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Ministerium für Schule und Bildung NRW D GK HT 2 Seite 5 von 10 Teilaufgabe 2 Anforderungen Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 verfasst eine aufgabenbezogene Überleitung, etwa mit Verweis auf die thematische Nähe beider Erzählungen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der in beiden Erzählungen dargestellten Liebesbeziehungen oder das weitere methodische Vorgehen. 3 2 gibt knapp den Inhalt der Erzählung „Sommerhaus, später“ wieder, etwa: • Anruf des Taxifahrers Stein zu Beginn der Erzählung: Aufforderung der namen- losen Ich-Erzählerin, das von ihm erworbene Landhaus gemeinsam zu besichtigen, • gemeinsame Autofahrt der Ich-Erzählerin und Steins von Berlin nach Canitz, an- schließend Besichtigung des Hauses, • Erinnerungen der Ich-Erzählerin während der gemeinsamen Autofahrt, • Ereignisse im Anschluss an die Besichtigung des Hauses, u. a. Renovierung des Landhauses und Mitteilungen über den aktuellen Stand der Renovierung durch Stein, • Erhalt von Postkarten von Stein mit der implizit bleibenden Aufforderung, in das Haus zu ziehen, • Erhalt eines Briefes von Stein mit Zeitungsartikel über den Brand des Landhauses und Steins Verschwinden, beiläufiges Verstauen des Briefes in einer Schreibtisch- schublade. 4 3 stellt dar, wie sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren der Erzählung „Sommer- haus, später“ entwickelt, etwa: • erste Begegnung, im Anschluss lose, unverbindliche Beziehung, • dreiwöchiges Zusammenleben in der Wohnung der Ich-Erzählerin, • gemeinsame Zeit mit Freunden der Künstler-Gruppe, • vergebliches Bemühen des sozial ortlosen Stein, Teil der Gruppe zu werden, Ich- Erzählerin als festes Mitglied der Gruppe, • Versuch Steins einer Stabilisierung der Beziehung durch Hauskauf (u. a.), • Wunsch Steins, gemeinsam mit der Ich-Erzählerin das zukünftige Leben im Land- haus zu verbringen, Fehlen einer expliziten Aufforderung, • Distanz der Ich-Erzählerin, z. T. Ablehnung, fehlendes Interesse an einer festen Beziehung; Warten auf Aufforderung, gemeinsam im Landhaus zu wohnen, • regelmäßiges Informieren der Ich-Erzählerin durch Stein über den aktuellen Stand der Renovierung des Landhauses über Postkarten, keine Antworten der Ich-Erzäh- lerin auf Postkarten, • Einsicht Steins in die Passivität der Ich-Erzählerin und Aufgabe seines Wunsches, ein gemeinsames Leben mit ihr zu führen, • Scheitern der Beziehung nach Beendigung durch enttäuschten, resignierten Stein (Brand des Hauses, Verschwinden), gleichgültige Reaktion der Ich-Erzählerin. 7 Angestrebt ist hier keine vollständige Darstellung der beispielhaft genannten Aspekte, sondern eine differenzierte Schwerpunktsetzung durch den Prüfling, die allerdings mehrere Gesichtspunkte aufgreift. Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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Ministerium für Schule und Bildung NRW D GK HT 2 Seite 6 von 10 4 vergleicht die beiden Erzählungen hinsichtlich der jeweils dargestellten Beziehungen und der ihnen zugrunde liegenden Erwartungen der jeweiligen Figuren, etwa: • Gemeinsamkeiten – geringes Maß an Liebe, – Desillusionierung durch Scheitern einer (Liebes-)Beziehung, – Scheitern der (Liebes-)Beziehung aufgrund fehlender Gefühle und unterschied- licher Erwartungen der Beteiligten, – Scheitern der (Liebes-)Beziehung durch bewusstes Beenden der/des von der Beziehung Enttäuschten im Rahmen einer Emanzipation, – Darstellung einer (Liebes-)Beziehung im Sinne einer Episode ohne Dauer, – Bedeutung des Gegensatzes von Stadt einerseits und Land (im Sinne eines sozialen Rückzugsraums) andererseits, – keine (ernsthaften) Versuche, die beendete (Liebes-)Beziehung zu retten. • Unterschiede – Scheitern der Beziehung als Folge einer auf körperliches Begehren und Besitz- anspruch reduzierten „Liebe“ (von Horváth) vs. Scheitern der Beziehung als Folge fehlender Erwartungen an die Beziehung und eines unverbindlichen Nicht-Festlegen-Wollens (Hermann), – Bedürfnis nach einer seelischen Bindung einerseits und körperliches Begehren andererseits als sich widersprechende Erwartungen an die Beziehung (von Horváth) vs. Erwartungen einerseits und fehlende Erwartungen andererseits als sich widersprechende „Erwartungen“ an die Beziehung (Hermann), – offenes, direktes Beenden der Beziehung durch eine selbstbewusste Frau (von Horváth) vs. beiläufiges, indirektes Beenden der Beziehung durch einen resig- nierten Mann (Hermann), – Liebe im Augenblick der Trennung, inklusive eines emphatischen Bekenntnis- ses zum Liebesaugenblick (von Horváth) vs. fehlende Liebe im Augenblick der Trennung (Hermann), – Verklärung des Augenblicks im Moment des Scheiterns (von Horváth) vs. durchgehend realistische, nüchterne Einschätzung der Beziehung (Hermann), – (kurzer) Versuch des Ich-Erzählers, die Frau zurückzugewinnen, als Reaktion auf das Ende der Beziehung (von Horváth) vs. unschlüssige, z. T. gleichgültige Reaktion der Ich-Erzählerin auf das Ende der Beziehung (Hermann). 9 Abhängig von den unterrichtlichen Voraussetzungen können hier verschiedene, ggf. auch weitere Aspekte dargestellt werden. Für die volle Punktzahl müssen nicht alle erwähnten Aspekte dargestellt werden. 5 vergleicht die beiden Erzählungen im Hinblick auf die erzählerische Gestaltung der Beziehungen, etwa: • Gemeinsamkeiten – Verarbeitung einer (Liebes-)Beziehung aus der Erinnerung heraus in Form von Analepsen, – fragmentarisches, bruchstückhaftes Erzählen durch Unterbrechungen, – Erzählen des Geschehens aus einer subjektiven, beschränkten Ich-Perspektive heraus, – Zweiteiligkeit der Erzählung: Erzähler-Gegenwart und Erinnerung des Erzäh- lers an Liebesepisode, – Wechsel der Erzählhaltungen zwischen Distanz und Nähe, – direkte Rede zur Darstellung von Gedanken und Gefühlen der jeweiligen Figu- ren, – (vom Leser zu füllende) Leerstellen im Sinne inhaltlicher Unbestimmtheit, auch (und v. a.) als Folge der Darstellung der Partnerin / des Partners aus der (beschränkten) Perspektive des Ich-Erzählers / der Ich-Erzählerin, – das Geschehen kommentierende Reflexionen des Erzählers, – distanzierte, gleichgültige, z. T. überhebliche Haltung des Erzählers gegenüber der jeweils anderen Figur. Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch! 8
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Ministerium für Schule und Bildung NRW D GK HT 2 Seite 7 von 10 • Unterschiede – Unterbrechung des Erzählvorgangs durch provozierende Leseranrede (von Horváth) vs. Erzählvorgang ohne Unterbrechung durch Leseranrede (Hermann), – Spiel mit Lesererwartungen an eine Liebesgeschichte (von Horváth) vs. nur in Ansätzen Spiel mit Lesererwartungen (Hermann), – poetische Überhöhung einer nicht zustande gekommenen emotionalen (Liebes-) Beziehung (von Horváth) vs. durchgängig nüchterne Darstellung der (Liebes-) Beziehung (Hermann). Abhängig von den unterrichtlichen Voraussetzungen können hier verschiedene, ggf. auch weitere Aspekte dargestellt werden. Für die volle Punktzahl müssen nicht alle erwähnten Aspekte dargestellt werden. 6 formuliert abwägend eine reflektierte Schlussfolgerung, etwa mit Bezug auf: • die Unterschiede beider Erzählungen trotz ihrer großen thematischen Nähe (Schei- tern einer Liebesbeziehung aufgrund unterschiedlicher Erwartungen), • die Gemeinsamkeiten beider Erzählungen in inhaltlicher und formaler Hinsicht trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungszeiten. 7 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (6) 3 b) Darstellungsleistung Anforderungen Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 strukturiert seinen Text kohärent, schlüssig, stringent und gedanklich klar: • angemessene Gewichtung der Teilaufgaben in der Durchführung, • gegliederte und angemessen gewichtete Anlage der Arbeit, • schlüssige Verbindung der einzelnen Arbeitsschritte, • schlüssige gedankliche Verknüpfung von Sätzen. 6 2 formuliert unter Beachtung der fachsprachlichen und fachmethodischen Anforde- rungen: • Trennung von Handlungs- und Metaebene, • begründeter Bezug von beschreibenden, deutenden und wertenden Aussagen, • Verwendung von Fachtermini in sinnvollem Zusammenhang, • Beachtung der Tempora, • korrekte Redewiedergabe (Modalität). 6 3 belegt Aussagen durch angemessenes und korrektes Zitieren: • sinnvoller Gebrauch von vollständigen oder gekürzten Zitaten in begründender Funktion. 3 4 drückt sich allgemeinsprachlich präzise, stilistisch sicher und begrifflich differen- ziert aus: • sachlich-distanzierte Schreibweise, • Schriftsprachlichkeit, • begrifflich abstrakte Ausdrucksfähigkeit. 5 5 formuliert lexikalisch und syntaktisch sicher, variabel und komplex (und zugleich klar). 5 6 schreibt sprachlich richtig. 3 Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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D GK HT 2 Ministerium für Schule und Bildung NRW Seite 8 von 10 7. Bewertungsbogen zur Prüfungsarbeit Name des Prüflings: ____________________________________ Kursbezeichnung: ____________ Schule: _____________________________________________ Teilaufgabe 1 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 verfasst eine aufgabenbezogene … 3 2 gibt den Inhalt … 6 3 erläutert die Beziehung … 9 4 untersucht erzählerische Gestaltungsmittel … 8 5 untersucht sprachliche Gestaltungsmittel … 8 6 formuliert eine reflektierte … 4 7 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (4) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 1. Teilaufgabe EK 2 ZK DK 38 Teilaufgabe 2 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling 2 maximal erreichbare Punktzahl 1 verfasst eine aufgabenbezogene … 3 2 gibt knapp den … 4 3 stellt dar, wie … 7 4 vergleicht die beiden … 9 5 vergleicht die beiden … 8 6 formuliert abwägend eine … 3 7 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (6) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 2. Teilaufgabe 34 Summe der 1. und 2. Teilaufgabe 72 EK = Erstkorrektur; ZK = Zweitkorrektur; DK = Drittkorrektur Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch! EK ZK DK
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D GK HT 2 Ministerium für Schule und Bildung NRW Seite 9 von 10 Darstellungsleistung Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 strukturiert seinen Text … 6 2 formuliert unter Beachtung … 6 3 belegt Aussagen durch … 3 4 drückt sich allgemeinsprachlich … 5 5 formuliert lexikalisch und … 5 6 schreibt sprachlich richtig. 3 Summe Darstellungsleistung 28 Summe insgesamt (inhaltliche und Darstellungsleistung) 100 EK ZK DK aus der Punktsumme resultierende Note gemäß nach- folgender Tabelle Note ggf. unter Absenkung um bis zu zwei Notenpunkte gemäß § 13 Abs. 2 APO-GOSt Paraphe Berechnung der Endnote nach Anlage 4 der Abiturverfügung auf der Grundlage von § 34 APO-GOSt Die Klausur wird abschließend mit der Note ________________________ (____ Punkte) bewertet. Unterschrift, Datum: Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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D GK HT 2 Ministerium für Schule und Bildung NRW Seite 10 von 10 Grundsätze für die Bewertung (Notenfindung) Für die Zuordnung der Notenstufen zu den Punktzahlen ist folgende Tabelle zu verwenden: Note Punkte Erreichte Punktzahl sehr gut plus 15 100 – 95 sehr gut 14 94 – 90 sehr gut minus 13 89 – 85 gut plus 12 84 – 80 gut 11 79 – 75 gut minus 10 74 – 70 befriedigend plus 9 69 – 65 befriedigend 8 64 – 60 befriedigend minus 7 59 – 55 ausreichend plus 6 54 – 50 ausreichend 5 49 – 45 ausreichend minus 4 44 – 40 mangelhaft plus 3 39 – 33 mangelhaft 2 32 – 27 mangelhaft minus 1 26 – 20 ungenügend 0 19 – 0 Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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D GK HT 3 Seite 1 von 3 Name: _______________________ Abiturprüfung 2019 Deutsch, Grundkurs Aufgabenstellung: 1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus dem Kapitel „Gretchens Katastrophe: Die abschließende Szenensequenz“ von Jochen Schmidt. Berücksichtigen Sie insbesondere seine Deutung der Gretchen-Figur in der „Kerker“-Szene. Zeigen Sie auf, wie der Litera- turwissenschaftler seine Deutung argumentativ und sprachlich entwickelt. (40 Punkte) 2. Über Gretchens Kindestötung schreibt Jochen Schmidt, dass diese „Tat eigentlich gar nicht die ihre, sondern letztlich die der Gesellschaft ist“ (Z. 52). Stellen Sie anhand ausgewähl- ter Szenen dar, welche gesellschaftlichen Einflüsse zu ihrer Tat beitragen. Erläutern Sie anschließend die Bedeutung der Figuren Faust und Mephisto für Gretchens Handeln. Nehmen Sie abschließend Stellung zu Schmidts oben zitierter Aussage. (32 Punkte) Materialgrundlage: • Jochen Schmidt: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung. 3. Auflage. München: C. H. Beck 2011, S. 206 – 208 Zugelassene Hilfsmittel: • Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung • Unkommentierte Ausgabe von Goethes „Faust I“ (liegt im Prüfungsraum zur Einsichtnahme vor) Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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D GK HT 3 Seite 2 von 3 Name: _______________________ Jochen Schmidt (*1938, dt. Literaturwissenschaftler) Gretchens Katastrophe: Die abschließende Szenensequenz (Textauszug) 1 5 10 15 20 25 30 Für die Dramatiker des Sturm und Drang war […] Shakespeare das große Paradigma . Seit Lessing im 17. Literaturbrief (1759) Shakespeare als ein Genie dargestellt hatte, dessen naturhafte Art den Deutschen Vorbild sein solle, hatte sich diese Paradigmatisierung in einer ganzen Reihe von literarischen Huldigungen und Abhandlungen über Shakespeare fortgesetzt. […] [I]n der Schlußszene erscheint Gretchen als halb wahnsinnig, wie Ophelia in Shakespeares Hamlet. Nicht nur vor der Hinrichtung steht Gretchen, sondern überhaupt an einer äußersten Grenze des Menschseins, wo ihre Existenz zerbricht in Qual und Angst. Sie fühlt sich zer- rissen zwischen der Erinnerung an das einst erlebte Glück der Liebe und der jetzt im Miß- trauen sich offenbarenden Entfremdung vom Geliebten. Zerrissen zeigt sie sich auch von dem Entsetzen über die von ihr selbst begangene Tat und dem halluzinatorischen Wunsch, das Kind noch aus dem Teich zu retten, in dem sie es doch schon längst ertränkt hat. Vielfältige Reflexe des früheren Geschehens durchwirken Gretchens Reden in der letzten Szene: Die Erinnerung an das mit Faust erfahrene Liebesglück und ihre Verlassenheit, an die Kindestötung und das Unglück, in das sie geraten ist. All dies geistert durch ihren halbirren Dialog mit Faust. Auch strukturell und atmosphärisch wirkt das Frühere in dieser Szene nach. Wie Gretchen, das Mädchen aus dem Volk, schon früher die volksliedhafte Ballade vom König 2 in Thule gesungen hat, so singt sie zu Beginn der Schlußszene das Lied vom Machandelbaum aus dem Volksmärchen. Während das frühere Lied von dem ihr noch unbewußten Wunsch nach unbedingter Liebe und Treue erfüllt war, ist nun dieses Lied ganz vom Entsetzen über die Kindestötung bestimmt. Auch in der Konstellation Faust-Gretchen zeichnet sich eine charakteristische Kontinuität und zugleich eine Wandlung ab. Früher war Faust als der Unru- hige, Unbehauste in Gretchens kleine Welt eingebrochen. Nun braust er mit Mephisto auf schwarzen Pferden daher, um Gretchen zu befreien. Ihre kleine Welt hat sich von der häus- lich-beschränkten Idylle furchtbar in die Enge des Kerkers verwandelt, in dem sie auf die Hin- richtung wartet. Und wie Faust früher sie verließ, so muß er sie nun verlassen. So bringt die Schlußszene die tragische Handlung nicht bloß zu Ende. Sie verdichtet noch einmal das ganze Geschehen. Das erste, was Faust von Gretchen hört, noch bevor er die eiserne Kerkertür aufgeschlossen hat und sie sieht, ist das Lied aus dem Märchen vom Machandelbaum, das ebenfalls von einer Kindestötung handelt. Die Stimme, die Faust hört, wird in der Regieanweisung schon ent- personalisiert: „Es singt inwendig“ (Regieanweisung vor V. 4412). Gretchen singt das Lied, indem sie die Rolle des von ihr getöteten Kindes übernimmt: „Meine Mutter, die Hur’, / Die 1 2 Paradigma: hier im Sinne von Vorbild, Beispiel Lied vom Machandelbaum: ein deutsches Märchen, das auch in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm 1812 veröffentlicht worden ist. Sowohl Goethe als auch die Brüder Grimm greifen auf einen Märchenstoff zurück, der aber wesentlich älter ist; beim Machandelbaum handelt es sich um einen Wacholder. Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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D GK HT 3 Seite 3 von 3 Name: _______________________ 35 mich umgebracht hat!“ (V. 4412 f.). Es kann keinen stärkeren Ausdruck für Gretchens mütter- liche Liebe zu dem von ihr getöteten Kind geben als diesen Übergang der eigenen Identität auf die des Kindes. Sie hat sich gleichsam an das Kind verloren. Goethe tat alles, um Gretchen 3 menschlich nicht nur von jedem Makel freizuhalten, sondern sogar in einer elementaren Müt- terlichkeit zu zeigen. Darauf weisen auch ihre späteren Worte zu Faust (V. 4443 – 4446): Laß mich nur erst das Kind noch tränken. Ich herzt’ es diese ganze Nacht; Sie nahmen mir’s, um mich zu kränken, Und sagen nun, ich hätt’ es umgebracht. 40 45 50 55 Auch hier redet sie nicht einfach irre. Vielmehr kommt im Irrereden ihr tiefstes Gefühl zum Vorschein: Sie möchte dem Kind ihre ganze Liebe zuwenden, und dieser Wunsch gewinnt bis zu dem Grad Macht über sie, daß sie ihn mit der Wirklichkeit verwechselt, ja gegen die Wirklichkeit setzt. Wie in dem anfänglichen Lied vom Machandelbaum inszeniert Goethe also den Wahnsinn nicht etwa nur, um Gretchen in einer durch die Schrecken der begangenen Tat und der bevorstehenden Hinrichtung bedingten Geistesverwirrung zu zeigen, sondern auch, um im Wahnsinn die Wahrheit ihres Wesens zum Vorschein zu bringen. Diese Wahr- heit ist eine ganz andere als der äußere Tatbefund der Kindestötung, um derentwillen sie hin- gerichtet wird. Die ungeheuren Verse, die sie im Wahnsinn spricht: „Sie nahmen mir’s, um mich zu kränken, / Und sagen nun, ich hätt’ es umgebracht“ drücken die volle Wahrheit aus: daß die Tat eigentlich gar nicht die ihre, sondern letztlich die der Gesellschaft ist. Nicht allein der Wahnsinn Gretchens stimmt also zu der Vorliebe Shakespeares für Auftritte von Wahn- sinnigen. Aufgenommen hat Goethe auch die tiefere Absicht, die Shakespeare mit diesem Verfahren verbindet: Wahnsinnige und Narren die Wahrheit aussprechen zu lassen in einer verkehrten oder aus den Fugen geratenen Welt. […] 3 Makel: hier im Sinne von Schandmal oder Schandfleck Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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Ministerium für Schule und Bildung NRW D GK HT 3 Seite 1 von 9 Unterlagen für die Lehrkraft Abiturprüfung 2019 Deutsch, Grundkurs 1. Aufgabenart Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag 2. 1 Aufgabenstellung 1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus dem Kapitel „Gretchens Katastrophe: Die abschließende Szenensequenz“ von Jochen Schmidt. Berücksichtigen Sie insbesondere seine Deutung der Gretchen-Figur in der „Kerker“-Szene. Zeigen Sie auf, wie der Litera- turwissenschaftler seine Deutung argumentativ und sprachlich entwickelt. (40 Punkte) 2. Über Gretchens Kindestötung schreibt Jochen Schmidt, dass diese „Tat eigentlich gar nicht die ihre, sondern letztlich die der Gesellschaft ist“ (Z. 52). Stellen Sie anhand ausgewähl- ter Szenen dar, welche gesellschaftlichen Einflüsse zu ihrer Tat beitragen. Erläutern Sie anschließend die Bedeutung der Figuren Faust und Mephisto für Gretchens Handeln. Nehmen Sie abschließend Stellung zu Schmidts oben zitierter Aussage. (32 Punkte) 3. Materialgrundlage • Jochen Schmidt: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung. 3. Auflage. München: C. H. Beck 2011, S. 206 – 208 4. Bezüge zum Kernlehrplan und zu den Vorgaben 2019 Die Aufgaben weisen vielfältige Bezüge zu den Kompetenzerwartungen und Inhaltsfeldern des Kernlehrplans bzw. zu den in den Vorgaben ausgewiesenen Fokussierungen auf. Im Folgenden wird auf Bezüge von zentraler Bedeutung hingewiesen. 1. Inhaltsfelder und inhaltliche Schwerpunkte Inhaltsfeld Texte • strukturell unterschiedliche Dramen aus unterschiedlichen historischen Kontexten – J. W. v. Goethe: Faust I • komplexe Sachtexte 2. Medien/Materialien • entfällt 1 Die Aufgabenstellung deckt inhaltlich alle drei Anforderungsbereiche ab. Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
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