Private Infrastruktur für die Lehre: So viel bezahlen Hochschulen für Zoom

In der Pandemie sind Präsenzveranstaltungen für Hochschulen kaum möglich. Sie müssen in den digitalen Raum ausweichen. Aber zu welchen Anbietern? Viele Unis wählten den US-Anbieter „Zoom“, trotz massiver Sicherheits- und Datenschutzlöcher. Wie viel das gekostet hat, zeigen die Ergebnisse unserer Anfragen in ganz Deutschland.

Leerer Vorlesungssaal
Aktuell leer: die Vorlesungssäle der Hochschulen –

Changbok Ko

Wer hat noch einen Überblick über die zahlreichen Datenschutzpannen von Zoom? Die US-amerikanische Software für Videokonferenzen erfreut sich an deutschen Hochschulen auch im Jahr Eins nach Beginn der Pandemie größter Beliebtheit. Alternativen wie BigBlueButton, deren Code öffentlich einsehbar ist und die von europäischen Unternehmen bereitgestellt werden können, finden sich selten.

Hochschulen begründen dies meist damit, dass alternative Lösungen nicht so gut funktionieren würden wie Zoom und zu teuer seien. Stimmt das? Wir haben fast alle deutschen Universitäten und Hochschulen per Informationsfreiheitsanfrage mit insgesamt 396 Anfragen gefragt, wie viel sie im vergangenen Jahr an Zoom Video Communications Inc. gezahlt haben.

Wissenschaftsfreiheit, nicht Wissensfreiheit

Die Anfragen haben wir Ende Oktober und Anfang November versendet. Seitdem ist viel Zeit vergangen – dennoch haben etwa 40 Prozent aller Hochschulen unsere Anfragen zum heutigen Stand nicht beantwortet. Mehr als 20 Prozent verweigerten die Auskunft, denn leider greift in vielen Bundesländern das Informationsfreiheitsgesetz für Hochschulen nicht, die in den Bereichen Forschung und Lehre tätig sind (also normalen Hochschultätigkeiten nachgehen). Nur Hochschulen in vier Bundesländern sowie solche, die vom Bund getragen werden, sind voll auskunftspflichtig.

Von den knapp 200 Hochschulen, die unsere Anfragen beantwortet haben, unterhalten 60 Prozent keine Geschäftsbeziehungen mit Zoom und waren in der Folge natürlich eher bereit, Anfragen zu erwidern. Unter dem Strich bleiben damit 80 Hochschulen übrig, die ihre Zahlungen offengelegt haben. Rechtlich verpflichtet sind dazu aber eigentlich deutlich mehr, weshalb wir juristische Schritte gegen einige Hochschulen einleiten werden.

Anfragen nach Status

Über 6 Millionen Euro für Zoom?

Rechnet man die Ausgaben der Hochschulen aus den Antworten zusammen, haben sie Zoom im Jahr 2020 insgesamt 2.764.771 Euro bezahlt. Überschlagen auf alle Hochschulen, zu denen keine Daten vorliegen, haben deutsche Hochschulen etwa 6,4 Millionen Euro an das US-Unternehmen gezahlt. Der tatsächliche Betrag dürfte allerdings noch deutlich höher sein. Uns haben vor allem Hochschulen geantwortet, die weniger als 100.000 Euro an Zoom bezahlt haben – nur neun bezahlen mehr.

Histogramm der Ausgaben

Im Schnitt sind das etwa 30.000 Euro pro Hochschule, also 2.500 Euro im Monat.

Studierende zeigen, wie es besser geht

Was wäre, wenn die Hochschulen ihre Millionen-Budgets in eigene Infrastruktur investieren würden, statt Zoom zu bezahlen? Neben Zoom gibt es einige, mindestens genau so gute Alternativen. Studierende aus Darmstadt und Karlsruhe betreiben in ihrer Freizeit das Projekt Senfcall. Basierend auf dem quelloffenen System „BigBlueButton“ bieten sie kostenlose, datenschutz-respektierende Videokonferenzen an. Auf Anfrage erklären sie, dass ein solches System auch für Hochschulen möglich wäre:

„Es gibt kommerzielle BigBlueButton-Anbieter. [...] Die Universitäten können BigBlueButton aber auch selbst hosten. Hochschulen, die ein eigenes Rechenzentrum oder einen eigenen Fachbereich Informatik haben, sollten dazu in der Lage sein.“
Senfcall

Dass das auch in der Praxis funktioniert, zeigt etwa die Hochschule Darmstadt, die nicht nur die freie Software auf eigenen Servern betreibt und somit die Privatsphäre und Sicherheit von den Studierenden schützt, sondern sogar selbst eine für Hochschulen zugeschnittene Erweiterung und Dokumentation entwickelt. Diese wird kostenfrei zur Verfügung gestellt, sodass alle davon profitieren können. Auch die TU Chemnitz oder die Universität Osnabrück handeln ähnlich.

Sicher kann nicht jede kleine Hochschule eine eigene Konferenzinfrastruktur selbst betreiben. Allerdings ist Zoom Video Communications Inc. auch nicht der einzige Anbieter von „Video Conferencing As A Service“ – es gibt auch viele deutsche oder europäische Dienstleister:innen, die datenschutzkonforme Systeme auf Abruf bereitstellen und betreuen können.

Kräfte bündeln, Daten schützen, Kosten sparen

Noch besser geht es aber, wenn etwa die Hochschulen auf Landesebene kooperieren. Das wird schon für den Betrieb anderer Software umgesetzt, etwa für den Clouddienst „Hessenbox“. Aus eigener Erfahrung schätzen die Studierenden hinter Senfcall die Kosten für einen solchen Aufbau als vergleichsweise gering ein und sprechen „von zwei bis drei Vollzeitstellen auf ein gesamtes Bundesland zzgl. der organisatorischen Verwaltung und Betreuung der Nutzenden jeder einzelnen Hochschule, die aber unabhängig des genutzten Systems immer notwendig ist“.

Der Verein hinter Senfcall hält Lösungen, die nicht mit der Datenschutzgrundverordnung kompatibel sind – darunter fällt auch Zoom – für nicht akzeptabel und fordert unter anderem, dass Open-Source Lösungen bevorzugt eingesetzt werden sollten. Das Geld dafür ist offenbar da.

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Datensatz im CSV-Format (Stand: 22.03.2021. CC-BY-SA 3.0)
→ zu den Anfragen: Universitäten, andere Hochschulen

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels wurde beschrieben, dass die Kunsthochschule Kassel mit weniger als 1.000 Studierenden mehr als 100.000 Euro für Zoomlizenzen bezahlte. Diese gehört jedoch zur Universität Kassel, welche deutlich größer ist.

Bild des Autors

Max Kronmüller

Max macht seinen Bundesfreiwilligendienst bei FragDenStaat. E-Mail: max.kronmueller@okfn.de (PGP) Mastodon: @krmax44@chaos.social

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