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Ministerium für Schule und Bildung NRW D LK HT 2 Seite 3 von 9 5 untersucht bildliche Gestaltungsmittel unter Berücksichtigung ihrer Funktion, etwa: • dämonisierende, teils grotesk verfremdende Personifizierung des Mondes zur Er- zeugung einer beklemmenden Realität und zur Intensivierung des Gefühls des Aus- geliefertseins, • Metaphern („Gaslaternen“ als „[g]efangne Fliegen“, Mond als „Nebelspinne“) und Vergleiche („Elendsaugen [w]ie Spieße“, „schwinden hin wie Hauch“) etwa zur gezielten Verfremdung und Deformation einzelner Elemente sowie zur Inten- sivierung von Wahrnehmungen, • bildliche Wendungen zur Vermittlung des Eindrucks des Diffusen, Ungreifbaren, Aufgelösten, Gestaltlosen; Kennzeichnung der Welt als undurchschaubar, bedroh- lich oder auch lebensfeindlich. 4 6 untersucht syntaktische Gestaltungsmittel unter Berücksichtigung ihrer Funktion, etwa: • Inversion („Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen“) bzw. Mehrdeutigkeit des Sat- zes etwa zur Betonung einer Wahrnehmungsverunsicherung oder von Ohnmachts- gefühlen, • überwiegender Zeilenstil bzw. parataktische Reihung von Einzelwahrnehmungen – als möglicher Ausdruck einer assoziativen und fragmentarischen Wahrnehmung der Außenwelt und zur Verstärkung des Eindrucks von Orientierungslosigkeit ange- sichts der Abkehr von einer konventionellen Raum- und Naturwahrnehmung. 3 7 untersucht die Wortwahl unter Berücksichtigung ihrer Funktion, etwa: • Nebeneinander der diffusen Andeutung von negativen Emotionen wie Angst und Bedrohung durch entsprechende Signalwörter (Adjektive und Partizipien) und posi- tiven Momenten („weich“, „schweben“, „Pracht“) zum Ausdruck einer insgesamt eher bedrückenden, amorphen Wirklichkeit, die ihre klaren Konturen verloren hat, • metaphorische Verwendung von aggressiv anmutenden Verben der Bewegung aus dem Bereich des Militärischen und ungewöhnliche Wendung etwa als Verweis auf den hilflos, gleichsam blind umherirrenden Menschen im Nebel („zerschreiten“, „stechen […] die weißen Elendsaugen“), • auffällige Verwendung des Personalpronomens „wir“ sowie des verstärkenden „aber“ (V. 9) zur Akzentuierung der verallgemeinerten Reflexionen des lyrischen Ichs, • Verwendung von Nebel als Subjekt weicher Weltzerstörung (1. Strophe) sowie als Teil des Bedeutungsspenders in der metaphorischen Bezeichnung des Mondes als „Nebelspinne“ (2. Strophe) – etwa zur Unterstreichung allgemeiner Desorientie- rung und Wahrnehmungsverunsicherung, • Neologismus „Elendsaugen“ zur Verdeutlichung von Trostlosigkeit und Selbstver- lust und als Metapher für Hilflosigkeit des Menschen; Entsprechung von Natur- erscheinung „undurchdringlicher Nebel“ und menschlichem Zustand, • teils deutungsoffene, unbestimmte Begriffe und Wendungen zur Auflösung einer konventionellen Wirklichkeitswahrnehmung („Schatten“, „[b]rennende Biester“), • auffällige lautliche Gestaltung (z. B. Alliterationen, Zischlaute) etwa zur akusti- schen Verdichtung der Bilder und zur spannungsvollen atmosphärischen Schilde- rung einer düster-bedrückenden Erfahrung. 6 Angestrebt ist hier keine vollständige Darstellung der beispielhaft genannten Aspekte, sondern eine differenzierte Schwerpunktsetzung durch den Prüfling, die allerdings mehrere Gesichtspunkte aufgreift. Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
Ministerium für Schule und Bildung NRW D LK HT 2 Seite 4 von 9 8 deutet das Gedicht vor dem Hintergrund der Kenntnisse des Expressionismus, etwa im Hinblick auf: • die poetische Darstellung einer subjektiven, stark überzeichneten Wahrnehmung der durch ein Naturphänomen verfremdeten Außenwelt; typische Abkehr vom tra- ditionellen Natur- und Stimmungsgedicht, • den unsicheren Wirklichkeitsbezug der Aussagen als Ausdruck der durch den Nebel aufgelösten vertrauten Wirklichkeit; Tendenz zu dissoziierter Weltwahrnehmung, • die Darstellung tiefgreifender Verunsicherung und unaufhebbarer Entfremdung etwa im Kontext zunehmenden nihilistischen Bewusstseins, • die dichterische Diagnose eines von Unverbundenheit geprägten existenziellen Zeit- und Lebensgefühls, dem feste und verlässliche Orientierungen sowie übergreifende (etwa moralische oder religiöse) Sinnbezüge abhandengekommen sind, • den im Zusammenhang mit der Erschütterung des tradierten Weltbildes bestehen- den Kontrast zwischen konventioneller Form und verstörendem Inhalt. 7 Angestrebt ist hier keine vollständige Darstellung der beispielhaft genannten Aspekte, sondern eine differenzierte Schwerpunktsetzung durch den Prüfling, die allerdings mehrere Gesichtspunkte aufgreift. 9 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (4) Teilaufgabe 2 Anforderungen Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 formuliert eine aufgabenbezogene Überleitung unter Nennung der Titel, Autoren und möglicher Vergleichshinsichten bzw. mit Hinweisen auf das weitere methodische Vorgehen. 2 2 beschreibt den formalen Aufbau des Gedichts: • liedhafte Strophenform: neun Strophen mit je vier Versen, • Kreuzreim, • Metrum: trochäische Verse mit vier und drei Hebungen im Wechsel. 3 3 erschließt das Thema und den inhaltlichen Aufbau des Gedichts, etwa: • Strophe 1 – 2: Fähigkeit des Mondscheins, das lyrische Ich während seiner nächt- lichen Wanderung von Schmerzen und Sorgen zu entlasten und seine Schmerzen zu lindern; Mond als tröstender und schützender Freund (Gegenwart), • Strophe 3: (vom Mond geweckte) Erinnerungen an einen wechselvollen Lebens- weg, positive und negative Erlebnisse, Verlusterfahrungen; Einsamkeit des lyri- schen Ichs, „Qual“ des Nicht-Vergessen-Könnens (Rückschau), • Strophe 4 – 5: Vergegenwärtigung der Flüchtigkeit erlebter Glücksmomente, rau- schender Fluss als Sinnbild für die Vergänglichkeit von Liebe und Treue, Melan- cholie, • Strophe 6 – 7: Beschwörung jahreszeitlich gefärbter Flussgeräusche als Ausgangs- punkt lyrischen Schaffens (Gegenwart), • Strophe 8 – 9: Bekenntnis zur Selbstbeschränkung in der Abgeschiedenheit und Lob der Freundschaft, Sensibilität und Offenheit für die Geheimnisse des Lebens, Überwindung von Leid und Ausbreitung innerer Zufriedenheit, Öffnung eines Wegs nach innen durch Hinwendung zur Natur, Bedeutung des Unbewussten (Gegenwart und Ausblick auf die Zukunft), • Thema: Erleben einer Mondnacht in der Natur und in ihrer Bedeutung für den Menschen. 9 Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
Ministerium für Schule und Bildung NRW D LK HT 2 Seite 5 von 9 4 untersucht auffällige sprachliche und bildliche Gestaltungsmittel in ihrer Funktion, etwa: • wiederholte Aufforderungen und Anreden als Hinweis auf die innige, vertraute und verlässliche Beziehung zur Natur, • Personifikation des Mondes durch Adjektive und Verben, die seine beruhigende Wirkung auf das Ich ausdrücken, • Vergleiche sowie prägnante Attribute zur Betonung des harmonischen Zusammen- hangs von Naturerscheinungen und menschlichem Gefühl, • emphatische Anrede der Natur zur Akzentuierung von Leitgedanken und Verstär- kung von Gefühlen, • bildlich-metaphorische Wendungen zur Veranschaulichung innerer Vorgänge und Gedanken („Labyrinth der Brust“), • Enjambements und trochäische Verse zur ausgewogenen rhythmischen Belebung, • Parallelisierung von Fluss und menschlichem Lebenslauf – Fluss als Symbol der Vergänglichkeit menschlicher Glückserfahrung, • kreisförmige Struktur des Gedichts durch Wiederaufnahme des Wortes „Freund“ (2. Strophe) in der vorletzten Strophe. 6 Angestrebt ist hier keine vollständige Darstellung der beispielhaft genannten Aspekte, sondern eine differenzierte Schwerpunktsetzung durch den Prüfling, die allerdings mehrere Gesichtspunkte aufgreift. 5 erschließt Gemeinsamkeiten beider Gedichte im Hinblick auf die Gestaltung des Ver- hältnisses von Ich und Welt, etwa: • Verwendung derselben Naturmotive: Mond, Nebel, Bäume/Busch, • atmosphärische Gestaltung: Außenwelt, Natur bzw. Naturbildlichkeit als Spiegel seelischer Befindlichkeit, • Tageszeit: Situierung des lyrischen Ichs in der Nacht als Ausgangspunkt für seine Empfindungen und Gedanken im Hinblick auf seine Verortung in der Welt. 7 6 erschließt Unterschiede der Gedichte im Hinblick auf die Gestaltung des Verhältnis- ses von Ich und Welt, etwa: • allumfassende Wirkung eines zerstörerischen Nebels als Ausdruck der Entfrem- dung zwischen Ich und Welt bei Lichtenstein vs. Nebel – sinnlich bzw. synästhe- tisch präsent durch „Nebelglanz“ – als Verkörperung eines heilsamen Welt- und Selbsterlebens bei Goethe, • Nacht als düstere, lebensfeindliche Zeit der Bedrohung und abgründige, desillusio- nierende Mondpoesie – „Spinnenmetapher“ für den Mond als grotesker Ausdruck von Bedrohung, aber auch als Ausdruck der Verlorenheit des lyrischen Sprechers in Raum und Zeit bei Lichtenstein vs. Mond als belebende, wohltuende Kraft und Nacht als Geheimnis, das erlebt und ausgekostet werden soll, als Zeichen der Ver- ankerung des lyrischen Ichs in Raum und Zeit bei Goethe, • negative Darstellung des Menschen bei Lichtenstein als „verrucht“ und „zum Tode taugen[d]“ vs. positive Darstellung des menschlichen Inneren bei Goethe, • keine Veränderung der negativen Emotionen, Ausgeliefertsein an eine trostlose, undurchdringliche und unwirtliche Außenwelt bei Lichtenstein vs. bei Goethe Möglichkeit, lebensgeschichtlich erfahrenes Leid zu überwinden, genussvolle Hin- wendung zu Freundschaft und einer reichen und zugänglichen Innenwelt; letztlich positive Sicht auf das eigene Leben, • fehlende (transzendente) Sinnangebote, Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit bei Lichtenstein vs. Sinngebung durch Selbstbesinnung: Hinwendung zum inneren Erleben, Leben in Selbstbeschränkung und Abgeschiedenheit von der Welt bei Goethe, • natursymbolischer Ausdruck eines Verlusts von Orientierung und Naturverbun- denheit bei Lichtenstein vs. natursymbolischer Ausdruck einer (auf den Leser aus- strahlenden) Geborgenheit und positiven Verbundenheit von Naturwahrnehmung und menschlicher Empfindung bei Goethe, 9 Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
Ministerium für Schule und Bildung NRW D LK HT 2 Seite 6 von 9 • insgesamt: durch den Zeit- bzw. Epochenhintergrund bedingte auffällige Unter- schiede im jeweiligen Naturbezug bzw. im Welt- und Lebensgefühl: Auseinander- fallen von Natur und Mensch bei Lichtenstein vs. durch Kunst vermittelte Ganz- heitserfahrung bei Goethe. Angestrebt ist hier keine vollständige Darstellung der beispielhaft genannten Aspekte, sondern eine selbstständige Schwerpunktsetzung durch den Prüfling, die allerdings mehrere Gesichtspunkte aufgreift. 7 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium. (6) b) Darstellungsleistung Anforderungen Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 strukturiert seinen Text kohärent, schlüssig, stringent und gedanklich klar: • angemessene Gewichtung der Teilaufgaben in der Durchführung, • gegliederte und angemessen gewichtete Anlage der Arbeit, • schlüssige Verbindung der einzelnen Arbeitsschritte, • schlüssige gedankliche Verknüpfung von Sätzen. 6 2 formuliert unter Beachtung der fachsprachlichen und fachmethodischen Anforde- rungen: • Trennung von Handlungs- und Metaebene, • begründeter Bezug von beschreibenden, deutenden und wertenden Aussagen, • Verwendung von Fachtermini in sinnvollem Zusammenhang, • Beachtung der Tempora, • korrekte Redewiedergabe (Modalität). 6 3 belegt Aussagen durch angemessenes und korrektes Zitieren: • sinnvoller Gebrauch von vollständigen oder gekürzten Zitaten in begründender Funktion. 3 4 drückt sich allgemeinsprachlich präzise, stilistisch sicher und begrifflich differen- ziert aus: • sachlich-distanzierte Schreibweise, • Schriftsprachlichkeit, • begrifflich abstrakte Ausdrucksfähigkeit. 5 5 formuliert lexikalisch und syntaktisch sicher, variabel und komplex (und zugleich klar). 5 6 schreibt sprachlich richtig. 3 Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
D LK HT 2 Ministerium für Schule und Bildung NRW Seite 7 von 9 7. Bewertungsbogen zur Prüfungsarbeit Name des Prüflings: ____________________________________ Kursbezeichnung: ____________ Schule: _____________________________________________ Teilaufgabe 1 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 verfasst eine aufgabenbezogene … 3 2 beschreibt den formalen … 3 3 erschließt Inhalt und … 7 4 erschließt die kommunikative … 3 5 untersucht bildliche Gestaltungsmittel … 4 6 untersucht syntaktische Gestaltungsmittel … 3 7 untersucht die Wortwahl … 6 8 deutet das Gedicht … 7 9 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (4) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 1. Teilaufgabe EK 2 ZK DK 36 Teilaufgabe 2 Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling 2 maximal erreichbare Punktzahl 1 formuliert eine aufgabenbezogene … 2 2 beschreibt den formalen … 3 3 erschließt das Thema … 9 4 untersucht auffällige sprachliche … 6 5 erschließt Gemeinsamkeiten beider … 7 6 erschließt Unterschiede der … 9 7 erfüllt ein weiteres aufgabenbezogenes Kriterium: (6) …………………………………………………………….. …………………………………………………………….. Summe 2. Teilaufgabe 36 Summe der 1. und 2. Teilaufgabe 72 EK = Erstkorrektur; ZK = Zweitkorrektur; DK = Drittkorrektur Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch! EK ZK DK
D LK HT 2 Ministerium für Schule und Bildung NRW Seite 8 von 9 Darstellungsleistung Anforderungen Lösungsqualität Der Prüfling maximal erreichbare Punktzahl 1 strukturiert seinen Text … 6 2 formuliert unter Beachtung … 6 3 belegt Aussagen durch … 3 4 drückt sich allgemeinsprachlich … 5 5 formuliert lexikalisch und … 5 6 schreibt sprachlich richtig. 3 Summe Darstellungsleistung 28 Summe insgesamt (inhaltliche und Darstellungsleistung) 100 EK ZK DK aus der Punktsumme resultierende Note gemäß nach- folgender Tabelle Note ggf. unter Absenkung um bis zu zwei Notenpunkte gemäß § 13 Abs. 2 APO-GOSt Paraphe Berechnung der Endnote nach Anlage 4 der Abiturverfügung auf der Grundlage von § 34 APO-GOSt Die Klausur wird abschließend mit der Note ________________________ (____ Punkte) bewertet. Unterschrift, Datum: Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
D LK HT 2 Ministerium für Schule und Bildung NRW Seite 9 von 9 Grundsätze für die Bewertung (Notenfindung) Für die Zuordnung der Notenstufen zu den Punktzahlen ist folgende Tabelle zu verwenden: Note Punkte Erreichte Punktzahl sehr gut plus 15 100 – 95 sehr gut 14 94 – 90 sehr gut minus 13 89 – 85 gut plus 12 84 – 80 gut 11 79 – 75 gut minus 10 74 – 70 befriedigend plus 9 69 – 65 befriedigend 8 64 – 60 befriedigend minus 7 59 – 55 ausreichend plus 6 54 – 50 ausreichend 5 49 – 45 ausreichend minus 4 44 – 40 mangelhaft plus 3 39 – 33 mangelhaft 2 32 – 27 mangelhaft minus 1 26 – 20 ungenügend 0 19 – 0 Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
D LK HT 3 Seite 1 von 4 Name: _______________________ Abiturprüfung 2019 Deutsch, Leistungskurs Aufgabenstellung: 1. Analysieren Sie die Erzählung „Die ganze Nacht“ von Peter Stamm unter besonderer Berücksichtigung der Figurengestaltung. Gehen Sie dabei auch auf die entfaltete Situa- tion und Atmosphäre ein. (36 Punkte) 2. Vergleichen Sie Peter Stamms Erzählung mit der Novelle „Das Haus in der Dorotheen- straße“ von Hartmut Lange im Hinblick auf die literarische Gestaltung der beiden Männer- figuren in ihrer jeweiligen Situation. Berücksichtigen Sie dabei auch die jeweilige Erzähl- strategie im Hinblick auf das, was den Lesenden mitgeteilt und was ihnen vorenthalten wird. Beurteilen Sie abschließend die Darstellungsweisen unter dem Aspekt ihrer mög- lichen Wirkung auf Lesende. (36 Punkte) Materialgrundlage: • Peter Stamm: Die ganze Nacht. In: Ders.: In fremden Gärten. Erzählungen. Zürich, Hamburg: Arche 2003, S. 48 – 54 (1. Auflage August 2003) Zugelassene Hilfsmittel: • Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung • Unkommentierte Ausgabe von Langes „Das Haus in der Dorotheenstraße“ (liegt im Prüfungsraum zur Einsichtnahme vor) Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
D LK HT 3 Seite 2 von 4 Name: _______________________ Peter Stamm (*1963) Die ganze Nacht (2003) 5 10 15 20 25 30 Am späten Nachmittag hatte es angefangen zu schneien. Er war froh, daß er sich den Tag freigenommen hatte, denn der Schnee fiel sofort so dicht, daß er nach einer halben Stunde schon die Straßen bedeckte. Vor dem Haus sah er den Hausmeister den Gehweg kehren. Er trug eine Kapuze und führte auf einer kleinen dunklen Insel einen vergeblichen Kampf gegen den stetig fallenden Schnee. Es war gut, daß er diesmal nicht zum Flughafen gefahren war, um sie abzuholen. Das letzte Mal hatte er ihr Blumen aus dem Automaten gekauft und sie dazu überredet, die lange Fahrt nach Manhattan mit der U-Bahn zu machen. Als sie dann vor einigen Tagen telefoniert hatten, meinte sie, es sei nicht nötig, daß er sie abhole, sie werde ein Taxi nehmen. Er stand am Fenster und schaute hinaus. Selbst wenn der Flug pünktlich war, würde sie frühes- tens in einer halben Stunde hier sein. Aber er war jetzt schon unruhig. Er verwarf Sätze, die er sich in den vergangenen Wochen zurechtgelegt und sich immer wieder vorgesagt hatte. Er wußte, daß sie eine Erklärung verlangen würde, und wußte, daß er keine hatte. Er hatte nie Erklärungen gehabt, aber er war sich immer sicher gewesen. Eine Stunde später stand er wieder am Fenster. Es schneite noch immer, heftiger als zuvor, es war ein richtiger Schneesturm. Der Hausmeister hatte seinen Kampf aufgegeben. Alles war jetzt weiß, selbst die Luft schien weiß zu sein oder vom hellen Grau der einsetzenden Dämme- rung, das kaum zu unterscheiden war vom Weiß des fallenden Schnees. Die Autos fuhren langsam und mit großer Behutsamkeit. Die wenigen Fußgänger, die noch draußen waren, stemmten sich gegen den Wind. Er schaltete den Fernseher ein. Auf allen lokalen Kanälen war vom Sturm die Rede, und es war seltsam, daß man ihm schon einen Namen gegeben hatte, den alle Stationen kannten. In den Außenbezirken, hieß es, sei das Chaos noch größer als in der Innenstadt, und von der Küste kamen Meldungen über Hochwasser. Aber die Moderatoren, die man hinausgeschickt hatte und die, dick angezogen, in Mikrophone mit groteskem Windschutz sprachen, waren guter Laune und warfen Schneebälle in die Luft und wurden nur ernst, wenn sie von Sach- oder Personenschäden zu berichten hatten. Er rief die Fluggesellschaft an. Der Flug, sagte man ihm, sei wegen des Schneesturms nach Boston umgeleitet worden. Kaum hatte er aufgelegt, klingelte das Telefon. Sie rief aus Boston an, sagte, sie müsse gleich weiter. Es gebe Gerüchte, daß der Kennedy Airport wieder offen sei. Vielleicht müßten sie aber auch in Boston übernachten. Sie sagte, sie freue sich auf ihn, und er sagte, sie solle auf sich aufpassen. Sie sagte, bis später, und legte sofort auf. Draußen war es dunkel geworden. Der Schnee fiel unaufhörlich, er fiel und fiel, und außer einigen Taxis, die im Schrittempo fuhren, waren keine Autos mehr zu sehen. Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!
D LK HT 3 Seite 3 von 4 Name: _______________________ 35 40 45 50 55 60 65 70 Er hatte mit ihr essen gehen wollen, jetzt hatte er Hunger. Und es würde noch Stunden dauern, bis sie hier war. Im Kühlschrank gab es nur ein paar Dosen Bier, im Gefrierfach eine Flasche Wodka und Eiswürfel. Er dachte, daß er etwas einkaufen sollte. Sie würde bestimmt hungrig sein nach der langen Reise. Er zog seinen warmen Mantel an und Gummistiefel. Er hatte keine anderen hohen Schuhe, die Stiefel hatte er kaum je getragen. Er nahm einen Schirm und ging nach draußen. Der Schnee lag hoch, aber er war nicht schwer und ließ sich mit den Beinen leicht beiseite pflü- gen. Alle Geschäfte waren geschlossen, nur in wenigen hatte sich das Personal die Mühe ge- macht, auf einem improvisierten Schild den Grund für den frühen Ladenschluß zu nennen. Er ging quer durch die Stadt. Die Lexington Avenue war schneebedeckt, auf der Park Avenue sah er in einiger Entfernung die orangefarbenen Blinklichter der Schneepflüge, die in einem Konvoi die Straße heraufkamen. Die Madison und die Fifth Avenue waren irgendwann ge- räumt worden, aber sie waren schon wieder weiß. Hier mußte er über hohe Schneewälle stei- gen. Er sank ein, und Schnee drang in seine Stiefel. Über den Times Square lief ein Langläufer. Die Leuchtreklamen blinkten, als sei nichts ge- schehen. Die farbigen Bewegungen hatten etwas Gespenstisches in der großen Stille. Er ging weiter, den Broadway hinauf. Kurz vor dem Columbus Circle sah er die erleuchteten Fenster eines Coffee Shops. Er war schon früher dort eingekehrt, der Geschäftsführer und die Kellner waren Griechen, und das Essen war gut. Im Lokal waren nur wenige Gäste. Die meisten saßen allein an einem Tisch an der Glasfront, die bis zum Boden reichte, tranken Kaffee oder Bier und schauten hinaus. Die Stimmung war festlich, niemand sprach, es war, als seien sie alle Zeugen eines Wunders. Er setzte sich an einen Tisch und bestellte ein Bier und ein Club Sandwich. Der Schnee in seinen Stiefeln begann zu schmelzen. Als der Kellner das Bier brachte, fragte er ihn, weshalb das Lokal noch offen sei. Sie hätten nicht mit so viel Schnee gerechnet, sagte der Kellner, jetzt sei es zu spät. Die meisten von ihnen wohnten in Queens, und dort hinauszukommen sei im Moment unmöglich. Da könnten sie das Lokal ebensogut offenlassen. „Vielleicht die ganze Nacht“, sagte der Kellner und lachte. Der Weg zurück schien leichter zu sein, obwohl es immer noch schneite. Er hatte sich ein Sandwich für sie einpacken lassen und gemerkt, daß er nicht wußte, was sie mochte. Er hatte eins mit Schinken und Käse genommen. Keine Mayonnaise, keine Pickles, das wußte er noch. Sie hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, auf dem Anrufbeantworter. Einen Flug habe es nicht gegeben, jetzt sei auch Boston zu. Man bringe sie zum Bahnhof, von dort solle es einen Zug geben. Sie werde, wenn alles gutgehe, in vier Stunden in Manhattan sein. Der Anruf war vor einer Stunde gekommen. Er schaltete wieder den Fernseher ein. Ein Mann stand vor einer Karte und erklärte, daß der Sturm entlang der Küste nach Norden ziehe, er habe inzwischen Boston erreicht. In New York Abiturprüfung 2019 – Nur für den Dienstgebrauch!