Entwicklungen der Impfungen in Schleswig-Holstein
14. Poliomyelitis Krankheit Poliomyelitis, Kinderlähmung Erreger Polioviren 1-3; aktuell nur noch Poliovirus Typ 1 endemisch in Afghanistan und Pakistan. Das Wildpoliovirus Typ 2 ist seit 1999 ausgerottet und Typ3 wurde seit mehreren Jahren nicht mehr nachgewiesen. Inkubationszeit 3-35 d Diagnostik RT-PCR; Neutralisationstest zum Nachweis schützender Antikörper Meldepflicht seit Einführung des IfSG (2001) namentliche, klinische und Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2001-2018 keine Meldung, auch nicht in Schleswig-Holstein Therapie symptomatisch Prophylaxe Hände- und Lebensmittelhygiene Impfstoff Inaktivierte Polioviren 1-3 (IPV) Impfindikationen Grundimmunisierung: 4 Dosen im Lebensmonat 2, 3, 4 und 11-14 meist zu- nächst als Sechsfach-Impfstoff (Diphtherie, Pertussis, Tetanus, Polio, Haemo- philus influenzae b, Hepatitis B). Standard- und Auffrischimpfung: Alle Personen bei fehlender oder unvollstän- diger Grundimmunisierung. Alle Personen ohne einmalige Auffrischimpfung. Auffrischimpfung nach 10 Jahren. Im Alter von 9-16 Jahren wird für Jugendliche eine Auffrischimpfung mit einem IPV-enthaltenden Impfstoff enthält, empfohlen. Eine mit OPV begonnene Grundimmunisierung wird mit IPV komplettiert. Erwachsene, die im Säuglings- und Kleinkindalter eine vollständige Grundim- munisierung und im Jugendalter oder später mindestens eine Auffrischimpfung erhalten haben oder die als Erwachsene grundimmunisiert wurden und eine Auffrischimpfung erhalten haben, gelten als vollständig immunisiert. Eine Impfung ist indiziert für Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko und für Aussiedler, Flüchtlinge und Asylsuchende, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, bei der Einreise aus Gebieten mit Infektionsrisiko. Berufliche Indikation: Personal der oben genannten Einrichtungen; medizini- sches Personal, das engen Kontakt zu Erkrankten haben kann; Personal in Laboren mit Infektionsrisiko. Impfquoten D 93,9%, SH 93,1% (Schuleingangsuntersuchung 2016) Bewertung Solange Poliovirus Typ 1 nicht ausgerottet ist, bleibt die Gefährdung auch in Europa bestehen. 14
15. Röteln Krankheit Röteln, Rubella; milde Symptomatik; seltene Röteln-Embryopathie Erreger Rötelnvirus, ein Togavirus Inkubationszeit 14-21 d Diagnostik Rötelnvirus IgM aus Serum, Bestätigung durch RNA-PCR im Referenzlabor Meldepflicht seit 2013 namentliche, klinische und Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2013-2018 insgesamt 184, in SH insgesamt 3 Meldungen; ein Fall konnataler Röteln in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2013 2013 2014 2015 2016 2017 2018 SH 4 3 2 2 0 2 D 58 40 21 30 19 16 Therapie symptomatisch Prophylaxe nur Impfung Impfstoff Trivalenter Lebendimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln. Die Impfung ge- gen Röteln soll mit einem MMR-Kombinationsimpfstoff durchgeführt werden, in der Regel bei 11-14 Monaten. Zweite Impfung nach ≥ 4 Wochen, spätestens Ende des 2. Lebensjahrs, damit frühestmöglicher Impfschutz erzielt wird. Die 1. MMR-Impfung bereits ab 9 Monaten erfolgen: bevorstehende Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung (z. B. Kita); nach Kontakt zu Masernkranken. Sofern die Erstimpfung im Alter von 9-10 Monaten erfolgte, muss die 2. MMR- Impfung bereits zu Beginn des 2. Lebensjahrs gegeben werden. Ein monova- lenter Röteln-Impfstoff ist in Deutschland nicht mehr erhältlich. Eine bereits bestehende Immunität gegen einen oder zwei der enthaltenen Er- reger des Impfstoffes stellt keine Kontraindikation für die Impfung dar. Ziel der Impfempfehlung ist in erster Linie die Verhinderung von Röteln-Embryopathien sowie die Elimination der Röteln in Deutschland. Impfindikationen Ungeimpfte Frauen oder Frauen mit unklarem Impfstatus im gebärfähigen Alter. Zweimalige Impfung mit einem MMR-Impfstoff. Einmal geimpfte Frauen im gebärfähigen Alter. Einmalige Impfung mit einem MMR-Impfstoff. Berufliche Indikation: ungeimpfte Personen oder Personen mit unklarem Impf- status in Einrichtungen der Pädiatrie, der Geburtshilfe und der Schwangeren- betreuung oder in Gemeinschaftseinrichtungen. Impfquoten D 96,8%/92,7%, SH 96,5%/93,7% (1./2. Dosis; Schuleingangsunters. 2016) Bewertung Die besonders hohen MMR-Impfquoten sind zur Elimination der Röteln essenziell. 15
16. Rotavirus-Enteritis Krankheit Rotavirus-Enteritis bei Säuglingen und Kleinkindern Erreger Rotavirus Inkubationszeit 1-3 d Diagnostik Antigennachweis aus Stuhl, ggf. auch RNA-PCR Meldepflicht seit Einführung des IfSG (2001) namentliche Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2001-2018 insgesamt 851.172, in SH insg. 19.971 Meldungen 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 SH 1.058 1.255 1.083 2.425 1.220 1.470 1.414 1.123 1.408 1.079 857 814 658 994 863 764 717 769 D 47.657 52.391 46.162 37.849 54.340 67.092 59.409 77.566 62.223 54.052 54.464 39.356 48.312 32.470 33.224 22.722 38.279 23.604 Therapie symptomatisch Prophylaxe Hände- und Lebensmittelhygiene Impfstoff Bei der Rotaviren-Impfung handelt es sich um eine Schluckimpfung mit einem oralen Lebendimpfstoff. Je nach verwendetem Impfstoff werden ab dem Alter ® ® von 6 Wochen 2 (Rotarix ) bzw. 3 Impfstoffdosen (RotaTeq ) in einem Mindest- abstand von 4 Wochen verabreicht. Ein möglicherweise geringfügig erhöhtes Risiko für Darminvaginationen besteht (ca. 1-2 Fälle pro 100.000 geimpfte Kin- der) innerhalb der 1. Woche nach der 1. Impfung, das mit dem Alter des zu impfenden Säuglings zunimmt. Daher soll die Impfserie frühzeitig, spätestens bis zum Alter von 12 Wochen ® begonnen und vorzugsweise bis zum Alter von 16 Wochen (Rotarix ) bzw. von ® 20-22 Wochen (RotaTeq ) abgeschlossen werden. Impfindikationen alle Säuglinge Impfquoten SH 15,7%, TH 48,0% (2 Impfdosen), Schuleingangsuntersuchungen 2016 Bewertung Die Impfquote bei den Säuglingen sollte gesteigert werden. 16
17. Tetanus Krankheit Tetanus, Wundstarrkrampf Erreger Clostridioides tetani (Clostridium tetani), Tetanus-Toxin Inkubationszeit 3 d bis 3 Wochen Diagnostik diagnostischer Tierversuch (Mäuse) Meldepflicht seit Einführung des IfSG (2001) namentliche Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2001-2018 insgesamt 3 Meldungen, nicht in Schleswig-Holstein 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 SH 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 D 0 0 1 0 0 1 0 0 0 1 0 0 0 0 0 0 0 0 Therapie Antitoxin Prophylaxe Wundhygiene und konsequente Simultanimpfung bei Verletzungen Impfstoff Tetanus-Toxoid, vor allem in Kombinationsimpfstoffen; monovalent als Teta- ® ® nol , passive Immunisierung durch Tetagam Impfindikationen Grundimmunisierung: 4 Dosen im Lebensmonat 2, 3, 4 und 11-14 meist zu- nächst als Sechsfach-Impfstoff (Diphtherie, Pertussis, Tetanus, Polio, Haemo- philus influenzae b, Hepatitis B). Standard- und Auffrischimpfung: Alle Personen bei fehlender oder unvollstän- diger Grundimmunisierung, wenn die letzte Impfung der Grundimmunisierung oder die letzte Auffrischimpfung > 10 Jahre zurückliegt. Erwachsene sollen die nächste fällige Tetanus-Impfung einmalig als Tdap-Kombinationsimpfung erhal- ten, bei entsprechender Indikation als Tdap-IPV-Kombinationsimpfung. Jede Auffrischimpfung mit Td (auch im Verletzungsfall) sollte Anlass sein, die Indika- tion für eine Pertussis-Impfung zu überprüfen und gegebenenfalls einen Kombi- nationsimpfstoff (Tdap) einzusetzen, z.B. Tdap-IPV. Eine begonnene Grund- immunisierung wird vervollständigt, Auffrischimpfungen in 10-jährigem Intervall. Impfquoten D 94,8%, SH 93,9% (Schuleingangsuntersuchung 2016) Bewertung Die sehr hohe Impfquote ist notwendig, Tetanus-Erkrankungen auszuschließen. 17
18. Tollwut Krankheit Tollwut, Rabies, Lyssa: Enzephalitis, immer tödlich Erreger Tollwut-Virus, Rabies-Virus Inkubationszeit 3-8 Wochen, abhängig vom axonalen Transport und der Distanz zum Gehirn Diagnostik im Konsiliarlabor im Universitätsklinikum Essen Meldepflicht seit Einführung des IfSG (2001) namentliche, klinische und Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2001-2018 insgesamt 5 Meldungen, nicht in Schleswig-Holstein 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 SH 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 D 0 0 0 1 3 0 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 Therapie Postexpositionsprophylaxe Prophylaxe Postexpositionsprophylaxe Impfstoff Die präexpositionelle Grundimmunisierung erfolgt je nach Hersteller durch eine ® 3-malige intramuskuläre Impfung nach dem Schema 0-7-21 d (Rabipur ) bzw. 0-7-28 d (Tollwut-Impfstoff HDC®). Für einen längerfristigen Impfschutz mit HDC® ist eine Impfung 1 Jahr nach der 1. Impfstoffdosis notwendig. Impfindikationen Berufliche Indikation: TierärztInnen, JägerInnen, Forstpersonal u.a. Personen mit Umgang mit Tieren in Gebieten mit neu aufgetretener Wildtiertollwut; Personen mit Kontakt zu Fledermäusen; Laborpersonal mit Expositionsrisiko gegenüber Tollwutviren. Reiseindikation: Reisende in Regionen mit hoher Tollwutgefährdung (z.B. durch streunende Hunde) Impfquoten keine Erfassung, selten Bewertung Deutschland gilt seit 2008 als frei von terrestrischer Tollwut. Deutschland zählt zu den Ländern mit den häufigsten Fledermaus-Tollwutfällen. Diese Viren kön- nen auch auf den Menschen übertragen werden. Außerdem stellt der illegale Import von Haustieren (Hunde und Katzen) aus Endemie-Gebieten weiterhin ein Risiko dar. 18
19. Typhus abdominalis Krankheit Typhus abdominalis Erreger Salmonella Typhi Inkubationszeit 8-14 (3-30) d Diagnostik Bakteriologische Kultur aus Stuhl oder ggf. Blutkultur Meldepflicht seit Einführung des IfSG (2001) namentliche, klinische und Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2001-2018 insgesamt 1.244, in SH insgesamt 35 Meldungen 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 SH 5 2 0 2 1 4 1 3 3 2 1 0 3 0 2 0 2 4 D 89 59 66 82 80 75 59 69 65 71 59 58 90 58 68 60 78 58 Therapie Ciprofloxacin (nur für Erwachsene) oder Ceftriaxon über 2 Wochen; ggf. auch Chloramphenicol, Cotrimoxazol, Amoxicillin Prophylaxe Hände- und Lebensmittelhygiene Impfstoff Oraler Lebendimpfstoff: dreimal als magensaftresistente Kapsel im 2-d-Ab- stand; gut verträglich, ca. 60% Schutz für mindestens ein Jahr. Auffrischimpfung nach drei Jahren. Parenteraler Impfstoff aus hochgereinigtem Vi-Antigen: gut verträglich, nach einmaliger Gabe ca. 60% geschützt für drei Jahre Impfindikationen Reiseindikation: bei Reisen in Endemiegebiete mit Aufenthalt unter schlechten hygienischen Bedingungen. Impfquoten keine Erfassung, selten Bewertung vor allem Reiseinfektion, mit geringem Risiko einer Epidemie für Schleswig-Hol- stein. 19
20. Windpocken und Zoster Krankheit Windpocken/Varizellen bei der Erstinfektion; Gürtelrose/Zoster bei der Reakti- vierung; postzosterische Neuralgie als Folgeerkrankung nach dem Zoster Erreger Varicella-Zoster-Virus, bei Windpocken aerogen übertragbar, hohe Kontagiosität, hohe Manifestationsrate Inkubationszeit 14-16 (8-21) d, nach passiver Immunisierung bis 28 d Diagnostik IgM-Antikörper, VZV-DNA-PCR Meldepflicht seit 2013 namentliche Labor-Meldepflicht Epidemiologie Deutschland 2003-2018 insgesamt 122.412, in SH insgesamt 3.224 Meldungen 2013 2014 2015 2016 2017 2018 SH 189 464 594 610 734 633 D 9.670 22.283 22.744 25.045 22.218 20.452 Therapie Aciclovir, Valaciclovir Prophylaxe postexpositionelle Varizellen-Impfung innerhalb von 5 d nach Exposition oder innerhalb von 3 d nach Beginn des Exanthems beim Indexfall Impfstoff Zweimalige Impfung: Die 1. Dosis der Impfung gegen Varizellen (V) wird in der Regel bei 11-14 Monaten verabreicht, entweder simultan mit der 1. MMR-Imp- fung oder frühestens 4 Wochen danach. Für die 1. Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps, Röteln sollte die simultane Gabe an verschiedenen Kör- perstellen bevorzugt werden. Die 2. Impfung gegen Varizellen sollte im Alter von 15-23 Monaten verabreicht werden und kann mit MMRV erfolgen. Bei allen ungeimpften Kindern und Jugendlichen ohne Varizellen-Anamnese sollte die Varizellen-Impfung mit 2 Impfstoffdosen nachgeholt werden. Der Mindestabstand zwischen den Varizellen- bzw. MMRV-Impfungen beträgt 4-6 Wochen. Kinder und Jugendliche, die bisher nur eine Varizellen-Impfung erhalten haben, sollen eine 2. Impfung bekommen. Impfindikationen Seronegative Frauen mit Kinderwunsch; seronegative PatientInnen vor geplan- ter immunsuppressiver Therapie oder Organtransplantation; empfängliche Per- sonen mit schwerer Neurodermitis Berufliche Indikation: Seronegatives Personal im Gesundheitsdienst sowie bei Neueinstellungen in Gemeinschaftseinrichtungen für das Vorschulalter. ® Der adjuvantierte Subunit-Totimpfstoff Shingrix ist seit März 2018 zur Verhin- derung des Zoster und der postzosterischen Neuralgie für Personen ab 50 Jah- ren zugelassen. Neu als Standardimpfung für Personen ab 60 und als Indika- tionsimpfung für Personen mit einer schweren Grundkrankheit ab 50 empfohlen. ® Der attenuierte Zoster-Lebendimpfstoff Zostavax ist seit 2006 ist zur Verhinde- rung eines Zoster oder einer postzosterischen Neuralgie für Personen ab 50 Jahren zugelassen und seit 2013 in Deutschland verfügbar, wird aber derzeit nicht als Standardimpfung empfohlen. Impfquoten D 87,8%/84,3%, SH 91,9%/89,0% (1./2. Dosis; Schuleingangsunters. 2016) Bewertung Die Windpocken sind eine hoch ansteckende und hoch relevante Infektions- krankheit. Impfquoten noch zu niedrig; dennoch stark rückläufige Erkrankungs- häufigkeit, die in den Meldezahlen aber noch nicht deutlich wird (Meldepflicht erst ab 2013). 20