Tätigkeit des Vermittlungsausschusses

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- 17 -                                     12.12.2003 Wt-Pa so, dass dann auch Geld an die Kommunen gegeben werden muss. Die Kommunen haben mehr Möglichkeiten, auf diesem Gebiet zu Regelungen zu kommen. Ich erinnere an das Kölner Modell, das Sie auch kennen müssten, Herr Steinbrück. Würde realisiert, was Sie vorhaben, könnte dieses Modell nicht mehr funktionieren. Derzeit funktioniert es jedoch gut, wie wir in der Anhörung des Bundestages gehört haben. Ich halte nicht viel von Experimentierklauseln. Im Bereich von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe gibt es seit Jahren das so schön benannte "MoZArT"-Programm. Damit haben wir genügend Erfahrungen gesammelt. Im Herzen bin ich, obwohl ich Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Arbeit bin, nach wie vor Sozialpolitiker. Parallel zu der neuen Eingliederung der Arbeitslosenhilfebezieher in den Kreis der Bezieher von Arbeitslosengeld II nehmen wir eine drastische Kürzung vor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir es vor uns selber verantworten können, dass wir diese Kürzungen in großem Umfang vornehmen, wenn wir nicht zugleich ein neues Instrument erfinden und einbauen, das den Menschen, die wir in Arbeit bringen wollen, auch neue Chancen gibt. Damit bin ich beim Thema "Niedriglohn". Ich halte es für dringend erforderlich, dies zu koppeln. Wenn man Arbeitslosengeld II in Richtung Sozialhilfe führt, muss man ein neues Modell haben, eine neue Aufwuchsbereitschaft für Stellen, an denen Arbeit entsteht. Dann sind Sie beim Niedriglohnbereich. Ich bin seit langen Jahren auf diesem Gebiet tätig, zunächst in der Kommune, jetzt beim Bund. Ich habe es mir abgeschminkt, dass man einen Großteil dieser Menschen zu normalen Konditionen mit Qualifizierung usw. weiterbringt. Wir müssen eine Lösung finden, wie wir sie unter Bedingungen in Arbeit bringen, die für die Unternehmen im Hinblick auf die Kosten tragfähig sind und einen Zuschuss der öffentlichen Hand beinhalten. Das wäre für alle Beteiligten befriedigender. Da dieser Bereich hier völlig fehlt, scheint mir für heute das Ende der Fahnenstange erreicht zu sein. Abg. Klaus Brandner: Wir sind in der Tat weitergekommen. Am Anfang standen zwei Modelle einander gegenüber, das EGG und unser Hartz IV-Entwurf. Herr Koch sagte damals, er erwarte eine entscheidende Mitwirkung. Heute geht er dahinter zurück und erklärt, es sei unverrückbar, dass die Kommunen das Sagen haben sollten, sofern sie es wollten. Wir haben uns in diesem Prozess wirklich aufeinander zu bewegt, solange sicher war, dass Doppelstrukturen bei Schnittstellen sowie Ver- schiebebahnhöfe ausgeschaltet bzw. minimiert werden sollen. Von diesem Effizienz- gewinn sollten beide Seiten materiell profitieren, der Bund ebenso wie die Kommunen und dadurch letztlich auch die Länder.
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- 22 -                                         12.12.2003 Wt-Pa - In der Automobilindustrie kennt man auch die Hochzeit. Irgendwann müssen die Beteiligten aus freiem Willen ohne Weisung von oben oder unten - von niemandem abhängig - sagen, ob sie springen oder nicht. Das sollte man dann auch wechselseitig akzeptieren, damit wir uns nicht die Wege für weiter gehende Kompromisse verbauen. Dies muss uns menschlich nicht auseinander führen. Es führt uns sowieso eher zusammen, wenn man hier länger zusammensitzt. MP Prof. Dr. Wolfgang Böhmer (ST): Da wir angesprochen worden sind, will ich darauf auch antworten. Es war nie unser Ziel, eine bedingungslose Kommunalisierung dieses Problems zu organisieren. Das würden die neuen Bundesländer weder verkraften noch würde es ihnen helfen. Wir haben immer gesagt, dass wir eine vernünftige Zusammenarbeit brauchen, aber keine Zusammenarbeit mit einer absolut zentralistisch organisierten Anstalt, die von Nürnberg aus dirigistisch gesteuert wird und in deren Verwaltungsräten die Vertreter der Kommunen letztlich nur ihr Einver- ständnis erklären oder es verweigern können. Deswegen brauchen wir hier Bewegung. Diese Bewegung haben Sie auf unserer Seite gesehen. Wir sind ja schon ein ganzes Stück weitergekommen. Mittlerweile reden wir schon über denkbare Varianten von Kombinationsmodellen der Zusammenarbeit. Hierzu haben sowohl Herr Koch als auch Herr Wulff Beweglichkeit signalisiert und Angebote gemacht, die für uns akzeptabel sind. Jetzt geht es darum, wer bei dieser Form der Zusammenarbeit letztlich den Hut aufhat. Aus unserer Sicht sollten es diejenigen sein, die die Verhältnisse vor Ort am besten kennen. Ich gebe gerne zu, dass mindestens drei Bürgermeister bei mir waren und sagten, wir sollten uns diesen Schwachsinn ja nicht aufschwatzen lassen, sie schafften es nicht. Aber genauso richtig ist, dass die Vertreter des Landkreistages bei mir waren und sagten, wir sollten davon ja nicht abweichen, weil es eine vernünftige Lösung sei. (Abg. Wilhelm Schmidt (Salzgitter): Weil sie nichts mehr zu tun haben!) - Das ist Ihre Sicht der Dinge; das sollten Sie besser nicht weitersagen, Herr Schmidt. (Abg. Wilhelm Schmidt (Salzgitter): Das habe ich beim Landkreistag auch gesagt! Da war er tief beeindruckt!) Aus unserer Sicht suchen wir jetzt eine Lösung, bei der die lokale Kompetenz über die Entscheidungsbefugnis verfügt und eine Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt anstrebt, die bei der Umsetzung, technischen Durchführung usw. ihre Servicefunktion durchaus nicht verlieren soll. Aber sie soll nicht als eine fast militärisch, zentralistisch organisierte Bundeseinheit tätig werden, sondern als eine Serviceeinrichtung, die
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- 23 -                                       12.12.2003 Wt-Pa selbstverständlich auch ein Mitspracherecht vor allen Dingen auf finanziellem Gebiet hat. Wir werden heute Nachmittag wieder in der Föderalismuskommission zusammen- sitzen. Der Satz, dass derjenige, der bezahlt, auch etwas zu sagen haben muss, gilt auch in diesem Zusammenhang. Das lehnen wir doch gar nicht ab. Deswegen sind wir dafür, Kombinationsmodelle für eine Zusammenarbeit zu suchen, die nicht zu einer Überforderung der anderen Seite, also der Bundesanstalt, die die Finanzierung mit sicherstellen muss, führen. Aber für uns ist wichtig - dies ist jetzt mindestens dreimal gesagt worden; ich wiederhole es nur der guten Ordnung halber -, dass die Entscheidungskompetenz vor Ort angesiedelt ist. Wenn wir das nicht hinbekommen, dann organisieren wir nur unterschiedliche Varianten einer zentralistischen Umsetzungsstrategie. Genau das wollen wir nicht. Abg. Ludwig Stiegler: Herr Professor Böhmer, die neue Bundesanstalt ist so strukturiert, dass die wesentlichen Entscheidungen vor Ort fallen. Zwar kann und muss die Zentrale über Zielvereinbarungen Vorgaben machen; aber wenn Sie gegenüber dem Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit und dem Parlament für die Verwendung der Haushaltsmittel verantwortlich wären, würden Sie sich auch eine Steuerungsfähigkeit erbitten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie es zuließen, dass Ihnen jeder in die Kasse greifen kann, und zu Herrn Eichel gingen, um das Geld einzuwerben. Darin sind wir uns sicherlich einig. (MP Roland Koch (HE): Das hat nie jemand vorgetragen! - MP Prof. Dr. Wolfgang Böhmer (ST): Das sehen Sie richtig; das hat aber niemand von uns behauptet!) - Ja gut, aber das ursprüngliche Modell hieß, die Bundesanstalt solle mit den Kommunen zusammenarbeiten. Das jetzige Modell ist ein Jointventure auf Fifty-fifty- Basis und verurteilt die Bundesanstalt zur Zusammenarbeit. Wir wären gern dazu bereit gewesen, wenn derjenige, der die Masse des Geldes aufzubringen und die überwiegende politischen Verantwortung zu tragen hat, einen Punkt mehr hätte. Dann sind wir auf Herrn Koch zugegangen und haben erklärt, wenn es schon nicht Mehrheits- und Minderheitsgesellschafter geben solle, so zumindest zwei Gesell- schafter. Es gibt genügend GmbHs in Deutschland, die bei zwei Gesellschaftern mit gleichen Anteilen funktionieren. (S Dr. Wolfgang Peiner (HH): Wenig erreichen!) - Nein, das kann man weiß Gott nicht sagen. Es gibt natürlich wie immer im Leben auch Ausnahmen von der Regel.
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- 24 -                                       12.12.2003 Wt-Pa Vor diesem Hintergrund muss, was die Gesamtverantwortung angeht, der Bund den Hut aufhaben. Sie müssen uns nun wirklich sagen - ich habe keine Lust, mich unnötig intern herumzuquälen -, ob Sie bereit sind, sich mit uns zusammen noch einmal Gedanken zu machen, wie hinsichtlich der Finanzen die Linie von Herrn Milbradt und hinsichtlich irgendwelcher Fenster für kommunale Möglichkeiten - ich formuliere es jetzt einmal hoch abstrakt - die Linie von Herrn Koch zu verfolgen sind. Wenn nicht, dann sollten Sie uns schonen und die Verantwortung für das Scheitern von Hartz IV übernehmen. Dann würden wir es der erstaunten Öffentlichkeit auch so verkünden. Ich bin von Haus aus ein fauler Hund und habe keine Lust, mich jetzt für Detailregelungen abzuquälen, wenn Sie von vornherein festgelegt sind. Hier klingt Herr Kauder viel harscher als Herr Koch. Das hat mich überrascht. (MP Roland Koch (HE): Ich bin eben mehr kompromissorientiert als Herr Kauder! - Vereinzelt Lachen) - Er ist aber Ihr Wilhelm Schmidt. Wenn er es viel harscher formuliert, dann muss ich es als ein Signal nehmen, dass Sie die Sache drangegeben haben. Hier bitte ich einfach noch einmal um eine Botschaft; denn es ist unmöglich, dass wir das alles am Sonntag klären. Dann kann man vielleicht innerhalb der vorgesehenen Parameter noch an Schräubchen drehen; das wird in der Finalrunde sicherlich wie immer versucht werden. Aber im Grunde müsste das Gerüst stehen und unter Vorbehalt beschlossen sein, damit wir überhaupt motiviert sind, daran weiterzuarbeiten. Anderenfalls würde ich meine Energie darauf verwenden, Sie in der Öffentlichkeit schlecht zu machen und zu sagen, dass Sie dafür verantwortlich sind, dass das Gesetz an die Wand gefahren wurde. Aber ich würde meine Energie lieber auf eine Lösungssuche verwenden. Vors. Bgm Dr. Henning Scherf (HB): Wir haben jetzt noch eine Stunde Zeit; möglicherweise müssen wir in dieser Stunde eine Unterbrechung einplanen, in der wir intern beraten, ob ein Kompromiss denkbar ist. Daher bitte ich die drei Kollegen, die sich jetzt gemeldet haben, Peter Müller, Roland Koch und Volker Kauder, sich darauf zu konzentrieren. MP Peter Müller (SL): Wir sind in der Debatte darüber, wer den Hut aufhaben soll, von folgenden Positionen aus gestartet: Sie haben gesagt, die Bundesanstalt und sonst niemand, und wir haben gesagt, die Kommunen und sonst niemand. Von diesen Positionen haben sich beide Seiten mittlerweile entfernt, wenn ich es richtig sehe: wir, indem wir sagen, die Kommunen sollten die Möglichkeit haben, den Hut, den sie aufhaben, der Bundesanstalt aufzusetzen; Sie, indem Sie sagen, es gebe zwar einen
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