung           nisiert worden. Dabei gehe es um eine fundierte berichtete BBV-Präsi-           Fachinformation, um praktisches „Handwerkszeug" Gerd Sonnleitner: „Die Bauern                                       für die Mitglieder. Aber auch der Erfahrungsaustausch haben größtes Interesse an einer dent Gerd Sonnleit- unverzüglichen Entschärfung der     ner, dass seit 1980 die         über örtliche Lösungsmöglichkeiten fand größtes Schwarzwildproblematik."            Schwarzwildstrecke              Interesse. landesweit um das              Sonnleitner bemerkte angesichts bereits bekannter 21-Fache, in Schwaben sogar um das 112-Fache                        und anerkannter Verfahrensgänge bei der praktischen angestiegen sei. Im Jagdjahr 2008/2009 wurde mit                   Jagdausübung, dass es sich hierbei weniger um ein über 62 000 erlegten Tieren eine neue Rekordzahl                    Erkenntnis-, sondern vielmehr um ein Umsetzungs- erreicht. Dieses Ergebnis bestätigt zwar die verstärk-             problem handele! ten Anstrengungen der Jäger. Sie signalisiere jedoch den hohen Grundbestand des Schwarzwildes und die                    Landwirtschaftsminister Helmut Brunner fand in nur schwer einzuschätzende Populationsdynamik.                      seinem Referat anerkennende Worte für den BBV und die Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften Gemeinsam taugliche Lösungen finden                                 und Eigenjagdbesitzer. Er verspreche sich davon Da anhaltend über hohe und weiter zunehmende                        für seine Arbeit wichtige Beiträge zur nachhaltigen Wildschäden in der Landwirtschaft geklagt wird,                     Lösung des Schwarzwildproblems, aber auch neue heißt das, dass die bisherigen Bejagungsmethoden                   Impulse für die jagdpolitische Weichenstellung in nicht ausreichen, um auf diesem Feld wieder Ord-                    unserem Lande, so der Minister.
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- 23 - Zur räumlichen und strategischen Ausbreitung des              Dass der BBV großen Wert auf eine sachkundige Schwarzwildes in Bayern führte Helmut Brunner aus,            Beurteilung von Wildschäden in der Landwirtschaft dass auch Regionen mit wenig Maisfeldern, wie die             legt, berichtete Franz Brütting, amtlich vereidigter Voralpenregionen des Allgäus — zum Teil sind die              Sachverständiger im BBV. Ersatzpflichtig ist prinzipi- Sauen bereits auch im Gebirge zu finden — schnell            ell die Jagdgenossenschaft. Sie gibt die Ersatzpflicht erobert wurden. Der Maisanbau, wie immer wieder               in der Regel an den Revierinhaber weiter. Es bleibt behauptet wird, könne daher landesweit nicht allein           ihr jedoch eine Ausfallhaftung. Prinzipiell ist bei schuld am Schwarzwildanstieg sein.                           einem Schadensfall der vorherige Zustand wieder herzustellen, sagte Brütting. Die Praxis zeige, dass Schadenausgleich mit Geld ist keine Lösung                   der überwiegende Teil von Schadensfällen auf güt- lichem Wege bereinigt werden kann. Zu den Schwarzwildschäden und deren Regulierung in der Landwirtschaft könne nach Auffassung des              Dass es gelungene Kooperationen zwischen den Ministers die Geldleistung keine akzeptable Lösung            Jagdgenossenschaften und der Jägerschaft gibt, die sein. Die Bauern müssen betriebswirtschaftlich               sich an den Örtlichkeiten orientieren, berichtete zuverlässig planen können.                                   Enno Piening, Vizepräsident des Landesjagdverban- des Bayern. Er konnte dabei auf Erfahrungen aus Ersatzleistungen in Geld können nicht befriedigend           dem traditionellen Schwarzwildgebiet Unterfranken sein. Sie belasten außerdem das Klima zwischen               zurückgreifen. Neben einer konsequenten und ganz- Jagdgenossen und Jagdpächtern. Letztlich gefähr-              jährigen Bejagung der Frischlinge und Überläufer, den sie auch eine kontinuierliche und verlässliche            aber auch von Bachen, soweit im Rahmen des Jagdpachtpflege, die für eine solide Partnerschaft            Tierschutzes zulässig, müsse stets ein Gleichgewicht unerlässlich ist. Daher: Schwarzwildschäden müssen            zwischen Wild und Landeskultur herbeigeführt verhindert werden!                                            werden. Piening sieht sich hier in einer Verantwor- tungsgemeinschaft zwischen Jägern und Bauern. Das Staatsministerium werde über ein Projekt „Brennpunkt Schwarzwild — Projekt zur Entwick- Leitsätze zur Reduzierung der Schwarzwildbestände lung innovativer regionaler Konzepte" neue Wege in Bayern stellte Dr. Niels Hahn, Wilcom-Wildlife beschreiten. Mit der Durchführung wurde die Bay- GmbH, vor. Er berichtete, dass die Bestandssitua- erische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft tion nach einer Umfrage offensichtlich von Jägern beauftragt. In der Diskussion wurde auch die Errich- anders eingeschätzt werde als von Landwirten und tung von Saufängen gefordert. Hier liege die Kompe- Förstern. Hahn bezweifelte, dass in Revieren, in tenz für eine Genehmigung bei den Landräten, wobei denen landwirtschaftlich genutzte Flächen und Wald neben dem Jagdrecht auch das Tierschutzrecht mit             eng verzahnt sind, eine Ablenkfütterung im Wald in der Zuständigkeit der Veterinärbehörde verbindlich           der Vegetationszeit Schäden in der Landwirtschaft ist.                                                         vermeiden könne. Bei der Forderung nach Zulassung von künstlichen Dr. Ulf Hohmann, Forschungsanstalt für Waldöko- Lichtquellen (Scheinwerfer) für den Nachtabschuss logie und Forstwirtschaft, Rheinland-Pfalz, referierte bei Sauen komme immer wieder der ablehnende über neue Erkennt- Hinweis auf das Kriegswaffengesetz. nisse der Wildbiolo- Die Zusammenarbeit bei Bewegungsjagden mit den               gie zur Intensivierung Bayerischen Staatsforsten sowie das Problem überja-          der Schwarzwildbe- gender Hunde stand ebenfalls zur Diskussion. Fazit:          jagu ng. Hohmann Die betroffenen Bauern und auch die Jäger erwarten           wie auch Dr. Hahn zu diesen Fragen von Politik und Verwaltung baldigst         dringen auf eine stär- brauchbare Lösungen. So weit dem gegenwärtig                 kere Bejagung des Hemmnisse entgegenstehen, sind diese nicht länger            Schwarzwildes auf zu interpretieren, sondern auszuräumen, so die For-          Bewegungsjagden, derungen des Berufsstandes.                                  da die Kirrjagd mit den häufig üppigen „Futtergaben" in Damoklesschwert Schweinepest Verdacht stehe, die Walter Heidi: „Privatjäger, Großpri- Wildschweine infizieren sich mit dem Virus der               Reproduktion beim vatwald und Staatswald müssen Schweinepest sowohl durch Kontakt mit bereits                Schwarzwild zusätz- bei der Bejagung von Schwarzwild infizierten Artgenossen, aber genauso über infiziertes       lich anzukurbeln.         eng zusammenarbeiten." Fallwild an kontaminierten Luderplätzen oder Abfäl- len, berichtete Dr. Armin Gangl vom Tiergesund- Enge Abstimmung aufbauen und pflegen heitsdienst Bayern. Der Ausbruch von Schweinepest wäre für Schweinehalter eine Katastrophe. Die                BBV-Bezirkspräsident Walter Heidi sprach in Herr- Seuchenschäden und die Kosten der Bekämpfung                sching über Schwarzwild als Herausforderung für gehen in die Millionen (siehe auch Beitrag in BLW            Landwirte und Jagdgenossenschaften. Heidl forderte Nr. 36 S. 44).                                               angesichts des hohen Konfliktpotenzials durch die
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- 24 - Sauenvermehrung eine nahtlose Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen privater Jägerschaft, Großprivatwald und Staatswald. Diese dürfe vor allem nicht am Revieregoismus scheitern. Albert Robold, Landesvorsitzender der ARGE Jagd im BBV, leitete die abschließende Diskussion und konnte als Ergebnis des Tages festhalten: Gute Jäger, die mit den Anliegen der Bauern vertraut sind, werden hier auch eine Vorbildrolle übernehmen. Zahlreiche Anregungen aus den Referaten und dem Erfahrungsaustausch sind für die tägliche Arbeit der Jagdvorsteher auch aus Solidaritätsgründen sehr wertvoll und hilfreich. Franz Lebacher Albert Robold: „Gute Jäger, die mit den Anliegen Abdruck mit freundlicher Genehmigung des der Bauern vertraut sind, werden auch beim Schwarzwild eine Vorbildrolle übernehmen."           Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatts Rekordstrecke beim Schwarzwild                                                        Schwarzwildstrecke in Bayern 62 110 Sauen im Jagdjahr 2008/09 erlegt                                               Jahr                                Strecke 1980/81                                2 928 \ n:17ildschweine drohen in Bay-             der Landwirtschaft und die stei-        1990/91                               16 729 ern zur Plage zu werden. Wie            gende Gefahr von Wildunfällen           2000/01                               27 610 Landwirtschaftsminister Helmut                und Schweinepest in den Griff zu                                              55 252 2002/03 Brunner in München mitteilte,                 bekommen", so Brunner. Der Minister appellierte an           2003/04                               41 970 haben Bayerns Jäger im vergan- genen Jagdjahr über 62 000 Wild-              die Jäger, in ihren Bemühungen          2004/05                               54 248 schweine erlegt — so viele wie nie            nicht nachzulassen und verstärkt        2005/06                               42 167 zuvor: In den vergangenen drei                Schwarzwild zu jagen. Durch das         2006/07                               22 934 Jahren hat sich die Jagdstrecke               heuer erwartete besonders reiche        2007/08                               48 634 damit nahezu verdreifacht.                    Angebot an Eicheln und Buch- 2008/09                               62 110 Diese Zahlen belegen laut Brun-            eckern werde das Schwarzwild Stückzahlen inkl. Fallwild, Quelle: ByStMELF ner einerseits die verstärkte Akti-           besser über den Winter kommen vität der Jäger, andererseits wei-            und deshalb in der Folge deutlich sen sie auf eine ständig wachsende            mehr Frischlinge werfen. Unter         allem großflächige, revierüber- Population hin. „Eine deutliche               solchen Bedingungen seien Zu-          greifende Bewegungsjagden als Reduzierung der Schwarzwild-                  wachsraten von mehr als 300 Pro-       erfolgreich erwiesen. Auch Wild- bestände ist dringend notwendig,              zent zu befürchten.                    biologen und Praktiker empfehlen um die zunehmenden Schäden in                   Bei der Bejagung haben sich vor      diese Jagdmethode. Für Sie gelesen Expertengespräch zum Schwarzwild Quelle: St. Hubertus — Österreichs älteste und traditionsreichste Jagdzeitschrift, Ausgabe 7/2009, Seite 11 St. Hubertus hat Prof. Dr. Walter Arnold von der Veterinärmedizinischen Universität Wien zum Thema interviewt. St. Hubertus: Wie beurteilen Sie die momentane                        den Hauptvorkommensgebieten Niederösterreich Situation des Schwarzwildvorkonnmens in Österreich,                   (NÖ) und Burgenland hat man vielerorts mittlerweile bezogen auf Vermehrungspotenzial und bestehenden                      (wieder) gelernt, mit dem enormen Vermehrungs- Lebensraum?                                                           potenzial des Schwarzwildes umzugehen. Wo der Wille und das Verlangen wirklich vorhanden ist, Prof. Dr. Walter Arnold: Das Schwarzwild nimmt in                     scheint man das Schwarzwild im Griff zu haben. Österreich weiterhin zu. Verringerte Zuwachsraten                     Wichtigste Voraussetzung: Nutzung aller jagdlichen oder gar rückkünftige Abschusszahlen nach Jahren                      Möglichkeiten (Ansitz- und Bewegungsjagd), äußerste mit keinen schneereichen Wintern sind normal und                      Zurückhaltung bei der Kirrung, keine Fütterung! In sprechen nicht gegen den grundsätzlichen Trend. In                    Gebieten, in denen das Schwarzwild nur seltener
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Mitteilungen für Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer Nummer 2      Juli 2009 Jahrgang 25 Bayerischer Bauern Verband INHALT Schwerpunkt Schwarzwild Nehmen Sie Stellung zum Wildverbiss! Rabenkrähen im Visier Jagdrecht in Kürze Minderung des Pachtzinses 771 Projekt „1000 Äcker für die Feldlerche" Forderungen der BAGJE zur Bundestagswahl 2009 Wert der Jagdreviere muss gewährleistet bleiben Ausstellung Jagen und Fischen gut besucht Seite 20-21 Jägerprüfung auf einem guten Weg IM1111111! Minister Brunner startet Lebensraum-Projekt Neue Bücher Wussten Sie schon, dass...
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2 Foto: pixelio.de, Alfred Borchard Pulverfass Schwarzwild Trotz steigender Jagdstrecken beim Schwarzwild sind in vielen Regionen Bayerns die Wildschäden in den Feldern und Wiesen weiterhin hoch, in einigen Gebieten steigen sie sogar immer noch an. Die Folge sind immer wieder Konflikte zwischen Landwirten, Jagdgenossenschaften, Jägern und Staatsforsten. Die Landesar- beitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (ARGE) erkennt die Anstrengungen vieler Jäger bei der Schwarzwildbejagung ausdrücklich an, sieht in etlichen Regionen jedoch noch dringenden Handlungsbedarf. Vorrangig müssen die von Verbänden und Landwirtschaftsministerium 2002 gemeinsam erarbeiteten Bejagungsrichtlinien endlich flächendeckend umgesetzt werden. Dies müsse im Wege der Zusammenarbeit aller             die Schwarzwildproblematik zum zentralen Thema Beteiligten erfolgen. Darüber hinaus fordern Land-      ihrer Forderungen zur Bundestagswahl gemacht. wirte und Jagdgenossenschaften, die Suche nach          Schließlich geht es um weiter ausufernde Wildschä- alternativen Wegen der Bejagung zu forcieren, ins-      den und v.a. um die steigende Schweinepestgefahr. besondere wie das Zusammenspiel der Betroffenen         Die wachsende Zahl der Verkehrsunfälle mit Sauen zu verbessern ist. Schließlich gehe es um zunehmend     nehmen zudem die Bürger kritisch zur Kenntnis. massive Wildschäden, die steigende Schweinepest- Gemeinsame Positionspapiere seien nach Auffassung gefahr und den Anstieg der Verkehrsunfälle mit Sauen betont Albert Robold, Sprecher der ARGE. Hohe           der ARGE wichtig, Sauen tatsächlich zu erlegen aber Jagdstrecken seien immer auch Ausdruck von hohen        noch wichtiger. Um zielführende Wege aufzuzeigen, Grundbeständen.                                         sei deshalb die Analyse der praktischen Erfahrungen mit den bisherigen Bejagungsrichtlinien sinnvoll. Die Neben dem aktuellen Stand zum Vegetationsgutach-        Ergebnisse der dazu im Auftrag der obersten Jagdbe- ten, den zunehmenden Schäden in der Landwirt- hörde und des obersten Jagdbeirates durchgeführten schaft durch Rabenvögel und Graugänse stand vor Evaluierung der Bayerischen Landesanstalt für Wald- allem das Thema Schwarzwild im Mittelpunkt der und Forstwirtschaft (LWF) stellte der Wildbiologe, Tagung der ARGE in Ingolstadt. Jäger und Projektleiter, Niels Hahn, der ARGE vor. Schwarzwild bundesweit ein Problem Bejagungsempfehlungen zu wenig/nicht/kaum Albert Robold stellt bereits in seiner Begrüßung        umgesetzt das bundesweit anhaltende Schwarzwildproblem Anerkennung zollte Hahn eingangs den betroffenen heraus, das mit der Ausbreitung der Schweinepest in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen eine I nteressensgru ppen — Bayerischer Bauernverband, Landesjagdverband Bayern, Waldbesitzerverband - besorgniserregende Dimension erreicht hat. NRW musste allein für die Bekämpfung im ersten Jahr         dafür, dass sie es geschafft hätten, sich bereits 2002 80 Mio. € an Steuergeldern aufwenden, was zu mas-       auf „Gemeinsame Empfehlungen zur Reduzierung siver Kritik durch Bevölkerung, Medien und Politik      der Schwarzwildbestände (ERS)" zu verständigen. führte. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdge-       Allerdings zeigten die Jagdstrecken, dass seit Einfüh- nossenschaften und Eigenjagdbesitzer hat deshalb        rung der ERS noch keine Absenkung der Schwarz-
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-3- wildbestände erfolgte. Das liege vor allem daran,                 andere redet. Dass die Landwirte an konstruktiven dass die ERS zu wenig bekannt sind und in der Praxis              Lösungen interessiert seien, spiegele sich in der kaum umgesetzt werden.                                            Tatsache wieder, dass laut Umfrage über 80% der Wildschadensfälle ohne das amtliche Verfahren Die Jagdstrecke sei laut Hahn ein Spiegel für das                 geregelt werden und nur in seltenen Ausnahmefällen insgesamt sehr hohe Populationsniveau beim                        die Hilfe der Gerichte notwendig ist. Schwarzwild, das zwischen den Jagdjahren teils Betrachtet man die Ergebnisse des Projektes, so erheblich schwanke. Der Indikator „Strecke" sei sei es nach Auffassung Hahns nachzuvollziehen, dabei auch Ausdruck der Bejagungsintensität. Die warum örtlich vehemente Konflikte vorhanden Streckenentwicklung lege den Schluss nahe, dass sind. Schwarzwild stellt sich jedoch unbestritten die Jäger es bislang nicht geschafft hätten, die inzwischen als flächendeckendes Problem dar Schwarzwildpopulation auf ein niedrigeres Niveau und ist nicht wegzudiskutieren. Das Leitbild des einzuregulieren. Auch wenn die Anzahl der Klagen Landesjagdverbandes Baden-Württemberg „Jagd ist betroffener Landwirte einen gewissen Anhaltspunkt Auftrag und Leidenschaft" beschreibe sehr treffend liefern, so ist der Indikator „Wildschäden" mangels das Spannungsfeld vom Emotion und gesetzlichem solider Monitoringdaten bisher kaum auswertbar. Auftrag zur Schaffung tragbarer Wildbestände, in In seiner Analyse zeigte Hahn die eklatant unter-                 dem sich die Jäger befänden. schiedlichen Akzeptanzgrenzen für Schwarzwild                      Die Leiterin der obersten Jagdbehörde, Helene und die unterschiedliche Wahrnehmung der Jäger                     Bauer, unterstrich diese Aussage, denn bei allen und Landwirte über die Einschätzung der Höhe des                   Anstrengungen zur Schwarzwildreduktion sei der Schwarzwildbestandes in ihren Revieren auf. Wäh-                   Wille zur Zusammenarbeit aller Beteiligten ent- rend 61% der Jäger der Meinung waren, der Bestand                 scheidend. Ein Gegeneinander könne nur zum sei im Jagdjahr 2007/2008 genau richtig oder niedrig,             zweitbesten Ergebnis führen. schätzten 91% der Landwirte ihn als zu hoch oder viel zu hoch ein. Diese Einschätzung der Landwirte,               Eingehend beleuchtete der Projektleiter die prakti- die sich durch die hohe Jagdstrecke des Folgejahres               zierten Bejagungsarten. Hier stehe der Einzelansitz bestätigte, zeige, dass die Land- wirte in der Fläche präsent sind und sehr wohl wissen, was im            Entwicklung der Maisanbaufläche und Revier läuft.                          Schwarzwildstrecke in Bayern Als weitere Ergebnisse der Eva-            500 -- Maisanbaufläche                                              60000 luierung nennt Hahn, dass der 450 - — Strecke Schwarzwild o 400                                                                 -50000 überwiegende Teil der Landwirte Ablenkfütterungen als keine             -4 350                                                                -40000 2 geeignete Maßnahme erachtet,           • E 300 um Wildschäden zu reduzieren.              250                                                                 30000 71 2. Etliche sehen darin sogar eine         2 200 kontraproduktive Maßnahme,             3 150                                                                  -20000 IU die nur die Nachkommenzahl erhöhe. Während 91% der Jäger -10000 72 glauben, der Energiepflanzenan- 0 bau führe zu einer Verschärfung der Wildschadensproblematik, sind nur 51% der Landwirte                                                     Jahr dieser Meinung. Wäre der Maisanbau ausschlaggebend für das Anwachsen der Schwarzwildbestände, so hätte die Bestandsexplosion bereits 20 Jahre früher stattfinden müssen. Zielvereinbarungen treffen Gemeinsam festgelegte und mit Kirrung einsam an der Spitze, gefolgt von der verbindliche Zielvereinbarungen zwischen den zufälligen Erlegung. Erst an dritter Stelle nennen die Betroffenen fehlen in der Praxis bislang fast völlig. befragten Jäger die revierübergreifenden Bewegungs- Nur Einzelfälle seien auch gemeinsame Vor-Ort- jagden, gar an letzter Stelle stehen die revierüber- Initiativen, etwas Neues auszuprobieren, wie z.B. die greifenden Sammelansitze. Dieses Ergebnis decke eigenverantwortliche Einrichtung von Monitoringsys- sich mit den Umfrageergebnissen einer deutschen temen und Kontrollmechanismen, die Etablierung Jagdzeitschrift. von schnellen Eingreifgruppen oder den Einsatz von Frischlingsfängen. Dabei könnte gerade über                  Solange Jagdpächter der Meinung sind, dass nicht gemeinsame Initiativen und Zielvereinbarungen die                zu viele Sauen im Revier sind, werden sie sich meist Zusammenarbeit gestärkt und viel Streit im Vorfeld               nur zurückhaltend an revierübergreifenden Jagden vermieden werden, da jeder weiß, worüber der                     beteiligen, stellt Walter Heidi, BBV-Präsident Bezirk
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-4- Niederbayern, fest. Laut Heidi müsste die Evaluie-               fenden Jagden bisher ablehnend gegenüberstehen rung um die Aussagen der Landwirte ergänzt werden,               und dadurch die Anstrengungen der Jagdnachbarn die von der Schweinemast oder —zucht leben, da hier              untergraben. Bei Bewegungsjagden im Herbst und die Akzeptanzschwelle für Wildscheine aufgrund der               Winter sollten sich die Abschussfreigaben an den Schweinepestgefahr nahe Null gehe. Betrachtet man                gesetzlichen Regelungen und Jagdzeiten orientieren nüchtern die Zahlen zu den Maisflächen in den letz-              und nicht durch kontraproduktive Einschränkun- ten 30 Jahren, so dränge sich ihm der Eindruck auf,              gen beschnitten werden, wie z.B. Vorgabe einer dass mit dem Thema Biogas und Energiepflanzenan-                 Gewichtsobergrenze oder ein generelles Verbot des bau manche Jäger nur ablenken wollen. Unbestritten               Bachenabschusses. sei, dass es in machen Revieren mit größeren Biogas- anlagen zu höheren Maisanteilen als bisher kommt.                Der stellvertretende Landesjagdberater, Franz Leba- Dies ist aber keine flächendeckende Erscheinung,                 cher, unterstrich, dass gut organisierte Bewegungs- da es oft auch nur zu Verschiebungen von Mais als                jagden nicht nur effizient sind, sondern letztlich Tierfutter hin zu Mais für Biogasanlagen gebe, ohne              auch dem Wild zugutekommen, weil damit ständige dass die Fläche ausgedehnt wird. Vielmehr müsste                 Beunruhigungen des Reviers durch die Jagd selbst von Jägern und Landwirten an Lösungen gearbeitet                vermindert werden können. Telemetrieuntersuchun- werden, welche die Bejagung des Schwarzwildes                   gen von Schwarz-, Rot- und Rehwild während und in größeren Maisschlägen ohne Ertragseinbußen                   nach Bewegungsjagden hätten gezeigt, dass das Wild seine angestammten Einstände nur kurzzeitig verlässt und sich nach wenigen Tagen bereits wieder wie vor der Bewegungsjagd verhält. Es ist gemeinsame Position der Verbände, dass ver- stärkt revierübergreifende Bewegungsjagden bei der Schwarzwildbejagung durchgeführt werden sollen. Wer sich gegen Bewegungsjagden ausspreche, stelle in letzter Konsequenz auch die traditionellen Treib- jagden in Frage, so die ARGE. Die ARGE dankt Claus Beck, dass die Bayerischen Staatsforsten revierübergreifende Bewegungsjagden künftig noch besser unterstützen will. Flächenbezo- v.r. Albert Robold, Niels Hahn, Helene Bauer, Walter Heidi,     gen werde bereits heute mehr Schwarzwild in den Fiona Schönfeld Regiejagden des Staates erlegt als in Privatjagden. Die ARGE begrüßt zudem das neuerliche Angebot, beim Landwirt erleichtere, wie z.B. die Anlage von              dass sich Jäger und Jagdvorsteher jederzeit an Beck Schussschneisen, schlägt Heidi vor.                             wenden könnten, wenn sie in ihrem Gebiet Defizite bei der Sauenbejagung im Staatswald vermuten BBV-Jagdreferent Johann Koch verweist ergänzend (siehe Mitteilungen für Jagdgenossenschaften und auf eine wissenschaftliche Untersuchung der Uni- Eigenbesitzer vom Dezember 2008). versität Wien, wonach trotz deutlichem Rückgangs der Maisanbaufläche in den letzten beiden Jahrzehn- ten die Schwarzwildbestände in Österreich einen                 Ablenkfütterungen verbieten vergleichbar dramatischen Anstieg aufweisen wie                 Die ARGE spricht sich für das generelle Verbot von in Bayern. Zudem sei zu berücksichtigen, dass der               Ablenkfütterungen aus, da hierdurch lediglich die Anstieg der Schwarzwildpopulation in Bayern mit                 Reproduktionsrate der Sauen angekurbelt wird. ca. 20 Jahren Verzögerung zu dem der Maisanbau-                 Inzwischen lehnen auch immer mehr Jäger und fläche erfolgte, so dass sich unter Berücksichtigung            Jägervertreter Ablenkfütterungen ab. Sollte eine der enormen Vermehrungsrate der Schwarzkittel ein               missbräuchliche Fütterung vorliegen, müssten die Zusammenhang nicht herleiten lasse.                             Jagdbehörden zudem viel konsequenter als bisher einschreiten. Unter dem Blickwinkel der Ankurbe- Revierübergreifende Jagden forcieren                            lung der Reproduktion seien auch Kirrungen kritisch zu hinterfragen. Der in den ERS angegebene Wert In der Diskussion waren sich die Mitglieder der ARGE einig, dass revierübergreifende Bewegungsjagden                 von 1 kg artgerechtem Futter je Kirrung auf 100 ha Revierfläche müsse die absolute Obergrenze sein, und, wo diese aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht möglich sind, zumindest revierübergreifende               so Robold. Sammelansitze eine Schlüsselfunktion einnehmen,                 Einen weiteren Grund für das Anwachsen der um Schwarzwildbestände wirksam zu reduzieren.                   Bestände sieht die ARGE auch im zu geringen Die Jagdgenossenschaften sollen dabei die aktiven               Anteil an Zuwachsträgern, insbesondere Bachen, Jäger bestmöglich unterstützen. Dies kann durch                 am Gesamtabschuss. Statt der in der ERS (unter die Teilnahme als Treiber sein oder auch, indem sie Berücksichtigung des Elterntierschutzes) ange- Jagdpächtern ins Gewissen reden, die revierübergrei-            strebten mindestens 10 (möglichst 20) % blieb
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-5 Schwarzwildstrecke und Anteil erlegter Bachen a         . 14 2   . Bachenanteil                                         Gesamtstrecke                       •2.2 1 %                                                        a bsGilufc io Sc hwanwildstrec ke in sgesamt 7,- e 1                                                                                                       eg -5 2.; 1                      N 1 o                                                                                             0 --.Surnme Schwarzwild   •--Antell lachen Trotz starkem Anstieg der Strecke seit den 80er Jahren ist der 3. 1. Bachenanteil kontinuierlich gesunken im> Bachenanteil seit Mitte der 90er Jahre bei etwa 5 — 6 % der Anteil bei rund 5 %. Das liege unter anderem                                    Der Bayerische Bauernverband bietet seinen Mit- darin begründet, weil selbst in den Wintermonaten                                   gliedern durch sein Informationsangebot umfassende bei Bewegungsjagden oftmals keine Bachen zum                                        Hilfestellungen, zum Beispiel bei der Jagdverpach- Abschuss freigegeben werden. Mit Interesse nimmt                                    tung oder der Wildschadensregelung. Um es mehr die ARGE den Startschuss für eine wissenschaftliche                                 Landwirten zu ermöglichen, selbst den Jagdschein Arbeit in Rheinland-Pfalz zur Kenntnis, welche die                                  zu machen, regt die ARGE an, die Jagdausbildung Rolle der Leitbache innerhalb einer Schwarzwild-                                    in die landwirtschaftliche Ausbildung zumindest als rotte im Jahresverlauf untersuchen will. Dadurch                                    Wahlfach zu integrieren. Als Alternativen für den erhofft man sich eine Versachlichung der oft auch                                   Fall, dass eine Jagd wegen überhöhter Schwarz- von Wildbiologen und Schwarzwildexperten kont-                                      wildbestände nicht mehr zu verpachten ist, kann rovers geführten Diskussionen über die Folgen eines                                 die Eigenbewirtschaftung oder die Anstellung eines Bachenabschusses insbesondere bei den winterli-                                     Berufsjägers durch mehrere Jagdgenossenschaften in chen Bewegungsjagden.                                                               Betracht kommen. Hierzu sind Pilotprojekte geplant. Dass ein Zusammenhang zwischen Anteil der Die ARGE betont, dass die betroffenen Landwirte, Bachen am Gesamtabschuss und steigenden Bestän- den besteht, legt die Streckenanalyse der letzten                                   Jagdgenossenschaften und Jagdpächter Lösungen Jahrzehnte nahe. Mit der Verbreitung des sogenann-                                  brauchen, um das Pulverfass Schwarzwild am ten Lüneburger Modells durch die Jäger Mitte der                                    explodieren zu hindern. Sie wird deshalb diesen Siebziger Jahre, das die vorrangige Bejagung der                                    Themenkomplex noch intensiver beackern. Geplant Frischlinge und die Schonung der Bachen propagiert,                                 ist eine Informationsoffensive für die Jagdgenossen- ging der Anteil der erlegten Bachen deutlich zurück.                                schaften und Landwirte, die mit einem Schwarzwild- Auffällig ist, dass seitdem die Schwarzwildbestände                                 synnposium im Herbst starten soll. Ebenso setzt sich rapide angewachsen sind (siehe Abbildung).                                          die ARGE für Projekte zur Entwicklung innovativer regionaler Konzepte ein, welche die Betroffenen vor Verantwortung und Solidarität                                                       Ort gemeinsam durchführen, um deren Umsetzung Die ARGE appelliert an die Jagdgenossen, sich der                                   sicher zu stellen. Denn nur wenn über gemein- Herausforderung Schwarzwild aktiv zu stellen.                                       same Zielvereinbarungen von allen Beteiligten am Verantwortung und Solidarität von Landwirten und                                    gleichen Strang gezogen wird, kann das „schwarze Waldbesitzern sind zur Bewältigung des Schwarz-                                     Dynamit" entschärft werden. wildproblenns unabdingbar. Innerhalb der Jagdge- nossenschaft müssen die Landwirte den Grundsatz                                     Dazu muss Jagdgenossen und Jägern jedoch ein „Wald vor Wild" genauso unterstützen, wie die                                       größtmöglicher Gestaltungsspielraum bei der Beja- Waldbesitzer die Schwarzwildreduktion.                                              gung eingeräumt werden, resümiert Robold.      3
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- 6- Schwarzwildproblematik: Warum lösen wir sie nicht, obwohl wir es könnten? von Niels Hahn* Dauerthema Schwarzwild                                        Vor dem Hintergrund des auf die Schwarzwildpopu- lation wirkenden Faktorenkomplexes ist es zugege- Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Schwarz- bener Maßen nicht immer ganz einfach, der Vorgabe wildproblematik nicht in der lokalen oder gar des § 1 (2) Bundesjagdgesetz (BJagdG) gerecht zu überregionalen Presse thematisiert wird. Und das werden. Dennoch ist es im Rahmen der bestehenden seit Jahren! Dies hat nichts damit zu tun, dass Jour- gesetzlichen Vorschriften möglich, den Schwarzwild- nalisten „Sommerlöcher füllen" müssen, sondern ist bestand abzusenken, und dies trotz aller bekannten ein Spiegel dessen, was Landwirte, Jagdgenossen, Besonderheiten der Schwarzwildbiologie und der Jäger, Förster und auch der „normale" Bürger in sich ändernden Umweltbedingungen. Sicherlich unserer Kulturlandschaft draußen tagtäglich wahr- müssten auch derzeit gängige Managementmaß- nehmen. Das Schwarzwild ist nach wie vor auf dem              nahme auf den Prüfstand gestellt werden und parallel Vormarsch. Es besiedelt neue Lebensräume oder                 dazu sollten Alternativen auf ihrer Praxistauglichkeit erobert ehemals besiedelte zurück. Teils verursacht          getestet werden. es immense Schäden in den landwirtschaftlichen Kulturen. Beinahe alljährlich aufs Neue werden                Die entscheidende Ursache, warum es uns bislang „Rekordstrecken" erzielt. In einigen Bundesländern           nicht gelingt, den Schwarzwildbestand nachhaltig grassiert die Schweinepest und nicht nur in der              auf ein niedrigeres Popu lationsniveau einzuregu lie- Bundeshauptstadt Berlin hat das Schwarzwild die              ren, dürfte aber in der „menschlichen Dimension" Vorteile des städtischen Lebens erkannt.                     liegen. Diese lässt die Schwarzwildbewirtschaftung erst zur „Problematik" werden. Die Wahrnehmung der sog. Schwarzwildproblematik ist nicht nur zwi- „Rekordstrecken" und ihre verpuffende schen, sondern auch innerhalb der unterschiedlichen Wirkung Interessengruppen sehr ambivalent. Insbesondere Die Kontroversen zwischen den Interessengruppen,             sind die Zielvorstellungen uneinheitlich. Solange die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der          dies so ist, braucht man nicht über das Erreichen oder Bewirtschaftung des Schwarzwildes beschäftigen,              Verfehlen von Zielen zu urteilen. Insbesondere die werden immer deutlicher. Dies ist verwunderlich,             Interessengruppe der Landwirte bzw. die Jagdgenos- da doch vor allem die Jäger mit dem „Gewehr in der           sen und Eigenjagdbesitzern haben bei der Formulie- Hand" die Kontroversen durch eine Begrenzung der             rung der Ziele der Schwarzwildbewirtschaftung eine Schwarzwildpopulation im Sinne ihres gesetzlichen            verantwortungsvolle Aufgabe. Diese sollten sie aktiv Auftrages entschärfen könnten. Im Vergleich zu               in die Hand nehmen. Erst wenn die Interessengruppe anderen Schalenwildarten ist dafür schon jetzt der           der Grundeigentümer vor Ort einfordert, dass mehr rechtliche Spielraum weiter gefasst. So werden die           als der jährliche Zuwachs der Schwarzwildpopula- Jäger zum Beispiel nicht durch einen Abschussplan            tion geschossen wird, kann es zu einer Absenkung beim Schwarzwildabschuss eingeschränkt. Das Ziel             der Bestände kommen. Ansonsten bleibt alles beim der Schwarzwildbewirtschaftung ist in der Jagdge-            Alten: Insgesamt hohe Schwarzwildbestände mit setzgebung sehr eindeutig definiert: Die nachhaltige         mehr oder weniger starken Schwankungen zwischen „Einregulierung" des Schwarzwildes auf tragbare              einzelnen Jahren. Dichten, um so die Wildschadens- und Seuchen-                Ob die „Streckeneinbrüche" der letzten Jahre eine gefahr zu minimieren. Der Blick auf die Jagdstre-            tatsächliche Bestandessenkung belegen, ist fraglich. ckendaten zeigt allerdings, dass dieses Ziel auch in         Vermutlich ist es insbesondere die nachlassende Bayern bislang verfehlt wurde. Eine „Rekordstrecke"          Bejagungsintensität einer auf die Kirrjagd fokus- jagt die andere. Obwohl der „Indikator Jagdstrecke"          sierten Bewirtschaftungsform, die es vor allem in mit Fehlern behaftet ist, belegt er doch sehr deutlich,      Mastjahren nicht erlaubt, den Schwarzwildbestand dass die Bestände weiter angestiegen sind und sich           ausreichend zu steuern. Dass die Schwarzwildpopu- in den letzten Jahren auf einem unverändert hohen            lation innerhalb kurzer Zeit Rückgänge ausgleichen Niveau bewegen (siehe Seite 3). Von einer nachhal-           kann, belegen die Streckendaten der letzten Jahre tigen Absenkung sind wir weit entfernt!                      sehr eindrücklich. *Niels Hahn, Wildbiologe und Jäger, ist Lehrbeauftragter der FH Weihenstephan und leitet ein Büro für Wildtiermanagement (Wilcon - Wildlife Consulting). Hahn hat im Auftrag der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) das von der Obersten Jagdbehörde und dem Obersten Jagdbeirat initiierte und finanzierte Projekt „Evaluierung der Empfehlungen zur Reduzierung überhöhter Schwarz- wildbestände in Bayern" bearbeitet. Der Abschlussbericht ist im Internet zu finden unter www.lwf.bayern. de/wald-und-gesellschaft/forstpol iti k-wi ldtiermanagement-jagd/projekte/abgesch lossen/35107/i ndex.php
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7 Einschätzung des Schwarzwildbestandes durch Jäger, Forstleute und Landwirte im eigenen Revier/Forstbetrieb/Region "Wie schätzen Sie den ScImerzvvildbestand im Herbst 2007 in Ihrem Revier ein?" Nennungen (n) 32 40                                                                            r viel zu hoch 29 61 25 D hoch 30 63 0 genau richtig reguliert 20                                                  30 0 niedrig 10 0 viel zu niedrig 10 4      13       13 8                      7 2                                                  —2 00               0 kein dauerhaftes r-1               Vorkommen Jäger                 Förster              Landwirte Abb. 1: Einschätzung des Schwarzwildbestandes im Herbst 2007 durch Jäger, Forstleute und Landwirte in unterschiedlichen Regionen Bayerns (Zahlen über den Säulen Nennungen in %) Dieses Jahr deutet sich in Süddeutschland vielerorts          Gemeinsame Empfehlungen zur Schwarzwild- wieder eine üppige Baummast an. Man darf also                 reduktion weiterentwickeln und umsetzen gespannt sein, ob es den Jägern diesmal gelingt, den In Bayern muss man den wichtigen Interessen- Teufelskreis von geringen Strecken in Mastjahren und gruppen des Bayerischen Bauernverbandes, des sehr hohen Strecken in Mastfolgejahren bei wenig Landesjagdverbandes Bayern und Bayerischen oder gar keiner Mast zu durchbrechen. Skepsis ist Waldbesitzerverbandes anerkennend konstatieren, angebracht, denn die Bejagungsintensität müsste               dass sie sich schon im Jahr 2002 mit der Lösung gerade jetzt nochmals deutlich gesteigert werden.             der Schwarzwildproblennatik auseinandersetzten Die Jagdpolitik müsste hier flankierend unter-                und es damals unter Federführung des zuständigen stützen. Das Gegenteil ist häufig der Fall. Hierzu            Ministeriums geschafft hatten, sich auf „Gemeinsame ein Beispiel: Derzeit kann man das sich beinahe               Empfehlungen zur Reduzierung der Schwarzwild- alljährlich wiederholende „Schauspiel" verfolgen,             bestände (ERS)" zu einigen. Die ERS wurde im Jahr das mit der Veröffentlichung der Jagdstreckenda-              2004 in den Richtlinien für die Hege und Bejagung ten einhergeht. Da wird in den Pressemitteilungen             des Schalenwildes in Bayern verankert. Das Ziel die Metapher des „Ziehens an einem Strang" aufs               der Reduzierung der Schwarzwildbestände wurde Neue bemüht, obwohl die Lücke zwischen dem                    bislang allerdings nicht erreicht. Dies belegen die „Können" und „Wollen" nur allzu offensichtlich ist.           Streckendaten und die nach wie vor lokal prekäre Fällt die Schwarzwildstrecke höher aus als im Vor-            Wildschadenssituation. Im Rahmen einer Evaluie- jahr, weil die Rahmenbedingungen für die Bejagung             rung der ERS wurde versucht, die Gründe hierfür günstig waren oder aber tatsächlich die Jagdinten-            zu Tage zu fördern. Einige der Ergebnisse sollen sität gesteigert wurde, so lauten Pressemitteilungen          nachfolgend präsentiert werden. Sie zeigen Lösungs- meistens unisono: „Wir danken den Jägern, dass sie            ansätze und Möglichkeiten der Weiterentwicklung ihre Verantwortung sehr ernst genommen und das                der ERS auf. Schwarzwild verstärkt bejagt haben. Bitte lassen sie in Ihrem Engagement nicht nach."                              Wie viel Schwarzwild haben wir? So oder so ähnlich liest sich dies in den Pressemel-          Wenn die Reduktion der Schwarzwildbestände das dungen der allermeisten Bundesländer, die derzeit             erklärte gemeinsame Ziel der wichtigen Interessen- die Schwarzwildstrecken des vergangenen Jagdjahres            gruppen ist, stellt sich die Frage, ob die Ausgangssitu- bekannt geben. Wenn tatsächlich eine Reduktion                ation auch gleich eingeschätzt wird. Im Rahmen der der Schwarzwildbestände gewollt ist, müsste es                Evaluierung wurden u. a. Jäger, Forstleute und Land- aber stattdessen lauten: „Wir danken den Jägern und           wirte nach ihrer Einschätzung der Bestandessituation weisen darauf hin, dass Ihr Erfolg nur von geringer           gefragt (siehe Abb. 1). Im Herbst 2007 schätzten nur Halbwertszeit ist, wenn sie ihr Engagement jetzt nicht        27% der Jäger, immerhin 76 % der Forstleute und noch extrem steigern."                                        sogar 91 % der befragten Landwirte den Schwarz-
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